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Denken en français Klassiker französischer Geistesgeschichte

"Frankfurt auf Französisch“ – unter diesem Motto präsentiert sich auf der diesjährigen Buchmesse Gastland Frankreich, nicht zuletzt um europäische Buchkultur zu feiern. Anlass genug, an französische Klassiker zu erinnern, die diese Kultur maßgeblich geprägt haben.

Stand: 07.10.2017

Voltaire, Montaigne, Emilie du Chatelet | Bild: picture-alliance/dpa, Montage: BR

Mehr als einhundert Schriftsteller und Kunstschaffende sowie die wichtigsten französischen Verlage kommen vom 8. bis zum 15. Oktober nach Frankfurt, um die kulturelle Vielfalt des Landes vorzustellen. Doch nicht nur als nationale Repräsentanten ihrer Kultur verstehen sich die Gäste in Frankfurt. Paul de Sinety, Vorsitzender des französischen Organisationsteams, sieht auch die Gelegenheit das zu feiern, was uns – die Bürger Europas – eint und verbindet: eine gemeinsame Buchkultur.

Idee von Europa

Mehr noch, schreibt de Sinety: „Die Zukunft des Buches in unseren Ländern wirft in der Tat die Frage nach der Zukunft Europas, nach seiner Identität nach unseren demokratischen Werten und danach auf, was wir uns als Lebensmodell wünschen: ein Europa der Übersetzungen, der verlegerischen Vielfalt, des Wissensaustauschs und der Gastfreundschaft.“ Dass das Anliegen eines über nationale Grenzen reichenden intellektuellen Dialogs und einer Idee von der Zukunft historische Wurzeln hat, zeigt der Blick in die Werke wichtiger französischer Klassiker, die mit ihren Ideen maßgeblich die europäische Kultur beeinflusst haben.

Michel de Montaigne (1533–1592)

"Ich will jedoch, dass man mich hier in meiner einfachen, natürlichen und alltäglichen Daseinsweise sehe, ohne Beschönigung und Künstelei, denn ich stelle mich als den dar, der ich bin. Ich selber, Leser, bin also der Inhalt meines Buchs."

Michel de Montaigne

Selbstversuche

Michel de Montaigne betonte stets, seine Texte seien vor allem „Versuche an sich selbst“. Selbstbeobachtungen, mit denen er eine neue literarische Gattung begründete: den Essay. Dabei geben die 107 Kapitel seiner „Essais“ immer wieder Auskunft über ein Leben, das nicht immer „comme il faut“ verlief. Lange nannte man den 1533 auf Schloss Montaigne in der Dordogne geborenen Micheau Sohn eines „Heringshändlers“, obwohl sein Großvater den Handel mit dem „degoutanten Geruch“ aufgegeben hatte und auf eine beachtliche Karriere als Ratsherr und Bürgermeister von Bordeaux, Schlossbesitzer und Lehnsherr des Bischofs von Bordeaux zurückblicken konnte.

Alltag und Erkenntnis

Später reüssierte auch der begabte Michel als Politiker und imponierte seine Zeitgenossen vor allem mit den „Essais“, an denen er ab 1572 nach Rücktritt aus seinen Ämtern und zurückgezogen auf Schloss Montaigne arbeitete. In ihnen äußert er sich zu alltäglichen Situationen, formuliert aus Erlerntem und Erlebtem allgemein gültige Aussagen. In loser Folge reiht er Anekdoten aneinander, lässt gelehrsame Beispiele einfließen, denkt über Traurigkeit, Muße, Freundschaft, Standhaftigkeit und Ruhm nach und verliert über seine Verdauung ebenso viele Worte wie über sein Liebesleben. Das Banale bahnt den Weg zur tieferen Erkenntnis. Denn machen Aspekten des Lebens ist nicht wissenschaftlich, sondern nur essayistisch nahe zu kommen. 1792 stirbt Montaigne auf Schloss Montaigne.

Émilie du Châtelet (1706–1749)

"Ich bin ein eigener Mensch und mir allein verantwortlich für alles, was ich bin oder tue. Es mag Metaphysiker und Philosophen geben, deren Wissen größer ist als das meine; Doch auch sie sind nur schwache, mit Fehlern behaftete Menschen, und wenn ich meine Gaben zusammenzähle, so darf ich wohl sagen, dass ich niemandem unterlegen bin."

Émilie du Châtelet

Femme de lettres

Selbstbewusst, begabt und leidenschaftlich war Émilie du Châtelet, die 1706 in Paris geboren wurde und im Jahr 1749 auf Schloss Lunéville verstarb. Die langjährige Gefährtin Voltaires war eine Frau der Aufklärung und eine der gelehrtesten Wissenschaftlerinnen Frankreichs. Schon mit zwölf Jahren beherrschte sie sieben Sprachen, stürzte sich auf alles, was mit Mathematik, Physik und Philosophie zu tun hatte. „Ich will zu den ersten Köpfen Frankreichs gehören“, hatte sie sich vorgenommen. Sie übersetzte Aristoteles und Vergil, verfasste kritische Bibelkommentare, rezitierte ganze Opern, vollführte physikalische Experimente, übersetzte Newtons naturwissenschaftliche Werke.

Rede vom Glück

Wissensdurstig war sie in den Wissenschaften, wissenshungrig war sie auch in der Liebe. Nachdem Emilie den Marquis Florent-Claude du Châtelet-Lomont heiratete und ihm drei Kinder schenkte, änderte die talentierte Marquise ihr Leben. Sie tat, was sie wollte, schrieb und studierte, und zum Erstaunen ihrer neidischen Zeitgenossinnen wurde die Liste ihrer Liebhaber und Bewunderer immer länger. Besonders glücklich war sie mit Voltaire, ihre Liaison dauerte mehrere Jahre und war nicht nur erotische Natur. 1746/47 schrieb sie die „Rede vom Glück“, nachdem Voltaire die Liebesbeziehung beendet hatte. In diesem philosophischen Ratgeber folgt sie den Grundsätzen Epikurs, wobei sie zu dessen Glücksformeln – Mäßigung im Genuss, gesunde Lebensführung – ihre eigenen hinzufügt: Liebe und Leidenschaft, das Ablehnen von Vorurteilen und die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Themen. Als Zweiundvierzigjährige verliebte sie sich in einen jungen Gardeoffizier, der sie später betrog und dessen Kind sie zur Welt brachte. 1749 starb Émilie du Châtelet an Kindbettfieber.

François Marie Arouet de Voltaire (1694–1778)

"Gehen Sie in die Londoner Börse, dieser Ort ist ansehnlicher als mancher Fürstenhof. Sie sehen dort die Abgesandten aller Völker zum Nutzen der Menschheit versammelt. Da handeln der Jude, der Mohammedaner und der Christ einer mit dem anderen, als seien sie desselben Glaubens, und bezeichnen nur die Bankrotteure als untreu."

Voltaire

Glaube an Aufklärung und Freiheit

In den "Briefen aus England" von 1734 verband der französische Aufklärer und Philosoph Voltaire die ersten Erscheinungsformen dessen, was wir heute Globalisierung nennen, noch mit der utopischen Hoffnung auf eine harmonische Weltgemeinschaft. Seine Briefe sind ein Plädoyer für Toleranz in Sachen Religion und Weltanschauung, gegen gewalttätige Fanatiker und Abergläubische, eine Streitschrift für Freiheit und Aufklärung und gegen Unterdrückung. Also alles, wofür der Name Voltaire bis heute steht.

Im Kreis der Aristokratie

1694 in Paris als Sohn eines Notars geboren, sollte Voltaire eigentlich Jura studieren, wandte sich aber schon früh der Philosophie und den schönen Wissenschaften zu. Bereits während des Studiums schrieb er erste Oden und es entstanden Entwürfe zu Theaterstücken. In den Kreisen der freidenkenden Pariser Aristokratie war er gern gesehener Gast und aufgrund seiner künstlerischen Begabung und seines geistreichen Humors überaus beliebt.

Wanderjahre

Wegen einer ihm zugeschriebenen Satire auf auf den Regenten Philippe d'Orléans wurde er 1717 für knapp ein Jahr in der Bastille inhaftiert. Die unvorsichtige Teilnahme an einer Hofintrige hatte bald darauf seine Ausweisung aus Paris zur Folge. Ein Streit mit dem Chevalier von Rohan-Chabot brachte ihn 1726 zum zweiten Mal in die Bastille und dann zwischen 1726 und 1729 nach England. In den dort entstandenen „Lettres philosophies“ verarbeitete er seine Begegnungen mit dem britischen Liberalismus im Bereich der Staatsverfassung, des religiösen Denkens, der Wirtschaft, der Philosophie oder auch der Literatur. 1729 kehrte Voltaire nach Paris zurück. Wegen seiner freigeistigen Schriften musste er die Stadt aber bald wieder verlassen. Voltaire zog sich fluchtartig in die Champagne zurück, auf das Schloss der Marquise du Châtelet. In dieser gemeinsamen Zeit beschäftigte sich das Paar mit diversen naturwissenschaftlichen und historischen Studien.

Literarische Hochphase und soziales Engagement

Auf die wiederholten Einladungen Friedrichs II. zog Voltaire 1750 nach Berlin, fiel drei Jahre später aber in Ungnade. 1755 reiste Voltaire nach Genf, aber auch hier konnte er nicht lange verweilen. Dennoch war dies seine produktivste Zeit als Autor, gleichzeitig war er sozial äußerst aktiv. Er setzte sich vehement für das Verbot der Leibeigenschaft ein, gründete auf seinen Landsitzen Firmen und Schulen und engagierte sich mehrfach in Justizverfahren, die durch religiösen Fanatismus einseitig beeinflusst wurden.

Rückkehr mit Ehrungen

Im Februar 1778 besuchte der Vierundachtzigjährige noch einmal Paris, wo er mit Ehrenbezeigungen überhäuft wurde. Voltaire verstarb zwei Monate später am 30. Mai 1778. Da ihm trotz des Ruhmes in Paris die Beisetzung verweigert wurde, setzte man Voltaire in Sellières bei. Als die Revolution ab 1789 tobte, verlegte man den Verstorbenen ins Pathéon (1791).

Denken en français in den radioTexten am Dienstag

Michele de Montaigne

radioTexte am 10. Oktober, 21.05 Uhr

Von der Kunst, das Leben zu lieben
Mit Gert Heidenreich
Redaktion und Moderation: Antonio Pellegrino

Émilie du Châtelet

radioTexte am 17. Oktober, 21.05 Uhr

Mathematik + Männer = Glück?

Mit Caroline Ebner
Redaktion und Moderation: Antonio Pellegrino

Voltaire

radioTexte am 21. Oktober, 21.05 Uhr

Stürmischer als das Meer

Mit Franz Pätzold

Mit einem Gespräch mit dem Übersetzer und Herausgeber Rudolf von Bitter

Redaktion und Moderation: Antonio Pellegrino


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