Bayern 2 - radioTexte


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"Das Meer schläft nie" Legenden und Anekdoten rund um die Weltmeere

"Mit vollen Segeln lief ich in das Meer / Des Lebens", heißt es bei Friedrich Schiller. Seit Jahrhunderten beschäftigt und berauscht das Meer Wissenschaft und Künste - bis heute eine Quelle neuer Bedeutungen und Rätsel. Frei nach Francis Bacon, der Bücher mit Schiffen verglich, "welche die weiten Meere der Zeit durcheilen", begeben sich die radioTexte in zwei Folgen auf literarische Hochsee, erforschen Inseln und ihre Bewohner, Seebären und Flüchtende, Gezeiten und Gestade.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 19.06.2018

Auf den Malediven mit Buch | Bild: picture-alliance/dpa

"Das Meer schläft nie", schrieb Elias Canetti in seinem Buch "Masse und Macht", worin er das Meer als ein Massensymbol in der Natur sieht, als eine imaginäre "kollektive Einheit", die nicht aus Menschen besteht und dennoch als Masse empfunden werde. "Das Meer schläft nie", in diesem kurzen Satz deutet sich so viel von dem Geheimnis dieses letzten großen, noch lange nicht gänzlich entdeckten Neulands an - und von seiner imaginären Kraft. Es ist immer in Bewegung, wie ein Organismus; der ewige Rhythmus der Gezeiten gleicht einem Atemholen; es wirkt launisch, bedroht oder besänftigt, ist undurchdringlich oder auch kristallklar. Seine Ausmaße erheben das Meer zum Inbegriff der Unendlichkeit.

Das Meer in der abendländischen Literatur

"Und er begann, wie er erst die Kikonen bezwungen, und hierauf
An der fruchtbaren Küste der Lotophagen gelandet.
Was der Kyklope getan, und wie er der edlen Gefährten
Tod bestraft, die er fraß, der unbarmherzige Wütrich.
Und wie Äolos ihn, nach milder Bewirtung, zur Heimfahrt'
Ausgerüstet; allein die Stunde der fröhlichen Heimkehr
War noch nicht; denn er trieb, von dem wilden Orkane geschleudert,
Lautwehklagend zurück ins fischdurchwimmelte Weltmeer."

( Homers Odyssee)

Im zweiten Teil dieser Meeres-Anthologie ist der berühmte Sizilianer Andrea Camilleri mit einem sehr persönlichen Blick aufs Meer zu hören.

Da das Meer die größte Region der Erde darstellt, ist es nicht verwunderlich, dass mit den Ozeanen die Geschichte fast aller Kulturen eng verbunden ist. Die europäische Kultur ist rund um das Mittelmeer entstanden. Odysseus kreuzt auf ihm in einem der frühesten Epen der Weltliteratur jahrelang hin und her. Das erste Kreuzfahrtschiff trug strapazenresistente Touristen Mitte des 19. Jahrhunderts von England zur iberischen Halbinsel, wahrscheinlich hexameterfrei. Die erste Weltreise übers Meer fand 1923 statt: Zum Vergnügen sehr zahlungskräftiger Reisender fuhr die "Laconia" einmal um den Globus herum.

Das Meer und Männerfreundschaften

Die Nähe zum Meer kann nicht nur des Menschen Kreativität fördern, sie kann auch Karrieren und Freundschaften voranbringen. Zum Beispiel Jean Cocteau: 1936 befand sich der französische Surrealist auf einer legendären Tour. Er ahmte die fiktive "Reise in 80 Tagen um die Welt" von Phileas Fogg nach, als er auf einem Schiff von Hongkong nach Shanghai Charlie Chaplin traf. Letzterer öffnete Cocteau nicht nur Tür und Tor zu vielen bekannten Hollywood-Größen. Zwischen den beiden exzentrischen Künstlern soll eine wunderbare Freundschaft begonnen haben, unterwegs auf dem Meer.

Mehr Literatur

Eine Badende an der Ostsee

Das Motiv des Meeres in der Literaturgeschichte vertieft diverse Aspekte: das Meer als Bedrohung, als Seelenspiegel des Menschen, das Meer als politischer Faktor, als terra incognita, als physisches Faszinosum. Als solches wird es beispielsweise beim Baden wahrgenommen. Über Badereisen zu Heilquellen wurde im 13. Jahrhundert erstmals berichtet. Badeorte am Meer entstanden im 17. Jahrhundert, allerdings schwamm man damals noch nicht im heutigen Sinne im Wasser. Badeorte wurden bald zum gesellschaftlichen Mittelpunkt: Sogar Könige besuchten das englische Bath oder auch das niedersächsische Bad Pyrmont. Als gesundheitsförderndes, als sportliches Erlebnis begann die Praxis des Meer-Badens Ende des 18. Jahrhunderts. Und heute? Pures Vergnügen!
In Anthologien mit Geschichten, Legenden und Anekdoten um und über das Meer finden sich immer neue Antworten auf die alte Frage: Warum lieben wir eigentlich das Meer? 

"Das Meer ist keine Landschaft, es ist das Erlebnis der Ewigkeit, des Nichts und des Todes, ein metaphysischer Traum."

(Thomas Mann)

"Das Meer schläft nie" 

Geschichten, Legenden und Anekdoten
rund um und über die Weltmeere 

Nico Holonics

von Fernand Braudel, Andrea Camilleri, Neil MacGregor, Jules Michelet, Christian Morgenstern, Carl Schmitt, Rainer Maria Rilke, Joachim Sartorius, Cora Stephan, Jules Verne und vielen anderen

Lesungen in zwei Folgen in Bayern 2 am 26. Juni und 3. Juli, immer um kurz nach 21.00 Uhr

Es lesen u.a. Jürgen Arndt, Rahel Comtesse, Achim Höppner, Nico Holonics, Helmut Stange, Heidi Treutler und Hanns Zischler.

Moderation und Redaktion: Antonio Pellegrino

Podcast verfügbar


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