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Fremd zwischen den Welten "Die Leere der Vase" - Arabische Poesie von Galal Alahmadi

Seine Gedichte sind geprägt von Melancholie, Ausweglosigkeit und Verlorenheit in einer Welt voller Gewalt, Rassismus und Repressionen. Sie handeln aber auch von Liebe und Einsamkeit, von Zwiegesprächen mit Gott, ironisch und kritisch. Der 1987 im saudischen Tabuk geborene Schriftsteller gehört zu den postmodernen Dichtern aus der arabischen Welt, seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2019 zeichneten die Stiftung Brandenburger Tor und die Allianz-Kulturstiftung ihn mit dem Torschreiberstipendium aus. Lesung und Gespräch mit Galal Alahmadi und dem Schauspieler Martin Umbach.

Stand: 08.01.2021

Landschaft im Jemen mit Blick auf das Arabische Meer  | Bild: BR Bild/stock.adobe.com/Givaga

Galal Alahmadi wurde 1987 in der saudi-arabischen Stadt Tabuk am Roten Meer geboren. Als Jemenit erzogen und aufgewachsen, wurde er zum ersten Mal in der Schule mit Rassismus konfrontiert, er durfte nicht die Flagge der Saudis hissen wie seine Mitschüler, er verstand deren Sprache nur teilweise, er gehörte einfach nicht dazu. Früh fing er an zu schreiben, zog es vor zu schweigen und dem Papier sein Herz anzuvertrauen. Weil er als Jemenit in Saudi-Arabien nicht studieren durfte, verließ er seine Familie und ging in den Jemen, wo er Bauwesen und Literatur studierte. Er arbeitete als Journalist und Redakteur für verschiedene arabische Zeitungen und einem Magazin der Revolutionsbewegung und veröffentlichte Gedichte, in denen er sich kritisch mit Tradition und Religion auseinander setzt, mit Krieg, Zerstörung und Meinungsfreiheit.
2011 wurde er mit dem ersten Preis im nationalen Dichterwettbewerb des Jemen ausgezeichnet, 2014 erhielt er den "Abdulaziz-al-Maqalih-Preis" für Dichtung und 2017 in Kairo den renommierten "Afifi-Matar-Preis" für Poesie. 2011 floh er nach Jordanien, dann in den Libanon, 2016 kam er mit seiner Familie nach Deutschland. Sein erster Gedichtband auf Deutsch und Arabisch erschien 2020 in der Übersetzung von Leila Chammaa und Günther Orth im Secession Verlag.

"Die Leere der Vase"

"Guten Morgen, lieber Gott
ich lade dich ein zu mir, in mein kleines Zuhause.
Ich habe zwar keine Sünden zu beichten
jedenfalls nicht dir
biete dir aber die Gelegenheit zu weinen mit einem Menschen.
Ich kann dir keine Liebe vorgaukeln
– so sind wir wenigstens gleichberechtigt –
und einen Kaffee habe ich auch nicht anzubieten
aber ein geselliges Beisammensein auf dem Balkon
und ein gemeinsames Träumen.
Vielleicht sage ich Dinge, die du nicht hören willst
denn ich bin verzweifelt
und deshalb menschlicher als du."

aus 'Die Leere der Vase' von Galal Alahmadi, übersetzt von Leila Chammaa

"Ich kam zur Literatur, weil das für mich immer direkt mit dem Menschen und dem Menschlichen zu tun hat. Ich habe ja schon sehr früh begonnen, als Jugendlicher, zu dichten. Und von Anfang an ging es mir um innere Gedanken und Gefühle, die ich zu Papier brachte, vor allem um die Grauzone zwischen Verbotenem und als Sünde Bezeichnetem und Traditionen und allem, was sich daraus ergibt: Dinge, die man tun muss und nicht tun darf. Und meine Gedichte waren eigentlich immer ein Protest gegen gesellschaftliche oder von einem Regime auferlegte Fesseln. Menschlichkeit steht im Zentrum der Dichtung", erzählt Galal Alahmadi im Gespräch mit Cornelia Zetzsche.

"Ich habe keinen Schatten"

"Weil ich keinen Schatten habe
gehe ich an der Wand entlang
eine Hand in der Tasche
tastend nach dem letzten 'Guten Morgen'
das mir eine junge Frau zurief
die mich für einen Schwan hielt."

übersetzt von Günther Orth

Galal Alahmadi: "Es gibt da etwas, was mit Sprache und Identität wiederum zu tun hat. Unser Vater hat uns Kinder in Saudi-Arabien immer dazu erzogen, dass wir möglichst wenig Kontakt mit der saudischen Gesellschaft haben sollen. Das hat sich dann darin äußert, dass wir also zu Hause immer jemenitischen Dialekt gesprochen haben, jemenitisches Arabisch, also Kitas und so was gab es nicht. Mit sechs Jahren kam ich in die Schule und hörte plötzlich eine ganz andere Sprache, also zumindest sehr viele Vokabeln, die ich gar nicht kannte, Schimpfwörter, die ich anfangs nicht verstand, und konnte mit den anderen Kindern am Anfang gar nicht richtig kommunizieren und habe es dann vorgezogen, zu schweigen. Auch weil mir sonst immer wieder vorgehalten wurde. ach, du bist der Jemenit. Und so ähnlich geht es mir jetzt noch mal."

"Aber weil ich auch keine Wand habe
laufe ich durch das 'Guten Morgen'
meinen Kopf unter den Arm geklemmt
wie ein Knäuel von billiger Wolle
das vor Katzenkrallen Angst hat
und zum Stricken nicht einmal im Traum mehr taugt."

aus 'Die Leere der Vase'

Lesung und Gespräch mit Galal Alahmadi

Martin Umbach und Galal Alahmadi

Am Sonntag, dem 10. Januar, liest Schauspieler Martin Umbach zusammen mit dem Schriftsteller Galal Alahmadi Ausschnitte aus dem Gedichteband "Die Leere der Vase". In der Übersetzung von Leila Chammaa und Günther Orth erschienen im Secession Verlag.

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2


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