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"Die Geschichte der Frau" Feridun Zaimoglu

In jedem seiner Bücher erfindet sich Feridun Zaimoglu neu, vor allem sprachlich, zuletzt in seinem fulminanten Luther-Roman. In seinem neuen Buch "Die Geschichte der Frau" setzt er sprachmächtig zehn Frauen und ihren Leben ein Denkmal. Ihre Gedanken, ihre Sicht auf die Welt, dreieinhalb Tausend Jahre Menschheitsgeschichte aus der weiblichen Perspektive. Ob Zippora, die schwarze Frau von Moses, Antigone, Brunhilde oder Lore Lay, eine Magd, jede Frau spricht aus ihrer Zeit mit ihrer ganz eigenen Sprache. Das Schweigen und Verschweigen der Geschichtsschreibung, tempi passati.

Stand: 22.03.2019

Feridun Zaimoglu | Bild: picture-alliance/dpa

Ein literarisches Abenteuer

Von Zippora aus dem vorchristlichen Jahrtausend, über Antigone aus der griechischen Mythologie, über Judith, eine Jüngerin Jesu bis zu Lore Lay, einer Magd, von Leyla, einer Gastarbeiterfrau aus den 60ern, von Hildrud Tilmanns, einer Trümmerfrau erzählt Feridun Zaimoglu. Und nicht er erzählt, sondern die Frauen. Auch Lisette Bielstein, eine Fabrikantentochter aus Elberfeld, erhebt ihre Stimme für die Arbeiter, die Unterdrückten, schließt sich den Revolutionären an. Während ihre herausgeputzte Schwester einem Major versprochen ist, standesgemäß, besucht Lisette Bielstein den "Politischen Club", 1849, als einzige Frau.

"Für die Versammlung bin ich eine Sensation, ich bin die einzige Frau, die dem Ruf gefolgt ist. Wo steckt Engels? Es riecht streng nach ungewaschener Haut, nach ungewaschenem Haar, nach Lauch und Zwiebeln. Bin ich ein süßes Frätzchen, dass mich die Kerle begaffen?"

aus: 'Die Geschichte der Frau', Kiepenheuer & Witsch

Ein Roter aus Köln, Engels Lakai, spricht im "Politischen Club" in Elberfeld über die Nationalversammlung am 18. Mai 1849 in der Sankt Pauls-Kirche in Frankfurt, dass unter den 38 Abgeordneten nur ein einziger Bauer gewesen sei.

Elberfelder Bahnhof 1849, die "Düsseldorfer Demokraten" kommen an

"Nebst den nicht selbstständigen Deutschen, also die Unmündigen und Verbrecher, gehen die Fabrikarbeiter, Handwerksgehilfen, Tagelöhner und Dienstboten ihres Wahlrechts verlustig.'
'Die Frauen«, rufe ich. Du hast die Frauen vergessen, Genosse. Darf ich wählen?'
'Die Frau regiert im Haus«, sagt er. 'Die Verfassung sieht ein aushäusiges Frauenregiment nicht vor.'
Die Meute kennt kein Halten mehr, sie tobt im kleinen Saal. Ein Aufruhr ist eine schöne Unordnung: Die Stühle steigen auf die Bänke. Der Niedrige wird erhöht, der Hochgestellte sinkt zu Boden."

aus: 'Die Geschichte der Frau'

Feridun Zaimoglu: "Große Anmaßung"

"Es ist eine große Anmaßung, ich gebe das zu, und vieles andere mehr, wenn ein Mann, ein Schriftsteller in seinem Buch sich anmaßt, von der Geschichte der Frau zu sprechen, dann ist natürlich Vorsicht geboten. Männer haben ihre Geschichten erzählt, jetzt wird es Zeit für den großen Gesang der Frauen. Ich verwandle mich der jeweiligen Frauen, ihrer besonderen Geschichte an, und sie erzählt, wie es sich tatsächlich zugetragen hat."

Gespräch und Lesung mit Wiebke Puls

Am Sonntag, dem 16. Juni liest die Schauspielerin Wiebke Puls Ausschnitte aus "Die Geschichte der Frau" von Feridun Zaimoglu. Sie schlüpft in die Rolle der aufmüpfigen Fabrikantentochter Lisette Bielstein aus Elberfeld.

Schauspielerin Wiebke Puls als Lisette Bielstein

"Ich bin die Tochter eines stolzen Bürgers, ich vergesse es nicht. Ich vergesse mich nicht, als ich mit der roten Kokarde durch die Straßen eile. Überall herströmende Straßenhelden, Gesindel ist auf Elberfeld zugezogen. Blödes Haupt, krummer Bart, böse Art, Landwehrmänner vorneweg, Halberwachsene, trübäugige Auswärtige, Volksbeglücker der untersten Pöbelklasse, alle auf die Schnelle rekrutiert."

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2
Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

Feridun Zaimoglu wurde am 4. Dezember 1964 im anatolischen Bolu geboren. Kurz nach seiner Geburt ging sein Vater nach Deutschland, wo er in Berlin in einer Metallfabrik Gitterstäbe zusammenlötete. Die Mutter zog mit Feridun ins Siebentürmeviertel, lebte mit zweien ihrer Brüder und ihrem Schwiegervater in der Haci Piri Gasse in einem der typischen Holzhäuser. Anderthalb Jahre später folgten Mutter und Sohn dem Vater nach Deutschland, der als Gastarbeiter zur Unterstützung des "deutschen Wirtschaftswunders" von der Regierung angeworben wurde, nach Berlin. Von Heimweh getrieben, zog es die Familie wieder für eine kurze Zeit nach Istanbul, wo Feridun Zaimoglu das österreichische Gymnasium besuchte. Dann ging es zurück nach München.
1985 studierte Feridun Zaimoglu in Kiel Medizin und Kunst, wo er seither als Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist arbeitet. Er war Kolumnist für das ZEITmagazin, schreibt für Die Welt, die Frankfurter Rundschau, Die Zeit und die FAZ.
Mit "Kanak-Sprak" debütierte er 1995 als Romanautor, ein Buch über die subversive Kraft der Sprache, Kanak-Sprak, "Leyla" und "Liebesbrand" machten ihn bekannt. Feridun Zaimoglu gehört seit zwanzig Jahren zu den herausragenden deutschsprachigen Autoren. Ein Spracherneuerer, ein Grenzgänger zwischen Kulturen, Künsten und Professionen; ein deutscher Schriftsteller und Maler türkischer Herkunft. 2003 eröffneten die Münchner Kammerspiele mit seiner Bearbeitung des "Othello" die Spielsaison, 2009 wurde am Berliner Hebbel Theater seine "Schwarze Jungfrauen" uraufgeführt, für Christian Stückl schrieb er zusammen mit seinem Co-Autor Günter Senkel "Moses", das in Oberammergau uraufgeführt wurde und "Siegfried", das im März 2015 am Münchner Volkstheater Premiere hatte.

Preise und Auszeichnungen (Auswahl)

1997: Civis-Medienpreis
1998: Drehbuchpreis des Landes Schleswig-Holstein
2002: Friedrich-Hebbel-Preis
2003: Preis der Jury beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb für die Erzählung "Häute"
2005: Adelbert-von-Chamisso-Preis
2005: Villa-Massimo-Stipendium
2006: Kunstpreis des Landes Schleswig Holstein
2007: Grimmelshausen-Preis für "Leyla"
2007: Carl-Amery-Literaturpreis
2007: Tübinger Poetik-Dozentur gemeinsam mit Ilija Trojanow
2010: Jakob-Wassermann-Literaturpreis
2010: Kulturpreis der Stadt Kiel
2015: Mainzer Stadtschreiber


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