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Mehr Kästner zum Hören! "Der Herr aus Glas" - wilde Erzählungen

Bevor Erich Kästner in jedem deutschen Buchregal stand, experimentierte der fleißige Feuilletonist in den frühen Zwanziger Jahren vor allem in seiner Kurzprosa. In "Der Herr aus Glas" sind 42 Erzählungen des noch jungen Dresdner Schriftstellers von Sven Hanuschek neu herausgegeben worden. Sie werfen ein anderes Licht auf diesen scheinbar gänzlich bekannten Klassiker der deutschen Literatur. Die vollständige Lesung von "Der Herr aus Glas" mit Nico Holonics liegt als Hörbuch vor und zeigt den "wilden" Kästner!

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 12.07.2016 | Archiv

Frühe Fotos von Erich Kästner | Bild: picture-alliance/dpa

Wir lesen seine Geschichten als Kinder ebenso gern wie als Erwachsene - Erich Kästner, der Volksschriftsteller schlechthin. Der Autor selbst schnürte den Ruhmesgürtel in typischer Kästner-Art viel enger, indem er sich als Gebrauchsschriftsteller einordnete. Bevor der 1899 in Dresden geborene Sohn eines Sattlermeisters zum deutschen Klassiker reüssierte, hatte er - neben seinen berühmten Gedichten - bereits zahlreiche Erzählungen in verschiedenen Zeitschriften und Tageszeitungen publiziert, die zum Teil nach dem Erstdruck nie wieder erschienen sind - bis jetzt. Denn nun hat der Germanist Sven Hanuschek die 42 schönsten von den insgesamt ca. 140 Erzählungen Erich Kästners neu herausgegeben. Und mit gutem Grund: Sie bezeugen die große Vielseitigkeit, die Experimentierfreude des scheinbar so vertrauten Geschichtenerzählers, des legendären "Kinderonkels", des moralisierenden Satirikers.

Mehr Erich Kästner - von Sozialstudie bis Ulkerei

"Wir begleiteten die Prinzessin bei ihren Einkäufen, wobei ich allein die Pakete tragen durfte; wir machten mit ihr Radpartien in den Dschungel, so heißt das Stadtwäldchen von Benares; sie zeigte uns die Museen, die Pagoden und Kathoden (eine Art vergoldeter Wolkenkratzer); wir ließen schäumende Bajaderen und Bajaderwische vor uns tanzen, bis sie zu Boden fielen und sich in fabelhaften Zuckungen wanden; ich begann schon an einem Werk über den spätpagotischen Baustil zu arbeiten, - da erklärte mir Bobby eines Tages, er habe sich soeben mit Vasent’Mahesa heimlich verlobt. O Karma! rief ich, welch ein Malheur!
Ich malte ihm die Zukunft in den gräßlichsten Farben, stellte ihm die Wucht der drei Zentner netto vor Augen, - es war alles vergeblich. Ich erzählte der Prinzessin, Bobby leide an Gehirnfurunkulose und sei von Beruf Obereunuche - umsonst! Ihre Liebe kannte keine Schranken."

(Die Reisen des Amfortas Kluge, Im Paddelboot durch den Stillen Ozean)

In Kästners Erzählungen finden sich viele Porträts von Angestellten oder Pseudokünstlern. Beide Menschenarten scheitern oft und trinken viel.

Enste Sozialstudien über das Moloch der Moderne, sensible Psychogramme über gescheiterte Erwachsene und überforderte Kinder, melancholische Großstadtveduten, groteske Humoresken und fantastische Blödeleien: Sven Hanuschek, der bereits mehrere Bücher über Kästner publiziert und zuletzt die Urfassung des Romans "Fabian" ("Der Gang vor die Hunde", 2013) rekonstruiert hat , tritt mit seiner Auswahl an Erzählungen den Beweis an, dass es sich durchaus lohnt, den Autor von "Herz auf Taille" (1928) oder "Fabian" (1931), von "Emil und die Detektive" (1931) oder der "Konferenz der Tiere" (1949) auch als Meister der Kurzprosa anzuerkennen.

"Immer wieder zeigt sich in der vorliegenden Auswahl neben dem bekannten noch ein anderer Autor, der expermientiert, ausprobiert, an Tonfällen feilt, dem Sozialrealismus ebenso zugetan ist wie der Groteske, der satirisch-politischen Kritik und dem Nonsens."

(Sven Hanuschek, Herausgeber des Erzählungsbands)

Der fleißige Feuilletonist

"Der Herr aus Glas", die Titelgeschichte des Buchs, verfasst im Juni 1923, ist eine seiner frühesten Erzählungen. Zu der Zeit studierte der mit einem nervösen Herzleiden aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrte Kästner noch in Leipzig und finanzierte sein Studium aus eigenen Einnahmen als Journalist und Theaterkritiker für das Feuilleton der Neuen Leipziger Zeitung. Nach der Promotion und nach seinem Umzug nach Berlin blieb er Kulturkorrespondent für die Leipziger Zeitung, publizierte gleichzeitig aber auch noch eine beeindruckende Zahl von Gedichten, Glossen, Reportagen, Rezensionen und natürlich Kurzgeschichten für u.a. das Berliner Tageblatt, die Berliner Zeitung, für die Vossische Zeitung oder auch für die Zeitschrift Die Weltbühne. Die Jahre von 1923 bis zum Ende der Weimarer Republik, in denen er zu einer der wichtigsten Literaten der Neuen Sachlichkeit avancierte, waren seine produktivsten.

Prof. Dr. Sven Hanuschek, geboren 1964, Germanist, Publizist, Kästner-Experte.

Trotz Publikationsverbot nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 blieb Erich Kästner in Deutschland, mitunter wohl auch, weil er seine Mutter nicht allein lassen wollte. Mit seinen nunmehr vor allem humorigen Erzählungen und Drehbüchern, die er unter diversen Pseudonymen veröffentlichte, hatte er teilweise großen Erfolg, vor allem mit dem im In- und Ausland oft verfilmten Stoff von „Drei Männer im Schnee“. Das wurde dem scheinbar unpolitischen Multitalent von Kritikern oft übel genommen. In seinem Nachwort von "Der Herr aus Glas" stellt Sven Hanuschek die doch einigermaßen bezeichnende Tatsache heraus, dass dem laut eigener Charakterisierung "im Land gebliebenen Emigranten" bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs insbesondere "Lügner und Kriminelle als Figuren eingefallen" sind.

"Ich hasse Ideologien, welcher Art sie immer sein mögen. Ich bin ein überzeugter Individualist. Darüber hinaus bin ich ein Linksliberaler, was es heute eigentlich gar nicht mehr gibt. Und ich bin Mitglied einer Partei, die es ebenfalls nicht gibt, denn wenn es sie gäbe, wäre ich nicht ihr Mitglied."

(Erich Kästner in einem Gespräch mit Adalbert Reif, 1969)

Wenig bekannte Erzählungen von 1923 - 1955

Nach dem Krieg zog er nach München und stürzte sich in die neue Aufgabe als Feuilletonchef der Neuen Zeitung im Dienste der "reeducation". Auch in den von Sven Hanuschek ausgewählten Erzählungen findet sich das Thema der mehr oder eher weniger geglückten Entnazifizierung. 1955 veröffentlichte Kästner mit "Paula vorm Haus" seine letzte Erzählung, eine Geschichte über ein Mädchen, das im Vorgarten buchstäblich Wurzeln schlägt. In früher verfassten Epigramm hatte sich Kästner mit einem Baum verglichen:

"Ich bin ein Deutscher aus Dresden in Sachsen.
Mich läßt die Heimat nicht fort.
Ich bin wie ein Baum, der, in Deutschland gewachsen,
wenn's sein muss, in Deutschland verdorrt."

(Erich Kästner)

Könnte also "Paula vorm Haus", diese zarte Kindheitsgeschichte von einem fest mit dem Boden verwachsenen Mädchen, ein "Bild für die innere Emigration" Kästners sein? Auch nach diesem Buch bleibt sogar für Sven Hanuschek manche Frage offen. Fest steht: Kästner war wohl der erste deutsche Erfolgsautor, der nicht nur mit seinen Romanen, Gedichten und Kinderbüchern, sondern auch in der Presse, im Film, im Kabarett und auf der Theaterbühne Triumphe feiern konnte. Und was die Gattung Erzählung angeht, gelten ganz entschieden, bis zuletzt und immer wieder Kästners eigene Worte: "Resignation ist kein Gesichtspunkt".

"Der Herr aus Glas" als Hörbuch

Die vollständige Lesung mit Nico Holonics liegt als Hörbuch vor: auf 6 CDs im Atrium Verlag.

Das Buch wie auch die vollständige Lesung von Erich Kästners "Der Herr aus Glas" mit Nico Holonics (6 CDs) sind im Atrium Verlag erschienen. Im Booklet ist das Nachwort des Herausgebers Sven Hanuschek abgedruckt.

Ton und Technik: Cordula Wanschura
Regieassistenz: Kirsten Böttcher
Regie: Antonio Pellegrino
Produktion: Bayerischer Rundfunk 2015


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