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"Heimweh ist die schlimmste Krankheit" Georges-Arthur Goldschmidt: "Vom Nachexil"

"Das Exil ist der nie endende Augenblick des Abschieds, auf den man sich lange vorbereiten muss, um nicht vom Heimweh zerrissen zu werden. So bleibt der Abschiedstag an einem haften bis zum letzten Tag, er steigt in einem ganz plötzlich und unerwartet auf. Jeder Exilierte, jeder Emigrant trägt einen solchen Tag in sich", schreibt Georges-Arthur Goldschmidt in seinem neuen Roman "Vom Nachexil". Diesen Augenblick erlebte der Schriftsteller am 18. Mai 1938, er bestimmte sein schriftstellerisches Leben. Der Augenblick als existentielle Ortlosigkeit.

Stand: 27.01.2020

Georges-Arthur Goldschmidt | Bild: picture-alliance/dpa

Geschichten schreiben, um sich vor dem Heimweh in Sicherheit zu bringen

Dieser einzige Augenblick des Abschieds, bei dem man alles verliert, die Heimat, die Sprache und seine Zugehörigkeit, beschäftigt Georges-Arthur Goldschmidt seit mehr als 80 Jahren. Über das Bild, als der Zehnjährige seine Eltern am Hamburger Bahnhof zum letzten Mal sieht, wie ihre Silhouetten langsam verschwimmen, schreibt er in all seinen Werken. In "Vom Nachexil" betrachtet er die Vertreibung, die Entwurzelung aus der Perspektive des Exils. Es ist ein Nachdenken über die Ortlosigkeit, die Verzweiflung, aber auch über Zuversicht, über das zweigeteilte Leben im Jetzt und im Vorher.

"Wer einmal ins Exil getrieben wurde, kommt lebenslang nicht mehr davon ab. Das Exil besteht auch aus einigen ganz kurzen, unmerklichen, gewöhnlichen Augenblicken. Man macht zum Beispiel eine Tür zu, steigt in einen Wagen; es ist von außen gesehen eine unscheinbare, winzige Begebenheit, nach der aber alles unwiederbringlich vorbei ist. In einem selbst ist es wie immer, nur daß man schlagartig feststellt, daß man seine Sprache mitnimmt, daß man sie nun in sich und hinter sich hat, aber weder um noch vor sich."

aus: 'Vom Nachexil', erscheint am 2. März im Wallstein Verlag

Trotz der Grausamkeiten des Lebens, die sich geradezu alle auf den "Geburtsschuldigen" stürzen, findet Georges-Arthur Goldschmidt eine poetische Sprache voller Leichtigkeit, Ironie und Humor. Bitterkeit, Resignation wären eigentlich die Stimmungen, die man erwarten würde. Ein sprachliches Feuerwerk voller Wortschöpfungen und Bildern. Herta Müller schrieb über Georges-Arthur Goldschmidt: "Ich kenne kaum einen Autor, der jedes deutsche Wort so schrecklich teuer bezahlt hat."

Heimatsuche in der Sprache

Georges-Arthur Goldschmidt, geboren am 2. Mai 1928 in Reinbek bei Hamburg, stammt aus einer großbürgerlich-hanseatischen Familie, die bereits im 19. Jahrhundert vom Judentum zum protestantischen Glauben konvertiert war. Trotzdem wird er 1938 von seinen Eltern als Zehnjähriger mit seinem vier Jahre älteren Bruder Erich in einem Zug nach Florenz verschickt, wo sie bei Paul Binswanger Unterschlupf finden.
Ein paar Monate später, im März 1939, flieht Georges-Arthur in die französischen Savoyen, wo er in einem Internat bei Annecy unterkommt, in dem Demütigungen und Züchtigungen auf der Tagesordnung stehen. Während der deutschen Besetzung wird er von Bergbauern versteckt gehalten, was ihn vor der Deportation bewahrt. Seine Mutter überlebt die NS-Zeit nicht, sein Vater wird 1942 nach Theresienstadt gebracht, kommt nach Reinbek zurück, stirbt aber kurze Zeit später.

Die ersten Jahre nach der Befreiung verbringt Georges-Arthur in einem Waisenhaus in Pontoise, macht in Paris sein Abitur und studiert an der Sorbonne Germanistik. 1957 legt er das französische Lehrexamen ab und unterrichtet bis zu seiner Pensionierung an verschiedenen Gymnasien.
Zu schreiben begann Goldschmidt in den 60er Jahren. Essays und Romane in französischer Sprache. Er verfasste Kritiken und übersetzte Friedrich Nietzsche, Walter Benjamin, Franz Kafka, Goethe, Adalbert Stifter und Peter Handke. Mit 18 Übersetzungen hat Goldschmidt seinen österreichischen Kollegen in Frankreich bekannt gemacht.
1997 erhält Goldschmidt die Ehrendoktorwürde der Universität Osnabrück. Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit dem Geschwister-Scholl-Preis, dem Ludwig-Börne-Preis, dem Literaturpreis der Stadt Bremen, der Goethe-Medaille, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Prix de l`Académie de Berlin ausgezeichnet. 2015 erhielt er den Sigmund-Freud-Kulturpreis.

Georges-Arthur Goldschmidt lebt heute in Paris. Er ist Mitglied des Deutsch-Französischen Kulturrats und Mitarbeiter verschiedener Feuilletons in Frankreich und in Deutschland. Er ist Autor zahlreicher Essays und Romane. In Frankreich erregte er besonderes Aufsehen mit seinem subtilen Buch über die deutsche Sprache: »Quand Freud voit la mer - Freud et la langue allemande« 1988.

"Vom Nachexil" - Lesung und Gespräch vorab auf Bayern 2

Schauspieler Götz Schulte liest Georges-Arthur Goldschmidt

Genau einen Monat vor seinem Erscheinen liest Schauspieler Götz Schulte am 2. Februar in "radioTexte - Das offene Buch" Ausschnitte aus dem neuen Werk von Georges-Arthur Goldschmidt, der aus Paris zugeschaltet ist. In "Vom Nachexil" stellt der Meister der Autofiktion fest:
"Es galt, die Heimat in einigen Momenten so scharf zu photographieren, daß deren Grundzüge als Raster des Empfindens in einem bleiben konnten. Es ist erstaunlich, was das Gehirn bei solcher Gelegenheit alles leisten kann; es arbeitet derart perfekt, daß nach achtzig Jahren alles noch an Ort und Stelle ist, so sehr, daß unter jedem Wahrnehmungsbild der Gegenwart ein anderes, ein Phantombild aus der Vergangenheit hochkommt, nicht aus einer beliebigen Vergangenheit, sondern aus einer verbotenen Vergangenheit, aus der man ausgeschlossen wurde."

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2
Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche


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