Bayern 2 - radioTexte


16

Feuchtwanger ohne Filter Ein möglichst intensives Leben: Die Tagebücher

"Ein möglichst intensives Leben" - dieses Ziel notierte der berühmte Münchner Schriftsteller 1906 in sein Tagebuch, dessen Existenz Lion Feuchtwanger stets geleugnet hatte. 1991 wurden seine Aufzeichnungen doch entdeckt und nunmehr erstmals publiziert: Lion Feuchtwangers Aufzeichnungen von 1906 - 1940 sind eine ungeschminkte Chronik einer historischen Ära voller Erschütterungen sowie beeindruckende Belege eines tatsächlich "möglichst intensiven Lebens". Lesung mit Jens Wawrczeck in zwei Folgen

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 02.12.2018 | Archiv

"16. Juni 1906:
Meine Weltanschauung: Sicher ist, dass der lebendige Mensch mehr Intensität des Gefühls besitzt als die übrige Materie. Zweck des menschlichen Lebens ist es, diese Intensität nach Kräften zu verstärken. Mein Ziel also sehe ich darin, ein möglichst intensives Leben zu führen."

(Tagebucheintrag Lion Feuchtwangers)

Eigentlich hatte der 1884 in München geborene Sohn eines Margarinefabrikanten stets bestritten, Tagebuch zu führen: „Mir sagt es wenig zu, täglich Bilanz zu machen“, log der international gefeierte Autor von "Jud Süß", "Erfolg" oder "Die Jüdin von Toledo" im Berliner Tageblatt 1931. Doch genau das hat Feuchtwanger getan, "Bilanz gezogen", in geheimen Tagebüchern, die bis 1991 unentdeckt geblieben waren. Dann erst fand man sie bei seiner langjährigen Sekretärin Hilde Waldo. Warum sie dort versteckt und sogar verschlüsselt in Gabelsberger Kurzschrift niedergeschrieben waren, bleibt bis heute Spekulation. Eines ist klar: Feuchtwanger hatte nicht geplant, seine Aufzeichnungen zu publizieren. Stilistisch stehen die Tagebücher der Jahre 1906 - 1940 im krassen Kontrast zu seinen großen Romanen.

Feuchtwanger: der offene Chronist

Chaplin in "Der große Diktator" (1940)

"Los Angeles 11. Januar 1933.
Die nette und lebendige Kommunistin Löwenstein da. Erzählt mir zwei Stunden über die Verhältnisse in der Stadt. Dann Lunch mit Chaplin und Mr. Moos von der Universal. Chaplin ist hingerissen von meinen Ideen über einen Hitlerfilm. Abends lange Autofahrt nach Pasadena zu Einstein. Ganz nett. Einstein redet ziemlich wenig und selbstgefällig. Er ist furchtbar saturiert. Es dauert ziemlich lange. Ich streite scherzhaft mit seiner Frau über unser Englisch."

(aus Lion Feuchtwangers Tagebüchern)

Denkt man an die international viel gelesenen, opulenten historischen Romane Feuchtwangers, ist doch die Überraschung groß über solch Wortknauserei, nachdem man sich mit gleich zwei Legenden des 20. Jahrhunderts getroffen hat. Doch Feuchtwanger wollte sich absetzen von bekannten publizierten Tagebüchern, die er mit "Heeresberichten" verglich, die bloß "Wunschbilder" gäben und wenig mit der Realität zu tun hätten. Seine Einträge sollten wirkliche Tages-Berichte sein, radikal ehrlich und ungeschönt. Diesem Prinzip entsprechend stellen sich seine gänzlich unliterarischen Notate als Tätigkeitsprotokolle dar, inklusive knapper persönlicher Bewertung. "Feuchtwanger ohne Filter" nennt der Schriftsteller Klaus Modick dieses Prinzip in seinem Vorwort zur Buchausgabe.

"31. Dezember 1939
Marta in Panik infolge überraschender Ankunft des Kantorowicz. Krach mit ihr wegen Lola über die Mitternacht. Kein sehr gutes Jahr. Gesundheit relativ gut. Alter zeigt sich im Nachlassen der Potenz, aber die Prostatageschichten beseitigt. Arbeit gut vorangegangen, Arbeitsfähigkeit sehr gut. Aber Martas Eigenwilligkeiten und die Schwierigkeiten mit ihr mehren sich. Wirtschaftlich seh ich nicht sehr gut aus. Der Krieg gefährdet das Erscheinen meiner Bücher und stellt mich auch sonst vor eine Reihe peinlicher Probleme. Auch besteht die Möglichkeit, daß meine Beziehungen zu Eva darüber in die Brüche gehen."

(aus Lion Feuchtwangers Tagebüchern)

Feuchtwanger - der getriebene Stoiker

In "Der Teufel in Frankreich" schildert Feuchtwanger seine Erfahrungen aus dem Lager "Les Milles" im Jahre 1940.

Trotz dieses fast buchhalterischen Stils eröffnen die nun endlich dechiffriert erschienenen Tagebücher faszinierende Einsichten in Feuchtwangers Persönlichkeit, die - zieht man gleichzeitig seine Werke mit in den Blick - nie so vielschichtig sein konnten wie jetzt und die diesen berühmten deutschen Exilintellektuellen in all seiner Widersprüchlichkeit zeigen. Die Dokumente schildern, wie er sich selbst sah, ohne Publikum, ohne Bühne, geworfen in eine Ära, die ihn nicht nur in zwei Weltkriege, in Lagerhaft hineinsog, sondern auch noch zum Staatsfeind seiner Heimat werden ließ, die er dann, nach 1933, nie mehr wiedersehen sollte. Die gefundenen Tagebücher brechen kurz vor seiner spektakulären Flucht aus Frankreich in die USA 1940 ab.

Lion Feuchtwanger, aufgenommen 1932, nach Ankunft in New York zum Start seiner Amerika-Tournee

"Er ist ein Getriebener, immer auf der Suche nach Bestätigung. Er schwankt im Grunde genommen immer zwischen Überheblichkeit und Selbstzweifel, immer ist die Ungewissheit größer als die Gewissheit über das bereits Erreichte, obwohl er dann ja schon zu Lebzeiten zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller überhaupt wird. Und er ist Stoiker, und das hat ihm das Leben gerettet. Er hat damit die großen Krisen und schwierigen Zeiten überlebt, Tod des einzigen Kindes, zwei Weltkriege, Exil, Lagerhaft, Flucht. Genauso ist er aber auch leidenschaftlich und emphatisch, vielleicht nicht immer empathisch, aber emphatisch. Und das hat ihn den Schriftsteller werden lassen, der er von Anfang an sein wollte."

(Herausgeberin Nele Holdack über Lion Feuchtwanger)

Das Hörbuch

Das Aufnahmeteam (v.l.n.r.): Jens Wawrczeck, Redakteurin Judith Heitkamp, Regisseurin Irene Schuck und Toningenieur Fabian Zweck.

Das Journal Lion Feuchtwangers wurde von Jens Wawrczeck für die radioTexte eingelesen, der nicht nur ein großer Synchronsprecher, Dialogregisseur und Verleger ist. Vor allem ist er als Hörbuchinterpret und Hörspielstimme bekannt (legendär als Peter Shaw in der Reihe "Die drei ???") und mehrfach preisgekrönt. Auf dem Hörbuch "Ein möglichst intensives Leben. Die Tagebücher" ist nicht nur die (leicht bearbeitete) Lesung der Tagebücher zu finden: auch das Vorwort Klaus Modicks wurde mit aufgenommen. Als Bonus ist am Ende der Lesung ein Gespräch der BR-Redakteurin Judith Heitkamp mit Nele Holdack zu hören, eine der drei Herausgeberinnen des Buches, die ausführlich auf die Entdeckung und Dechiffrierung der Tagebücher sowie deren stilistische Besonderheiten eingeht.

Am 21. Dezember jährt sich der Todestag Lion Feuchtwangers zum 60. Mal.

„Ein möglichst intensives Leben“ - Die Tagebücher

von Lion Feuchtwanger

Lesung in zwei Folgen mit Jens Wawrczeck
Moderation: Antonio Pellegrino
Zu Gast im Studio: Judith Heitkamp
(Redakteurin radioTexte - die klassische Lesung)

Das Hörbuch

Das von den radioTexten produzierte Hörbuch ist als gekürzte Lesung im Audio Verlag erschienen. Es lesen Jens Wawrczeck (Tagebücher Lion Feuchtwanger), Stefan Merki (Vorwort von Klaus Modick) und Beate Himmelstoß.
Bearbeitung der Tagebücher: Judith Heitkamp
Ton und Technik: Fabian Zweck
Regie: Irene Schuck
Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2018
Das gleichnnamige Buch ist im Aufbau Verlag erschienen.

Podcast verfügbar


16