Bayern 2 - radioTexte

"Der Geldkomplex" Franziska zu Reventlows Roman über Geld und Psyche

Was tun, wenn sich alles ums Geld dreht - weil einfach keins da ist? Die Erzählerin im Roman von Franziska zu Reventlow lässt sich von einem frühen Freudianer ins Sanatorium einliefern. Gerechnet und spekuliert wird allerdings auch dort.

Stand: 20.07.2018

Über Geld spricht man nicht – Geld hat man. Oder hätte es haben können, wenn man aus altem holsteinischen Adel stammt wie Fanny Sophie Liane Auguste Adrienne zu Reventlow, geboren 1871 im Schloss Husum. Doch die junge Gräfin verzichtete darauf, erst "höhere Tochter" zu sein und dann eine gute Partie zu machen, wurde wegen Widerspenstigkeit vom Mädchenpensionat verwiesen und floh schließlich vor ihrer Familie nach München. Dort wurde sie zum umschwärmten Mittelpunkt der Schwabinger Boheme – und lernte chronische Geldsorgen kennen.

Das Geld ins Unterbewusstsein verdrängt

Von diesen Sorgen und ihrer Behandlung erzählt zu Reventlow in ihrem Roman "Der Geldkomplex", einer ironischen Auseinandersetzung mit Psychoanalyse und Pleite. Die Heldin schreibt Briefe aus einer Heilanstalt, in die sie sich begeben hat, um eben diesen "Geldkomplex" zu kurieren: "Ich war mein Leben lang allen menschlichen und seelischen Konflikten gewachsen, nur den wirtschaftlichen nicht. Weder glückliche noch unglückliche Liebe, weder Ehe noch Ehebruch, sondern ausschließlich Gläubiger, Hausherrn und Lieferanten haben es dahin gebracht, mich psychisch zu zerrütten."

Das ist früher, gewitzter weiblicher Anti-Sigmund-Freud: Während dem Begründer der Psychoanalyse bisweilen nachgesagt wird, allzu viele Seelenprobleme auf die Verdrängung sexueller Wünsche zurückzuführen, geht es hier um den schnöden Mammon. Doch so schnöde ist der gar nicht, wie jeder weiß, der schon in ernsten Geldnöten gewesen ist. Wo andere Leute anfangen zu beten, da beginne sie, "blind und inbrünstig zu rechnen", bekennt Reventlows Briefeschreiberin – und manchmal ziehe dann ihr ganzes Leben "bis in die kleinste pekuniäre Einzelheit" an ihr vorüber.

Franziska zu Reventlow

Mit dem Schauplatz des Sanatoriums hat die Autorin eine künstliche, abgeschlossene Welt geschaffen, in der das echte Leben seltsam entrückt erscheint und zugleich sehr präsent ist. Die unfreiwillige Gemeinschaft der Patienten zwischen Fremdheit und Nähe bietet außerdem reichlich Gelegenheit für Charakterskizzen und gesellschaftliche Studien. Darin ist der 1916 veröffentlichte Roman dem acht Jahre später erschienenen "Zauberberg" von Thomas Mann durchaus ähnlich. Doch Reventlows Humor kommt sehr viel leichthändiger und direkter daher als die berühmte Mann'sche Ironie. Reventlow schildert das Warten auf eine Erbschaft, die Ausflüge der Erzählerin ins Dorf zum Kegelschieben mit einem zum Atheisten gewordenen Pastorensohn und einer Baulöwenwitwe, die schwüle Sommerhitze, in der man wie tot in den Klappstühlen liegt und sich durch "Hitzsprache" verständigt, die alle irgendwie entbehrlichen Worte und Silben weglässt oder sie nur noch "markiert". "Das geistige Niveau ist dabei etwas gesunken", stellt die Schreiberin lakonisch fest – um in der Folge von den neuesten Verwicklungen um den zu erwartenden Nachlass, um Pflichtteil und ihren seltsamen "Miterben" zu berichten.

Leben in der Kommune

"Der Geldkomplex" ist ein deutlich autobiografisch grundierter Roman: Franziska zu Reventlow war nicht nur mit der Sorge ums Auskommen vertraut, sie hatte ab 1910 auch einige Zeit in der alternativen Lebensgemeinschaft des Monte Verità über Ascona verbracht. Ein Sanatorium war der Treffpunkt von Künstlern und Lebensreformern zwar nicht, eine ganz eigene Welt jenseits des bürgerlichen Alltags aber doch. Und vermutlich ist genau das auch in ihren Roman eingegangen.

Reventlow schrieb ihre wichtigsten Bücher in Ascona. Zuvor hatte sie mit ihrem 1897 geborenen unehelichen Sohn Rolf, dessen Vater sie zeitlebens verschwieg, 17 Jahre in München gewohnt. In dieser Zeit zog sie 26 Mal um, oft aus persönlichen, öfter aus finanziellen Gründen, hatte mindestens genauso viele Liebhaber und noch mehr Bewunderer. In der Kaulbachstraße gründete sie Münchens vermutlich erste Kommune. Das Prinzip: Einer zahlt die Miete, die anderen kochen und produzieren Kunst. Das literarische München wurde aufmerksam: Rilke, Karl Wolfskehl, Oskar Panizza, Stefan George und der Verleger Albert Langen interessierten sich auf die eine oder andere Weise für die Frau, die wenig brauchte, aber tat, was sie wollte, und das in die Formel fasste: "Alles möchte ich immer."

Eine Bankenpleite zur Unzeit

Franziska zu Reventlow brachte sich und ihren Sohn durch literarische Auftragsarbeiten, Übersetzungen, Zeitungsbeiträge, ein kurzes Engagement als Schauspielerin und Gelegenheitsarbeiten als Köchin, Glasmalerin oder gelegentlich als Prostituierte durch. 1911 machte Erich Mühsam sie in Ascona mit einem etwas verwahrlosten baltischen Baron bekannt, der ebenfalls vor einem Geldproblem stand: Sein Vater drohte damit, ihn zu enterben, sollte er nicht bald eine standesgemäße Ehefrau vorzuweisen haben. Also ging Reventlow eine Scheinehe mit ihm ein, man einigte sich darauf, sich die schöne Summe zu teilen.

Schauspielerin Katja Bürkle im Bayern 2-Studio

Und diesmal brachte Reventlow ihr Geld, statt es gleich wieder für Reisen oder Feste auszugeben wie sonst, sehr bürgerlich zur Bank. Genau diese Bank allerdings musste kurz darauf Bankrott anmelden. Ähnlich geht es auch ihrer Erzählerin im Roman. Und nicht nur ihr: "Jeder Tag bringt neue Hiobsposten von verkrachten Unternehmungen, schurkischen Aufsichtsräten, die durchgebrannt sind oder sich noch rasch erschossen haben, ruinierten Aktionären und dergleichen mehr", heißt es am Ende des Buches. "Die ganze Atmosphäre hat eine kapitalistische Note bekommen, die ungemein wohltuend ist." Und noch etwas kann Reventlows Alter Ego von sich sagen: "Ich gehöre jetzt selbst zu den Gläubigern - der verkrachten Bank natürlich – und das gibt dem Geld gegenüber einen ganz anderen Gesichtspunkt."

Die Autorin Gräfin zu Reventlow hat ihren Roman mit dem ihr eigenen selbstironischen Humor ausdrücklich gleich ihren Gläubigern zugeeignet. Sie starb so arm, wie sie lange gelebt hatte, im Juli 1918 mit nur 47 Jahren an den Folgen eines Fahrradunfalls – noch bevor der Krieg aus war und die Revolution losbrach. Zum 100. Todestag senden die radioTexte eine Lesung von "Der Geldkomplex" mit Schauspielerin Katja Bürkle in drei Folgen.

Lesung auf Bayern 2

Franziska zu Reventlow: "Der Geldkomplex"
Lesung zum 100. Todestag mit Katja Bürkle


Regie: Irene Schuck
Moderation: Judith Heitkamp
BR 2018

Donnerstag, 26. Juli, 2. und 9. August 2018, jeweils 21:05 Uhr