Bayern 2 - radioTexte


17

Elke Erb - eine Hommage an die große Dichterin Die ursprüngliche Kraft der Poesie

"Ich bin außerhalb der Form. Und das ist eine Chance und ein Risiko. Die Menschheit geht mit mir ein Risiko ein, ich diene als Risiko", sagte Elke Erb 1978 in einem Gespräch mit Christa Wolf. "Das sieht mehr als 40 Jahre später nicht anders aus", schreibt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die der Berliner Lyrikerin am 31. Oktober den renommiertesten deutschen Literaturpreis verleiht. "Ihre Gedichte zeichnen sich durch eine prozessuale und erforschende Schreibweise aus, in deren Verlauf die Sprache zugleich Gegenstand und Mittel der Untersuchung ist."

Stand: 22.10.2020

Elke Erb erhielt 2011 den 4. Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung | Bild: Erich Malter, Erlanger Übersetzerwerkstatt

"Poesie ist eine politische und höchst lebendige Erkenntnisform"

"Mit Elke Erb ehrt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ein unverwechselbares und eigenständiges schriftstellerisches Lebenswerk, dessen Anfänge 1975 in der DDR lagen und das sich nach deren Ende unbeirrt bis in die Gegenwart fortsetzt. Elke Erbs poetischer Sachverstand, der sich auch in ihrer reichen übersetzerischen Arbeit zeigt, beeinflusste mehrere Generationen von Dichterinnen und Dichtern in Ost und West. Ihre Gedichte zeichnen sich durch eine prozessuale und erforschende Schreibweise aus, in deren Verlauf die Sprache zugleich Gegenstand und Mittel der Untersuchung ist. Elke Erb gelingt es wie keiner anderen, die Freiheit und Wendigkeit der Gedanken in der Sprache zu verwirklichen, indem sie sie herausfordert, auslockert, präzisiert, ja korrigiert. Für die unverdrossene Aufklärerin ist Poesie eine politische und höchst lebendige Erkenntnisform."

Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

"Das Gedicht ist, was es tut"

"Schicksal"

"Schlickblick, Erstickblick.
Nichts – Stickerei.
Nichts Geschicktes."
(aus "Kastanienallee", Aufbau Verlag)

"Es ist selbständig und real, keine leere, unselbstständige Phraseologie, der viele Menschen ausgesetzt und auch viele gefolgt waren. Es ist ja gleich, welchen Verkündungen. Hat das Christentum die vorgegebenen Ideale gesellschaftlich verwirklicht? Ich galt lange als unverständlich, das hat sich geändert, als es aus war mit den hohlen Phrasen. Lange her. So kam ich weiter mit den Gedichten", erzählte Elke Erb einmal.

2011 auf der Leipziger Buchmesse

Eine Fundgrube an schönen Bildern, an zusammengedachten Bildern, die man so noch nie gesehen hat, an ungewöhnlichen Wendungen, an brillanter Sprach- und Gedankenkunst schenkt uns Elke Erb mit ihrer Poesie. Einen "Zurqualbürokrat" etwa oder eine Tanne ruht unter "Schuppenlidern", hat "Zweigtatzen", ein herrlicher Maitag beginnt etwa mit "wolke, wohin du gewolkt bist" und erstaunt und wissend sinniert Elke Erb über das Lesen:

"Leibhaft Lesen"

"Diese gefügten, gefügigen, Weicheres tragenden
Knochen: lesen.
In Zeilen zerlegter und aufgelegter
Gebinde Aufsammlung ab.
Diese in Bündel gerafften Fasern: entziffern Deute,
eräugen zu eigen.
Diese zehn Zehen im Gehen und Stehen: lesen, laß, daß sie
nachher verwesen."
(aus: "Sachverstand", Engeler)

"Anpassung"

"Und gehen wir schon zu den Zwergen,
folgt uns die Stiefmutter doch."
(aus: "Nachts. Halb zwei, zu Hause", Reclam)

Gedichte von Elke Erb sind ein Abenteuer

Es bereitet Vergnügen, Elke Erb zu lesen, wie sie Sprache zerlegt, skelettiert, um- und aufschichtet, durchpflügt und wieder neu zusammenfügt zu einem großen, gewaltigen Erb-Kosmos. Eine der Gratulanten neben Stefan Popp und Volker Braun in der Hommage an Elke Erb ist Lyrik-Kollegin Ulrike Draesner:

Schriftstellerin Ulrike Draesner

"Die Gedichte machen etwas ganz Erstaunliches: Die haben sozusagen beide Füße auf dem Boden, ich bin mitten in der sinnlichen Welt. Und dann werden die Beine unglaublich lang, und das Ganze zieht sich so in die Höhe und wird etwas Schwebendes, ist aber immer noch unten auf der Erde und miteinander verbunden, so dass man immer, wenn man ein Elke Erb Gedicht liest, auf jeden Fall ein Abenteuer erlebt, weil es einen irgendwohin führt, wo man noch nie war."

Ulrike Draesner

Und einzigartig sind auch die Kommentare, die engzeilig unter vielen ihrer Gedichte stehen. Die Einblicke gewähren in die Schreibstube der Dichterin, Aufschluss geben über das Verfertigen der Gedanken. Sozusagen eine zweite Ebene einschieben. Kritiker oder Literaturwissenschaftler nennen diese Kommentare "lyrische Reflexionen", Elke Erb erkennt in ihnen "eine Kumpelhaftigkeit zum eigenen Text".

"Das ist hier der Fall. Ausgewählte Gedichte der Büchner-Preisträgerin"

Dichterin und Übersetzerin Elke Erb

Am 31. Oktober wird die Lyrikerin Elke Erb mit dem renommiertesten deutschen Literaturpreis geehrt, dem Georg-Büchner-Preis. In einer Hommage an die Schriftstellerin gratulieren Dichter-Kolleg*innen wie Friederike Mayröcker, Ulrike Draesner, Steffen Popp und Volker Braun, der sie einemal als "sprachverrückte Poetin" mit "Stützpunkten poetischer Aufsässigkeit" bezeichnete. Cornelia Zetzsche hat die Preisträgerin in ihrer Wohnung besucht, in "Berlin-Mitte, Rheinsberger Str. Nr. …, Hth., links." Zusammen mit Schauspielerin Beate Himmelstoß lesen sie ausgewählte Gedichte von Elke Erb aus dem soeben erschienenen Gedichtband "Das ist hier der Fall. Ausgewählte Gedichte der Büchner-Preisträgerin" bei Suhrkamp, der von Steffen Popp und Monika Rinck zusammengestellt wurde.

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

Als kostenloser Podcast unter bayern.de/lesungen

"Elke Erb war, ist und bleibt ausgeflippt, dem Teufel sei’s gedankt"

Das schrieb unlängst der Dichter Bert Papenfuß in seinem Buch "Psychonautikon Prenzlauer Berg". Elke Erb wurde am 18. Februar 1938 in Scherbach, einem kleinen Dorf in der Eifel geboren. 1949 - in ihrem 12. Lebensjahr - übersiedelte sie mit der Familie nach Halle in die DDR, weil ihr Vater, der Literaturwissenschaftler Ewald Erb überzeugter Sozialist war. Nach dem Studium der Germanistik, Slawistik und Pädagogik arbeitete Elke Erb von 1963 bis 1965 als Lektorin beim Mitteldeutschen Verlag. Seit 1966 ist sie freiberuflich als Schriftstellerin und Übersetzerin vorwiegend aus dem Russischen tätig. Ihr reichhaltiges Werk versammelt Lyrik, Kurzprosa, prozessuale Texte, Übersetzungen und Nachdichtungen.

Auszeichnungen

1988 Peter-Huchel-Preis (füt "Kastanienallee. Texte und Kommentare", Berlin 1987)
1990 Heinrich-Mann-Preis (zusammen mit Adolf Endler)
1992 Vierwöchiges Arbeitsstipendium in Bordeaux
1993 Ehrengabe der Schillerstiftung
1994 Rahel-Varnhagen-von-Ense-Medaille
1995 Ehrengast der Villa Massimo in Rom
1995 Erich-Fried-Preis
1995 Ida-Dehmel-Preis
1998 Norbert-C.-Kaser-Preis
1999 F.-C.-Weiskopf-Preis
2004 Else-Heiliger-Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung
2007 Hans-Erich-Nossack-Preis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft BDI für das Gesamtwerk
2011 Preis der Literaturhäuser
2011 Erlanger Literateraturpries für Poesie als Übersetzung
2012 Roswithapreis Stadt Bad Ganderheim
2012 Georg-Trakl-Preis für Lyrik 2013 Ernst-Jandl-Preis für Lyrik
2014 Anke Bennholdt-Thomsen-Preis für Lyrik der Deutschen Schillerstiftung
2016 Liliencron-Dozentur für Lyrik
2018 Mörike-Preis der Stadt Fellbach
2019 Bundesverdienstkreuz
2020 Georg-Büchner-Preis


17