Bayern 2 - radioTexte


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Preisträgerin Dina Nayeri "Der undankbare Flüchtling"

Ihr ist ein berührendes Erinnerungsbuch gelungen über ihre Flucht aus dem Iran im Kindesalter, über Camouflage-Strategien im vermeintlich sicheren Exil. Zugleich ist es ein kämpferischer Aufruf, die Würde der Millionen Menschen auf der Flucht endlich anzuerkennen und vor allem: dieser Anerkennung auch Taten folgen zu lassen. Für ihr erstes Sachbuch ist Dina Nayeri gerade mit dem 41. Geschwister-Scholl-Preis geehrt worden. Lesung mit Caroline Ebner.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 26.11.2020 | Archiv

Exil-Iranerin Dina Nayeri  | Bild: Anna Leader

"Warten lassen: ständiges Vorrecht jeder Macht; jahrtausendealter Zeitvertreib der Menschheit."

(Roland Barthes)

"In einem Flüchtlingscamp sind die Geschichten das Wichtigste. Jeder hat eine eigene, denn jeder ist eben erst aus einem Albtraum erwacht. Ohne die Erlaubnis, zu arbeiten oder sich fortzubewegen, hat niemand etwas zu tun und wartet nur darauf, einen neuen Platz in der Welt zugewiesen zu bekommen."

(Dina Nayeri, Der undankbare Flüchtling)

Sie hat am eigenen Leib erfahren, was jahrelange Warterei und tägliches Bangen, dass deiner Geschichte Glauben geschenkt wird, mit einem Menschen anstellen kann. Hat man es geschafft, in einem Land neu anfangen zu dürfen, wird stete Dankbarkeit erwartet. Warum eigentlich? „Wir haben keine Schuld zu begleichen“, so die heute 41-jährige Dina Nayeri.

Flucht im Kindesalter

Alltagsleben in Isfahan, Iran

Dina Nayeri wurde 1979 - im Jahr der Islamischen Revolution - als Tochter eines Arztehepaars in Isfahan geboren. Sie wuchs in einem wohlhabenden Viertel auf, in einem Haus mit Swimmingpool und Garten, inmitten von Familie und Verwandten. Weil die Mutter zum Christentum konvertierte, musste sie mit Tochter Dina und dem jüngeren Sohn Khosrou aus dem Iran fliehen, ihr Mann blieb zurück. Dina war damals neun Jahre alt. Nach mehreren Stationen und mehreren Jahren bekamen sie Asyl in den USA.

In Oklahoma begann Dina Nayeris Kampf um möglichst perfekte Anpassung: Die überfleißige Schülerin trainierte sich ihren Akzent ab und Taekwondo-Kampftechniken an - Letzteres im wahrsten Sinne bis zum Umfallen. Im Sport bestand ihre Chance, für Harvard zugelassen zu werden. Nayeri schafft es, in Harvard und Princeton zu studieren, arbeitete als Consultant für McKinsey und für Saks Fifth Avenue. Das kleine Mädchen, das zunächst als „Katzenfresserin“ beschimpft und für ihre Nase gehänselt wurde, war zur hoch gebildeten, erfolgreichen Vorzeige-Migrantin geworden. Und trotzdem blieb sie vor allem eines: ein Flüchtling, ein zweibeiniges Chamäleon, das sich so schnell als möglich seiner neuen Umgebung anpassen will, um keinesfalls negativ aufzufallen.

Geschwister-Scholl-Preis 2020

Nach weiteren Neuanfängen in Amsterdam und London lebt die Schriftstellerin und Mutter heute in Paris. 2013 erschien ihr erster Roman „Ein Teelöffel Land und Meer“, fünf Jahre später folgte „Drei sind ein Dorf“, beides Bücher, die von Nayeris Exilerfahrung zeugen. „Der undankbare Flüchtling“ ist ihr erstes Sachbuch, für den sie den diesjährigen Geschwister-Scholl-Preis zugesprochen bekam.

"Dina Nayeri führt ihre Leserinnen und Leser zur Auseinandersetzung mit der Frage, was es bedeutet, in einem anderen Land zu leben, in Sicherheit zwar, doch immer unter Vorbehalt und zur steten Dankbarkeit verpflichtet. Ihr Buch Der undankbare Flüchtling ist damit ein Plädoyer, die Würde eines jeden Menschen anzuerkennen. In den Flugblättern der Weißen Rose finden sich die wichtigen Forderungen, jeder Einzelne habe ein Recht auf einen ‚brauchbaren und gerechten Staat‘ sowie auf die ‚Güter der Welt‘. Dina Nayeris Buch ist in dieser zutiefst humanistischen Überzeugung geschrieben."

(Aus der Begründung der Jury)

80 Millionen und kein Ende

In "Der undankbare Flüchtling" erzählt Nayeri nicht nur ihre Geschichte, sie verschränkt ihre Biografie mit weiteren Fluchtbiografien aus Camps in Griechenland, die sie vor Ort recherchierte. Sie besuchte die Lager, traf Aktivisten und Menschenrechtsanwälte, kehrte auch nach Jahrzehnten an die Orte ihrer Flucht zurück. Hat Europa etwas dazugelernt, fünf Jahre nach der sogenannten Flüchtlingskrise? Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) waren im vergangenen Jahr weltweit rund 80 Millionen Menschen auf der Flucht. Und es ist kein Ende in Sicht: Der globale Klimawandel wird die Zahl der vor Hunger und Wassermangel Fliehenden weiter klettern lassen.

"Der undankbare Flüchtling"

von Dina Nayeri

am 1. Dezember in den radioTexten am Dienstag auf Bayern2, kurz nach 21.00 Uhr

Lesung mit Caroline Ebner

Dina Nayeris Buch ist, aus dem Englischen von Yamin von Rauch übertragen, bei Kein & Aber erschienen.

Moderation und Redaktion: Antonio Pellegrino

Unsere Lesungen können Sie immer und überall nachhören: auf dieser Seite im Stream, als Download im Podcast-Center des Bayerischen Rundfunks und überall, wo es Podcasts gibt.


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