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"Fieber 17" - ein neues Virus? Unterwegs mit Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe

"Es gibt immer wieder diesen Wunsch loszufahren. Zugleich ist das Schönste am Reisen, dass man wieder nach Hause kommen kann," erzählt Felicitas Hoppe. Ihre preisgekrönten Romane wie etwa "Pigafetta", wo sie auf einem Frachter dem Weltumsegler folgt, oder in "Prawda" auf den Spuren zweier sowjetischer Geheimagenten durch Amerika reist, immer wieder ist die Schriftstellerin unterwegs in eine andere Welt, Reisen als Sprungbrett ins Phantastische. Die Büchner-Preisträgerin machte im Sommer 2020 mit beim ARD-Radiofestival, jetzt ist "Fieber 17" als Buch erschienen, zusammen mit einem Essay.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 08.04.2021

Felicias Hoppe | Bild: picture-alliance/dpa

"Fieber 17", diese "Krankheit" gehört nur der Autorin, sie bewohnt die Träume der Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe. Und dieses Hoppe-Fieber erzeugt Zerstreutheit, "dieses leise haltlose Flattern", ein "Flirren zwischen Abschied und Ankunft".

"Fieber 17

Gestern endlich die erlösende Nachricht aus dem Labor: Ich bin nicht bloß müde, ich bin tatsächlich krank. Und plötzlich erklärt sich alles von selbst: der Schwindel am Morgen, das klopfende Herz, die Schweißausbrüche, der rasende Puls und der schwankende Blutdruck, der Durst und meine Appetitlosigkeit; und diese ständige Flucht in den Nachmittagsschlaf, in lauter Träume mit niedrigen Stubendecken, von Pferden, die mit den Hufen scharren und von Kutschern, die in schweißnasse Pelze gewickelt in meinem Halbschlaf laut mit der Peitsche knallen, um mich endlich wieder auf Trab zu bringen.
Aber jetzt bin ich erlöst, denn mein Fall ist glasklar, die Diagnose lautet: Fieber 17. Ein Fieber, das nachweislich mir ganz allein gehört, weil es nur meine höchst persönlichen Träume bewohnt."

Felicitas Hoppe

Immer wieder reist die Autorin in ihren Büchern zurück in ihre Kindheit. Auch in "Fieber 17", das sie befähigt zurückzureisen und sich mit ihrer ersten traumatischen Reise auseinander zu setzen. Als asthmatisches Mädchen wurde sie ans Meer verfrachtet mit der sogenannten Kinderlandverschickung. Ein kleines Mädchen, das nicht schwimmen kann:
"Auf der Insel lernte ich im Handumdrehen alles, was fühlen muss, wer nicht hören kann: Die Ohrfeige und den Morgenappell, wie man zum Frühstück eine Tasse Salzwasser leert, wie sich ein Vorschulkind nachts durch die Betten prügelt und am Morgen danach in der Strafecke steht." Und sie beschäftigt sich mit Glück: Was ist Glück? "Ist Glück die Erfahrung selbst oder nicht vielmehr das, was wir aus dieser Erfahrung machen?"

ARD-Radiofestival zum Thema "Reisen"

Ein Lesesommer voller Entdeckungen rund ums Wegfahren, Wegträumen und Dableiben. Eine Solidaritätsaktion der ARD für deutschsprachige SchriftstellerInnen vom Sommer 2020. 40 der wichtigsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren und -autorinnen gingen für die ARD exklusiv auf Reisen. Mit dabei natürlich die Reiseexpertin schlechthin: Felicitas Hoppe mit ihrer hinreißenden Erzählung "Fieber 17", die nun zusammen mit einem Essay über die Ambivalenz der Kindheit im Dörlemann Verlag erschienen ist. In ihrem Essay über den US-amerikanischen Kinderbuchautor Dr. Seuss denkt sie nach, wie sich "Erlebtes in Erzähltes verwandeln" lässt, wie aus einer Kindheitserfahrung eine Kindheitsgeschichte wird, die übrigens allesamt letztlich Erfindungen sind.

Felicitas Hoppe "Prosa ist Bewegung"

"Schreiben ist ein Unterwegssein", erzählt Felicitas Hoppe im Gespräch mit Cornelia Zetzsche. "Und wenn ich nicht auf Reisen ginge, in einer motorischen Bewegung wäre, glaube ich, könnte ich nicht schreiben. Also, ich brauche das reale Aufbrechen, das Zugfahren, das Weggehen, das Hinausgehen, um einen Modus der Bewegung herzustellen, der mich dann auch später am stillen Schreibtisch begleitet. Auch wenn mir Reisen oft schwerfällt, kann ich mir ein Schreiben ohne unterwegs zu sein, überhaupt nicht vorstellen. Ich bin der absolute Prosa-Typ und Prosa ist Bewegung."

Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe

Felicitas Hoppe wurde am 22. Dezember 1960 geboren. Ab 1980 studierte sie Literaturwissenschaften, Rhetorik, Religionswissenschaften, Italienisch und Russisch an Universitäten in Hildesheim, Tübingen, Eugene/Oregon (USA) sowie in Berlin und Rom. Seit 1996 lebt sie in Berlin als freie Schriftstellerin. Zuvor hatte sie als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache u.a. für das Goethe-Institut gearbeitet; sie schrieb für verschiedene Feuilletons. 
1996 erschien ihr Debüt, der Kurzgeschichtenband Picknick der Friseure. Vorab gewann sie mit einer Geschichte beim Bachmann-Preis in Klagenfurt den Ernst-Willner-Preis. 1999, nach einer Weltreise auf einem Frachtschiff, folgte der Roman Pigafetta. Bis heute hat sie fünf Romane, Essays und mehrere Erzählbände vorgelegt, außerdem einige Veröffentlichungen zusammen mit Künstlern der Berliner Handpresse. Anfang 2012 erschien die Autofiktion Hoppe, in der sie sich eine Kindheit in Kanada andichtet und eine Dirigentenlaufbahn. In ihrem letzten Roman "Prawda" folgte Felicitas Hoppe den Spuren zweier russischer Journalisten, die in den 1930er Jahren im Auftrag des KGB die USA durchquerten. Ihre Bücher werden inzwischen im S. Fischer Verlag publiziert und sind u.a. ins Niederländische, Französische, Russische und Schwedische übersetzt worden. 

Über das Schreiben

"Es ist eine warme und geschützte Tätigkeit. Selbst bei schlechter Witterung gelingt hin und wieder ein lesbarer Satz", meint die letztes Jahr mit dem "Großen Preis des Deutschen Literaturfonds" ausgezeichnete Schriftstellerin ironisch: Felicitas Hoppe hat "ein im besten Sinne breit gefächertes Werk vorgelegt: erzählerisch reizvolle Erkundungen zu Fragen der Identität ebenso wie lebendige Geschichten für Kinder oder auch eine Reihe aufschlussreicher Poetik-Vorlesungen", hieß es in der Jury-Begründung.

"Fieber 17" - Fragen Sie Ihren Hausarzt oder Apotheker: Wer es hat, wird es nie los!

Was es mit "Fieber 17" auf sich hat, erzählt Felicitas Hoppe am Sonntag, dem 11. April, auf Bayern 2 in radioTexte - Das offene Buch jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2.


Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche


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