Bayern 2 - radioTexte


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Franzobel "Die Eroberung Amerikas" Mit Axel Milberg auf dem erfolglosesten Eroberungszug der Geschichte

"Darf man den Geschichtsbüchern glauben? Geschichte wird von Siegern geschrieben, von denen, die Geld und Einfluss haben. Andere Sichtweisen werden abgewürgt oder lächerlich gemacht. Warum sollte es  der indigenen Bevölkerung Amerikas besser gehen?" Hernando De Soto, der als Held gefeierte Konquista, der mit Pizarro Peru "befriedete", bei seinen Feldzügen aber Spuren der Verwüstung hinterließ, indigene Stämme versklavte und ausbeutete, diente als Vorlage für Franzobels Antihelden Ferdinand Desoto, der sich im Auftrag Kaiser Karl V. aufmachte, Florida zu erkunden und zu missionieren.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 20.02.2021

Hernando De Soto auf der erfolglosesten Expedition in Amerika, Gemälde von William Henry Powell | Bild: wikimedia/

"Eroberer haben sich noch nie mit Ruhm bekleckert"

Dieses Zitat aus Joseph Conrads Erzählung "Herz der Finsternis" stellt Franzobel seinem 600 Seiten Mammutwerk voran. Über vier Jahre hat der österreichische Bestsellerautor für seinen historischen Roman recherchiert, bereiste Kuba, Kolumbien, Brasilien, Panama, die USA, Spanien und Algerien. Das historische Geschehen der Expedition, die 1538 von Spanien aus startete, konfrontiert er mit der Forderung eines New Yorker Anwalts im Namen aller indigenen Stämme auf Rückgabe der gesamten USA an die Ureinwohner, 500 Jahre später.

Die Ermordung des letzten Inka-Königs Atahualpa

"Richter Mortimer Grant machte ein Gesicht, als plagten ihn Blähungen. Er trat vom Fenster zurück, nahm seinen Cowboyhut vom Kopf und fächelte sich Luft zu. Der weißhaarige Grant war ein gutmütiger Mensch mit Gerechtigkeitssinn, aber Kopfzerbrechen bereitete dem Richter der Brief, den ihm seine Sekretärin in die Hand gedrückt hatte. Eine Klage auf Rückgabe der Vereinigten Staaten an die Indianer? Die Worte dieser unverschämten Forderung hallten in ihm nach wie Steine, die in einen tiefen Schacht gefallen waren. Contra legem. Seit dem Codex Hammurabi war keinem Richter so etwas Vertrotteltes jemals untergekommen."

aus 'Die Eroberung Amerikas', Zsolnay

Auf diesem Tableau zwischen 16. Jahrhundert und der Jetztzeit entwickelt Franzobel seine Figuren und seine Handlungsstränge, die mäandern zwischen den Zeiten, die einen Blick aus der Jetztzeit auf die Vergangenheit ermöglichen, sich nicht im Historischen verlieren, sondern Kommentare, Gedanken, verschiedenste Perspektiven ermöglichen, ein Panorama auffächern von Gier, Größenwahn und Überheblichkeit, eine Gleichzeitigkeit zwischen Pluderhosen, glänzenden Helmen, rostigen Speeren, Cowboyhüten und Egoshooter-Spielen.

De Sotos Ankunft in Florida 1539

"Die Chance ist gering, heutzutage einen Menschen des 16. Jahrhunderts zu treffen. Es wird niemanden geben, der bei der ersten Begegnung zwischen Weißen und Indianern dabei gewesen ist. Es wird sich keiner finden, der von einem eine butterweiche Menschenleber verspeisenden Kariben berichtet, von indianischen Kochtöpfen, aus denen Kinderbeine ragen. Niemand hat die Zeremonien, Drogenexzesse und Massenhinrichtungen erlebt oder den von Frauenbrüsten träumenden Mönch gekannt, der im Delirium Amazonenstämme erfand und dem größten Strom Südamerikas den Namen gab. Eroberer prangen an Hausfassaden, auf Münzen, Bierdosen oder Briefmarken: Francisco Pizarro, Hernán Cortés, Pedro de Alvarado, Lope de Aguirre und noch ein paar Namen, durch die ein R rollt wie eine Erntemaschine über einen Hasenbau. Spanien nennt sie Entdecker oder 'freundschaftliche Völkerverständiger', dabei waren sie Brutalos, die unter dem Vorwand der Christianisierung unfassbare Grausamkeiten begingen."

aus 'Die Eroberung Amerikas'

Lesung mit Axel Milberg und Gespräch mit Bestsellerautor Franzobel

Der Impuls für den neuen Roman "Die Eroberung Amerikas" erzählt der preisgekrönte Autor, war ein einziger Satz, der in einer Fernsehsendung gefallen war, dass diese Expedition "der erfolgloseste Eroberungszug in der Geschichte der spanischen Konquistadoren sei. Das hat mich dermaßen gefangengenommen, dass ich dann begonnen habe zu recherchieren. Und dann hat es mich so fasziniert, mich mit dem 16. Jahrhundert zu beschäftigen, in diese Zeit einzutauchen", dass ein 600 Seiten starker, spannender Roman entstanden ist, der "mit Verve, Fabulierlust und Mitteln der Volksoper farbenprächtige Bilder und ein Panoptikum skurriler Figuren entwirft. Erkenntnis- und Lesevergnügen zugleich, mit einer Utopie am Ende – und preisverdächtig," sagt Literaturexpertin Cornelia Zetzsche.
Und wer wissen will, welchem Herrscher Franzobel diesen Satz: "N Gott as wollt hätt, laub Ihr, Gott hätt Eu schickt, i Wilden u bekehrn?" in den Mund gelegt hat, der höre Axel Milbergs grandiose Lesung am Sonntag, dem 7. Februar, um 12.30 Uhr auf Bayern 2.

Schauspieler Axel Milberg

Teil 1 am 7. Februar
Teil 2 am 14. Februar
Teil 3 am 21. Februar
Teil 4 am 28. Februar

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

So beginnt "Die Eroberung Amerikas"

"Gestern war heute noch morgen, und übermorgen wird morgen gestern sein. Manchmal ist etwas Wahrheit, auch wenn es nicht erkannt wird. Geschichte wird geschrieben, ist parteiisch, voller Skurrilitäten. Sonnenkönig Ludwig XIV. etwa war ein gefräßiger, zahnloser Fettwanst, dem beim Essen Suppe aus der Nase spritzte. Albert Einsteins Hirn wurde von einem Pathologen gestohlen und vierzig Jahre durch die Provinz gekarrt. Papst Innozenz der Achte war so fett, dass kleine Monde um ihn gekreist sind. ... Der Leiche Karls des Fünften wurde der kleine Finger gestohlen, und … nicht zu fassen, was da alles ans Licht kommt … Christoph Kolumbus hat Amerika nur aufgrund eines Rechenfehlers entdeckt. Und solch historische Persönlichkeiten werden bei Festumzügen herumgeschleppt?"


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