Bayern 2 - radioTexte


46

Magierin der Sprachkunst - Felicitas Hoppe "Prawda - Eine amerikanische Reise"

"Man sitzt im Auto, liest ihr Buch, während das Buch draußen vorbeifährt, und da habe ich gemerkt, alles stimmt da auch nicht", erzählt Felicitas Hoppe über ihre vorreisenden Kollegen Ilja Ilf und Jewgeni Petrow. 10000 Meilen auf knapp 300 Seiten. Egal, ob erlebt oder erfunden wie die Reise am Hosenbein eines Hurricans, wer sich mit der Büchner-Preisträgerin auf Reisen begibt, wird sich in den typischen Hoppe-Sound verlieben, in ihre eigenwilligen Capriolen der Phantasie, in ihre wunderbaren Sätze und Bilder, die sie wie Kulissen durch ihre Szenen zwischen Traum und Wirklichkeit schiebt.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 19.05.2018

Felicitas Hoppe und ihr neuer Roman "Prawda" | Bild: picture-alliance/dpa

Hoppe-Wahrheiten sind die ehrlichsten und schönsten Erfindungen

Von Ost nach West und von West nach Ost hat sich Felicitas Hoppe auf die Spuren zweier russischer Journalisten begeben, die auf dieser Route in den 1930er Jahren die USA durchquerten. "Einstöckiges Amerika" hieß deren Bericht, den sie im Auftrag der russischen Regierung anfertigten.

Über das Schreiben

"Es ist eine warme und geschützte Tätigkeit. Selbst bei schlechter Witterung gelingt hin und wieder ein lesbarer Satz."

80 Jahre später sitzt Meistererzählerin Felicitas Hoppe für ihren neuen Roman "Prawda - Eine amerikanische Reise" in einem roten Ford Explorer und sucht nach der „Wahrheit“ eines Landes, das auch die deutsche Nachkriegsgeneration sozialisierte. Eine Road-Novel über ein Opernhaus in der Wüste mit "permanentem" Publikum, den Erfinder des Elektrischen Stuhls, bis zur Reise ins Silicon Valley, ein hoch poetisches Abenteuer zwischen Traum und Wirklichkeit. Ein Gespräch mit der Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe von Cornelia Zetzsche.

„Prawda“, Wahrheit, heißt Ihr neuer Roman. Bisher hatte ich eher das Gefühl, Sie haben es nicht so mit der Wahrheit.

Felicitas Hoppe: „Ich bin ja felsenfest davon überzeugt, dass gerade die Literatur in der Lage ist, Wahrheiten zutage zu fördern, die man im Journalismus, in der klassischen Geschichtsschreibung nicht findet. Es ist ein anderes Mittel, um an Erkenntnisse zu kommen, aber im Erzählen kommt man Dingen auf die Spur, die man anders nicht entdeckt, davon bin ich überzeugt. Das Erzählen ist kein Betrugsspiel und kein Lügenspiel oder wie ich ja gerne sage, es ist ehrliche Erfindung.“

Die ehrliche Erfindung in diesem Roman „Prawda“ folgt Ilja Ilf  und Jewgeni Petrow, das waren zwei Schriftsteller, zwei Satiriker, zwei Glückssucher könnte man auch sagen, vielleicht waren es auch Spione, die während der Diktatur von Stalin durch Amerika reisten. Wer waren sie wirklich? Und warum folgen Sie den beiden?

Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, 1932 | Bild: E. Langman

Die beiden russischen Satiriker Ilja Ilf  und Jewgeni Petrow, 1932, Bestseller-Autoren ihrer Zeit

„Wer Ilja Ilf und Jewgeni Petrow wirklich waren, das weiß ich nicht. Es gibt über ihr Leben natürlich allerlei Informationen, aber meines Wissens keine Biographie. Warum folge ich ihnen? Das hat einen ganz einfachen Grund: Ich bin per Zufall auf ihr wunderbares Reisebuch gestoßen, „Das eingeschossige Amerika“. Und da ist etwas passiert, was einem beim Lesen manchmal widerfährt, ich war begeistert. Und das hing einfach mit ihrer Erzählkraft zusammen, die, glaube ich, auch daraus resultiert, dass diese beiden, die übrigens auch als der russische Mark Twain bezeichnet werden, zum ersten Mal in die USA reisten, und dass sie wussten, dass unter den Umständen, unter denen sie unterwegs waren, zur Zeit des Stalinismus, im Auftrag der Zeitung Prawda, dies mit Sicherheit ihre einzige Amerika-Reise sein würde. Und dementsprechend ist der Blick unglaublich geschärft und ihr Wunsch, Dinge aufzunehmen, Dinge festzuhalten, zu dokumentieren, durchaus auch zu manipulieren, der ist sehr, sehr groß und dadurch erhält dieses Buch eine wahnsinnige Energie.“

Was meint denn „Das eingeschossige Amerika“?

Der neue Roman von Felicitas Hoppe, erschienen bei S. Fischer

„Das ist eigentlich ein ganz wunderbarer Dreh. Das Reisebuch beginnt damit, dass Ilf & Petrow andauernd danach fragen, wo denn nun eigentlich das wahre Amerika sei. Sie halten sich am Anfang sehr lange in New York auf, sind fasziniert, hingerissen von dieser Stadt, tun sich dort auf Empfängen um mit einem Koffer voller Empfehlungsschreiben und erhalten immer die Antwort: "Ja, aber das wahre Amerika ist nicht in New York, es ist nicht in Washington, es ist nicht hier, es ist nicht dort." Und sie reisen dann los und kommen irgendwann darauf, dass ein Großteil dieses riesigen Landes, das für uns immer aus Skyscrapern und Wolkenkratzern besteht, eigentlich über weite Strecken eingeschossig besiedelt ist. Der Traum des Durchschnittsamerikaners ist und bleibt sein Eigenheim. Die Mehrheit lebt auf dem Land, nicht in diesen riesigen Städten, und Amerika ist eingeschossig, und das ist ein wunderbarer Kontrast, weil es mit unseren Klischees bricht.“

Bisher hatte man bei ihren Reisen, zum Beispiel bei dem Roman „Pigafetta“, dieser Weltumrundung im Frachter, die eigentlich gar nichts von Orten erzählt, sondern eher wirkte wie Fellinis „Schiff der Träume“. Bisher hatte man das Gefühl, dass Sie Reisen eigentlich nur benutzen als Sprungbrett ins Phantastische. Diesmal gibt es auch eine Menge Verfremdung in „Prawda“, eine Menge Absonderliches, Traumwandlerisches, und trotzdem docken sie doch sehr an die Realität an.

„Ja, das war mir ein großes Bedürfnis und da folge ich natürlich auch ein wenig dem Vorbild von Ilf & Petrow, die ganz starke Außenwelt-Beobachter sind, wobei sich hier die Beobachtung doppelt. Ich schaue eigentlich zwei Schriftstellern beim Reisen und auch beim Schreiben zu, das heißt, indem ich die Reise nachreise, komme ich den beiden natürlich auch auf die Schliche. Man sitzt im Auto, liest ihr Buch, während das Buch draußen vorbeifährt, und da habe ich gemerkt, alles stimmt in ihrem Bericht auch nicht.

Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe

Felicitas Hoppe wurde am 22. Dezember 1960 geboren. Ab 1980 studierte sie Literaturwissenschaften, Rhetorik, Religionswissenschaften, Italienisch und Russisch an Universitäten in Hildesheim, Tübingen, Eugene/Oregon (USA), sowie in Berlin und Rom. Seit 1996 lebt sie in Berlin als freie Schriftstellerin. Zuvor hatte sie als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache u.a. für das Goethe-Institut gearbeitet; auch schrieb sie für verschiedene Feuilletons. 
1996 erschien ihr Debüt, der Kurzgeschichtenband Picknick der Friseure. Vorab gewann sie mit einer Geschichte beim Bachmann-Preis in Klagenfurt den Ernst-Willner-Preis. 1999, nach einer Weltreise auf einem Frachtschiff, folgte der Roman Pigafetta. Bis heute hat sie fünf Romane, Essays und mehrere Erzählbände vorgelegt, außerdem einige Veröffentlichungen zusammen mit Künstlern der Berliner Handpresse. Zuletzt erschien Anfang 2012 die Autofiktion Hoppe, in der sie sich eine Kindheit in Kanada andichtet und eine Dirigentenlaufbahn. Ihre Bücher werden inzwischen im S. Fischer Verlag publiziert und sind u.a. ins Niederländische, Französische, Russische und Schwedische übersetzt worden. 

 „Prawda“, diese Fahrt auf der Spur von Ilf & Petrow, ist eine Suche nach dem wahren Amerika, auch nach dem „neuen Menschen“. Oder, würde ich sagen, wenn ich Ihre Fassung lese, nach der Welt hinter der Welt. Worum ging es Ihnen?

„Der „neue Mensch" ist ein Phänomen, das mich sehr, sehr beschäftigt. Das spielt ja in der Sowjet-Zivilisation eine ganz große Rolle, dass man davon träumte, eine Zivilisation zu errichten, in der alle Menschen glücklich sind, alle Menschen tüchtig sind, alle Menschen gesund sind, und dieser Traum findet sich auf eine ganz eigenartige, ja fast naheliegende Weise im amerikanischen Westen wieder. Amerika ist gleichfalls ein Land der Glückssuche und im Silicon Valley, wie wir wissen, wird ordentlich daran gebastelt, diesen „neuen Menschen" zu bauen, medial, medizinisch, in jeder Hinsicht. Es geht ja darum, dass im Grunde der Mensch der Schöpfer der Welt ist und sie nach seinen Wünschen gestaltet und sie seinen Interessen unterwirft.“

Im Silicon Valley begegnen „Sie“ Märchen, zu ihrer eigenen Überraschung. Ich sage „Sie“, natürlich ist die Erzählerin gemeint, aber vielleicht ist das dann doch wieder eins. Im Silicon Valley geht es um Märchen?!

„Das Silicon Valley spaltet ja die Geister, die einen finden ganz furchtbar, was sich dort ereignet, die anderen sagen, das ist der Zukunftstraum. Mich hat fasziniert, wie stark in all diesen Forschungen die Wunschthematik des Märchens aufgenommen wird. Im Märchen ist alles angelegt, was der technische Fortschritt mittlerweile hervorgebracht hat. Also alles das, was wir heute haben an Erfindungen, an Möglichkeiten technischer und medizinischer Art, ist im Märchen vorweggenommen.“

Zum Beispiel?

„Zum Beispiel vom Tod aufzuerstehen. Das Dornröschen, das wachgeküsst wird, eine Fee kommt und erfüllt uns alle Wünsche. Das tut Google auch, das verheißen uns die Leute dort im Tal auch. Ein ganz simples Beispiel ist das „Tischlein-deck-dich“, die ganze Raum- und Zeitverschiebung, das Überwinden von Raum und Zeit durch unsere Medien, das kommt alles im Märchen vor. - Also im Grunde arbeitet Silicon Valley daran, dass alles, das was dort gewünscht wird, auch tatsächlich in Erfüllung geht. Ob das wünschenswert ist, ist eine andere Frage.“

radioTexte - Das offene Buch

Wiebke Puls unterwegs in Hoppes Phantasiewelten


An den beiden Pfingstfeiertagen, am 20. und 21. Mai, liest die soeben mit dem 3sat-Preis für ihre darstellerische Leistung in "Trommeln in der Nacht" ausgezeichnete Schauspielerin Wiebke Puls in zwei Folgen Ausschnitte aus dem neuen Roman "Prawda - Eine amerikanische Reise" von Felicitas Hoppe.

Lesung und Gespräch in der Feiertagsausgabe des "Offenen Buchs", jeweils am Pfingstsonntag und am Pfingstmontag um 11 Uhr auf Bayern 2

Wer sich die Route genauer ansehen will und vielleicht sogar nachreisen will, dem sei der Online-Blog von Felicitas Hoppe empfohlen mit vielen Fotos und Begebenheiten und den genauen Reiseabschnitten.


46