Bayern 2 - radioTexte


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Sechs Autoren, fünf Mundarten Sprachkünstler und ihr Dialekt

Was kann Dialekt? Wie gehen namhafte Schriftsteller wie Martin Walser oder Arnold Stadler mit ihrer Muttersprache um? Wie klingt Walser auf alemannisch oder Kerstin Specht auf oberfränkisch? Cornelia Zetzsche begibt sich mit sechs namhaften Autoren im "Offenen Buch" in den Dschungel der bayerischen Mundarten: Bairisch und Steirisch, alemannisch, ost- und oberfränkisch, vom Schliersee nach Graz, von Wasserburg am Bodensee nach Rast zwischen Donau und Bodensee, von Stockach in Oberfranken nach Nürnberg. Drei Folgen mit sechs Dichtern in fünf Mundarten an drei Sonntagen.

Stand: 10.05.2018

Sprachatlas Bayern | Bild: historisches-lexikon-bayerns.de

Dialekt ist gesprochene Sprache, lautmalerisch, musikalisch. Taugt er als Schriftsprache, kann man seine Laute, seine zahlreichen Diphthonge, für die es gar keine Buchstaben gibt, überhaupt notieren und damit festhalten, sie in "Schrift stellen"? Sechs namhafte Autoren treten in Dialog zueinander, ergänzen sich und zeigen die Klangfarben ihrer Muttersprache. Gerhard Polt trifft auf Herms Fritz aus der Steiermark, Martin Walser aus Wasserburg auf Arnold Stadler aus Rast, zwei Alemannen und doch ist ihr Sound unterschiedlich und Kerstin Specht trifft auf Fitzgerald Kusz, zwei Franken, oberfränkisch trifft auf ostfränkisch. Texte, Gedichte, Lieder und Gedanken zur ihrer jeweiligen Muttersprache. Und zum Lesen und Einstimmen ein paar eigens für diese Dialekt-Reise geschriebene Texte!

Folge 1: Bairisch trifft Steirisch (29. April, 12.30 Uhr auf Bayern 2)

"Der Alkoholsportler" mit Gerhard Polt. "Bia und Marülln" mit dem Mundart-Dichter und Musiker Fritz Herms aus Graz.

GERHARD POLT, Schliersee, Oberbayern



Autor, Kabarettist, Schauspieler, Sprach – und Milieuforscher; geb. in München, aufgewachsen in Altötting,
Muttersprache: Bairisch

Gemütlichkeitsvollzugsanstalt [geː’myːt­lɪçkaɪ̯ tsvɔl’t ͡ suːgsanʃtalt]
megarustikale Heimat (schweres Gehölz, Tiroler Balkone, Massivmöbel in Verbindung mit harten Knödeln) für entvakuumisierte Schweinsbraten in Palmfett unter Dauerbejodelung und dirndlbekleidetem und lederbehostem Personal. Die Gemütlichkeitsvollzugsanstalten haben ihren Ursprung im Alpenraum, sind jedoch heute global verbreitet.

Homo oralis [’hɔmoː oː’raːlɪs]
Schwätzer, Windbeutel mit chronischer → Logorrhöe; menschliche Existenz, die sich vorwiegend des Mundwerks bedient und deshalb sowohl als Vordergrund- als auch als Hintergrundgeräusch wirksam werden kann (vgl. loud speaker); hat ein erotisches Verhältnis zum Mikrofon.

(aus: "Der grosse Polt - Ein Konversationslexikon", Kein und Aber)

HERMS  FRITZ, Graz, Steiermark



Mundartdichter, Grafiker, Konzeptkünstler, Musiker;
geb. in Graz, aufgewachsen in der Weststeiermark, Muttersprache: Steirisch

"Dea Do
Dea do
is so a Dodl,
is so ein Depp,
do muasst aufpassn.
Wannst den soxt,
hetzholba:
Griass di!
Geh ham & daschiass di!
Kanns sein
dassas echt mocht.
Dassa Ham geht,
a Gwehr nimmt
& si aafoch daschiasst.
Dea Dodl!
dea deppate!
Ohne Schmäh"

(aus: Herms Fritz "Bia und Marülln", Bibliothek der Provinz)

Folge 2: Raster und Wasserburger Alemannisch (6. Mai, 12.30 Uhr)

Zwischen Bodensee und Donautal. Büchner-Preisträger Martin Walser und Arnold Stadler mit Gedichten und Prosa in ihrer Muttersprache Alemannisch.

MARTIN WALSER, Nußdorf am Bodensee



Schriftsteller, Büchner-Preisträger, Friedenspreisträger;  
geb. in Wasserburg am Bodensee/ Bayern,
Muttersprache: Alemannisch

"Zweierlei Füß - Über Hochdeutsch und Dialekt

Distanzen
Wie ist es, wenn man in hochdeutscher Sprache über den Dialekt redet? Ist es so, wie wenn man mit Handschuhen einen nackten Körper betastet? Oder ist es, wie wenn man das Fernrohr umdreht, um große Dinge klein und entfernt erscheinen zu lassen? Die Mundart würde, egal worüber man in ihr spräche, alles unverschämt groß erscheinen lassen. Wenn man in ihr über sie selbst spräche, das wäre maßlos. Meine Zweifel sind in der Mundart nicht auszudrücken. Sie sind ja dadurch entstanden, dass ich mich von der Mundart entfernte. Seitdem ist alles zweifelhaft. Ich könnte auch sagen: wählbarer. Oder: abstrakter. Die Mundart ist die Sprache mit der größten Notwendigkeit. Das Bedürfnis, dem sie entspricht, ist unanzweifelbar. Deshalb ist sie konkret. Wo sie nicht mehr mitkommt, beginnt die Beliebigkeit. Die Möglichkeit. Auch die Möglichkeit der Emanzipation. Die Möglichkeit der Vorstellung der Freiheit."

(aus: Martin Walser "Heilige Brocken: Aufsätze, Prosa, Gedichte", Drumlin Verlag GmbH, Weingarten 1986)

ARNOLD  STADLER, Rast, Baden-Württemberg



Schriftsteller, Büchner-Preisträger; geb. in Meßkirch, aufgewachsen im 500-Seelen-Ort Rast, zwischen Donau und Bodensee, Muttersprache: Alemannisch

"Nimme gau  -  Sankt Petersburg den 14. April 2018
Nimme gau
Nimme hau
Nimme schdau
Nimme lau
Binne xai?
Hanne kett?
Drunderd nei
Wanne wett?
Wenne wär winne sei sott
Wa ez kau hasch
Wia au sei masch
Wonne na kum dribberd nous kumm
Denn do nei
Wonne na kum
I bi dumm xai
no isch rum xai
no wishes
so isches
und
ums numluege
kasch nimme rumluege"

(Arnold Stadler, exklusiv für das "radioTexte - Das offene Buch")

Folge 3: Oberfränkisch und Ostfränkisch (13. Mai, 12.30 Uhr)

Dramatikerin Kerstin Specht mit einem Porträt ihrer Mutter im Frankenwald. Fitzgerald Kusz mit „Nämberch Blues“ und unveröffentlichten Gedichten.

KERSTIN  SPECHT, München



Dramatikerin, Prosa- und Drehbuch-Autorin, machte Oberfränkisch zur Kunst- und Theatersprache; geb. in Kronach, aufgewachsen in Stockheim,
Muttersprache: Oberfränkisch

"Nachbarn
Die großen Bauern antworten nicht, wenn man sa grüsst. Unter ihra Achseln hamsa den Dunst von ihrer schwern Arbeit und ihrn Hochmut, der ihna a steifs Kreuz gibt. Der Johann ackert immer mit seinem goldena Zwicker. Aber wenn er an der Friedel vorbeikommt, wo die Eltern ganz hinten, am End vom Acker arbeiten und sich nicht kümmern könna, wenn er an der Friedel vorbeikommt, die von der Deckn gerutscht und mit nackertn Hintern auf die Stupfel sitzt, die des hinnimmt und kamoll mehr schreit, dann bückt er sich und setzt sie zurück auf die Deckn."

(Kerstin Specht, exklusiv für "radioTexte - Das offene Buch")

FITZGERALD  KUSZ, Nürnberg



Mundart-Dichter mit dem fränkischen Blues, Bayerischer Dialekt-Preis 2017; geb. in Nürnberg, aufgewachsen in Forth bei Nürnberg,
Muttersprache: Ostfränkisch

"vision
wos mä hindä uns hamm
hammä scho nimmä vuä uns
wos mä vuä uns hamm
hammä aa ämall hindä uns
wos vuä uns is
wiss mä ned
wos mä hindä uns hamm
is nimmä woä
wos mä hamm
des hammä
wos ämall nouch uns is
kann uns worschd saa
des hamm däi
wou nouch uns kummä
nu vuä sich"

(Fitzgerald Kusz, exklusiv für "radioTexte - Das offene Buch")

Mundart und Literatur Folge 3

"radioTexte - Das offene Buch" an drei Sonntagen mit sechs Dichtern und fünf Mundarten. Am Sonntag, dem 13. Mai, geben sich die Ehre Dramatikerin und Drehbuch-Autorin Kerstin Specht und der Mundartautor Fitzgerald Kusz mit Hang zum fränkischen Seelenblues, Oberfränkisch trifft auf Ostfränkisch!
Lesung und Gespräch innerhalb der Dialekt-Reihe auf Bayern 2.
Moderation und Redaktion: Conelia Zetzsche


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