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Kanada - digitales Ehrengastland Unzensiert: Kurzgeschichten von Emily Carr

"Ein richtiges Buch, immerhin, wenn auch noch in Unterwäsche", sagte sie, als sie die Korrekturfahne ihres ersten Bandes ohne Cover in Händen hielt. Die berühmte Malerin Emily Carr aus Victoria auf Vancouver Island trat mit ihrem künstlerischen Werk immer für die indigene Bevölkerung ein. Sie sah, schrieb und malte voller Respekt für die Traditionen der "Indianer". So beschrieb sie in ihren Kurzgeschichten "Klee Wyck" Landschaften und Lebensbedingungen, die presbyterianische Art der Missionierung und das Verschwinden der "First Nation"-Kultur, ein dunkles Kapitel der kanadischen Geschichte.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 10.06.2021

Die kanadische Malerin und Schriftstellerin Emily Carr | Bild: picture-alliance/dpa

"Klee Wyck - Die, die lacht" von Emily Carr

"Ich kannte die Regeln des Buches nicht. Ich habe zwei für mich selbst aufgestellt. Sie entsprachen in etwa den Prinzipien, die ich in der Malerei anwende - komme so direkt wie möglich auf den Punkt; benutze nie ein großes Wort, wenn ein kleines ausreicht."

Emily Carr

In ihrer kanadischen Heimat wird Emily Carr verehrt, zahlreiche Statuen, Universitäten, Straßen und Plätze, die nach ihr benannt wurden, bezeugen dies. Sie gilt neben ihrer Kunst als eine der ersten Umweltschützerinnen und Aktivistinnen, die sich für den Reichtum und den Erhalt der indigenen Kultur einsetzte. Ihre Liebe zur Natur, zu den Traditionen der Ureinwohner bezeugte sie durch zahlreiche Gemälde. Erst sehr spät erschien ihr erstes Buch, "Klee Wyck", was in der Sprache der Stämme so viel heißt wie "die, die lacht". Mehrere Herzattacken fesselten sie ans Bett und so fing sie an, aus ihren Tagebuchaufzeichnungen, die auf Besuchen in den Dörfern der First Nations basierten, kleine Vignetten zu verfassen. Und nicht für ihre Gemälde, sondern für Klee Wyck erhielt sie 1941 den "Governor General's Award" für ihr erstes Buch.

"Zwischen dem Volk der Indianer und dem Wetter herrscht ein Geben und Nehmen wie unter Brüdern, sie passen sich klaglos aneinander an. Meine Begleiter haben nie zu mir gesagt: 'Beeil dich und mach das fertig, damit wir nachhause können, wo es gemütlicher ist.' Indianer machen es sich überall gemütlich. Unweit des Hauses saß ein großer hölzerner Rabe auf einem eher niedrigen Pfahl; seine Flügel waren flach an den Seiten angelegt. Ein kleines Stück von ihm entfernt ragte ein leerer Pfahl empor. Dort hatte sein Gefährte gesessen, der allerdings schon lange verrottet war und ihn moosbewachsen und vermodert allein zurückgelassen hatte, um über die Knochen der toten Indianer zu wachen. Einstmals hatten diese beiden wunderbaren Vögel rechts und links den Eingang zu einem großen Haus voll toter Indianer bewacht, die bei einer Pockenepidemie ums Leben gekommen waren."

aus Emily Carr 'Klee Wyck - Die, die lacht', übersetzt von Marion Hertle

Emily Carr mit ihren Hunden und nicht im Damensitz auf dem Pferd, ein Skandal in ihrer Zeit

"Klee Wyck" nannten sie die Ureinwohner, das war der Name für die Malerin, die sich mit Stafflei und Malutensilien in die Wälder von British Columbia aufmachte, um das Leben der indigenen Stämme festzuhalten. Bevor sie aber zu malen anfing, schrieb sie, erst dann griff sie zum Pinsel. Aus diesen Aufzeichnungen machte Emily Carr eine Sammlung von 21 literarischen Skizzen, die mit beeindruckender Detailgenauigkeit das Leben der Ureinwohner beschreibt. Nun erschien das Buch erstmals auf Deutsch in der unzensierten Fassung. Denn bereits bei der zweiten Auflage wurden die Geschichten zensiert, Carrs kritische Beschreibungen der Missionare wurden gestrichen, die die Kultur und den Glauben der First Nations nicht respektierten. Carr erzählt direkt und eindringlich von Totempfählen, verlassenen Dörfer, von der beeindruckenden Schönheit der Landschaft und vom Alltag der dort lebenden Menschen und deren Verdrängung aus ihrer Heimat.

"Ich habe versucht, normal, direkt schlicht und indianisch zu schreiben. Ich wollte den Orten gerecht werden, genauso wie den Menschen. Ich habe meine ganze Seele hineingelegt und versucht, Sentimentalitäten und Rührseligkeiten zu vermeiden. Ich bin tief in mein Inneres vorgedrungen."

aus Emily Carrs Tagebuchaufzeichnungen

Emily Carr, eine der bekanntesten kanadischen Künstlerinnen, eine Eigenbrödlerin, die erst sehr spät zu Ruhm und Ehren kam. Nur eine große Ausstellung in Vancouver war ihr vergönnt, 1913. Als ihr erstes Buch "Klee Wyck" 1941 erschien, vier Jahre vor ihrem Tod, erfuhr sie durch den bedeutendsten Literatur-Preis Kanadas endlich die Anerkennung, die sie verdiente. Heute werden werden ihre Bilder mit mehreren Millionen Dollar gehandelt.

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