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"Das Buch vom Meer" Norwegisches Eishai-Abenteuer zum Abtauchen

Der Untertitel des Bestsellers aus Norwegen sagt schon fast alles über dieses nasse Abenteuer: "Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen". Das Ziel ist also klar: Ein sagenumwobenes Ungeheuer soll aus der Tiefe des Nordmeers gefischt werden - ein Eishai, der größte fleischfressende Hai der Welt. Allerdings taucht der nicht alle naselang auf. Um die Wartezeit zu überbrücken, erzählt Morten A. Strøksnes vom Leben an den Ufern der Lofoten, von Polarforschern und Meereslegenden.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 07.06.2022 | Archiv

Kleines Schiff in rosafarbener Inselwelt der Barentssee | Bild: picture-alliance/dpa/Michael Narten

"Draußen auf dem Ozean zu sein, in einem kleinen Boot mit einem guten Freund – kann es etwas Besseres geben?"

( Morten A. Strøksnes)

Dieses Meeresabenteuer hat wirklich stattgefunden: Morten A. Strøksnes hat sich zusammen mit Künstlerfreund Hugo ein Jahr lang auf Eishaijagd begeben und sich damit einen lang gehegten Traum erfüllt. Das daraus entstandene "Buch vom Meer", das neunte Buch des in Oslo lebenden Schriftstellers und Journalisten, ist jedoch viel mehr als ein viriles Wasserwagnis. Neben dem Handlungsrahmen der zwei Freunde in einem Boot erzählt der Bestsellerautor faktengetreu von der Geschichte des Nordmeers und den dort früher beheimateten Walfängern, von den unzähligen unbekannte Unterwasserwesen, von Meeresmythen und Legenden, von Quallenarten mit dreihundert Mägen, von Polarforschern und Kartografen und zieht uns hinein die immer noch so unerforschte Welt des Ozeans, die durch uns Menschen schrittweise zerstört wird.

Die Jagd nach dem Urzeitwesen

"Dreieinhalb Milliarden Jahre sollten vergehen von der Entwicklung ersten primitiven Lebens im Meer bis zu Hugo Aasjords Anruf, der mich an einem späten Samstagabend im Juli, während eines lebhaften Abendessens im Zentrum von Oslo, erreichte.
Hast du die Wettervorhersage für nächste Woche gesehen?, fragte er.
Wir warteten schon lange auf eine bestimmte Wetterlage. Was wir brauchten, war möglichst wenig Wind im Gebiet zwischen Bodø und den Lofoten, genauer gesagt im Vestfjord. Und wer im Vestfjord auf Windstille wartet, sollte Geduld mitbringen. ... Am Ende schaute ich mir die Prognosen gar nicht mehr an und verfiel in den trägen Osloer Ferienrhythmus aus warmen Tagen und milden Nächten.
Als ich jetzt die Stimme von Hugo hörte, der Telefonieren hasst und nur anruft, um wichtige Nachrichten zu überbringen, wusste ich, dass die Langzeitvorhersage endlich stimmte."

(Das Buch vom Meer)

Schauspieler Shenja Lacher liest "Das Buch vom Meer".

So nimmt also die skurrile Jagd nach dem sagenumwobenen Urzeitwesen seinen Lauf, die nicht nur die Geduld und Wetterfestigkeit des Männerduos auf eine harte Probe stellt - auch ihre Freundschaft muss einige Talfahrten in Kauf nehmen. Nicht nur der mittlerweile in Oslo lebende Autor hat seine kleinen Eigenheiten, auch Hugo Aasjord, Maler abstrakter Ölbilder und "Derrick"-Fan, kann dann und wann seinem Freund in einem kleinen Boot auf die Nerven fallen. Hugo lebt mit seiner Frau Mette in einer Art "Seeräuberlager" auf der Insel Engeløya, dem Aasjordbruket, einer alten Fisch- und Tranfabrik, die das Paar seit Jahren langsam restauriert. Hier ist die "Basis" für die Schlauchbootfahrten hinaus auf den Vestfjord vor den Lofoten: ausgestattet mit vierhundert Meter Seil, sechs Meter Kette, einer Hochseeangel und einem halb verwesten schottisches Hochlandrind als Köder.

"Wir wollen versuchen, einen Eishai von vielleicht tausend Kilogramm Gewicht mit einer Angelschnur hochzuziehen, die kaum dicker ist als Nähgarn. Es handelt sich um eine neue Technologie, der gelbe Faden soll ähnliche Eigenschaften aufweisen wie Spinnweben. Das mag nicht gerade vertrauenerweckend klingen, doch das ist es. Vertrauen Sie uns."

(Das Buch vom Meer)

Eine Liebeserklärung an das Meer

"Ich wurde an der Barentssee geboren, ich brauche keine Inspiration, um diese Region zu verstehen. Ich habe den Norden in mir."

( Morten A. Strøksnes)

Der Osloer Autor Morten A. Strøksnes

Morten A. Strøksnes, 1965 in Kirkenes an der Barentssee geboren, hat Philosophie, Literaturwissenschaft und Geschichte in Oslo und Cambridge studiert. Er lebt heute als Journalist und Autor in Oslo. Er publiziert in renommierten Medien und hat mehrere viel beachtete Sachbücher vorgelegt. „Das Buch vom Meer“, das er in Berlin fertigstellte, war sein neuntes Buch und wurde nicht nur in Norwegen zum Nr.-1-Bestseller. Es erhielt den Kritiker-Preis und den Brage-Preis, den wichtigsten norwegischen Buchpreis, und erscheint in 25 Ländern. Auch in den deutschsprachigen Ländern stand das Buch wochenlang auf der Bestsellerliste und wurde im Jahr 2017 zum "Wissensbuch des Jahres" gewählt. Strøksnes setzt sich dafür ein, Teile des Polarmeeres in ein Meeresschutzgebiet umzuwandeln. In einem Gespräch mit seinem deutschen Verlag sagte er dazu: "Ich als Norweger würde meinem Land dazu raten, mit der Fjordregion zu beginnen. Die Fjorde werden durch die Lachsfarmen verschmutzt. In Deutschland verkauft man diesen Lachs dann als biologisch, aber das ist eine glatte Lüge."

Auch in seinem "Buch vom Meer" macht der Osloer Autor immer wieder die Bedeutung des Meeres für die Menschheit deutlich, dass wir die Leidtragenden der Klimaveränderungen sind und sein werden und dass in einigen Millionen Jahren sich natürlich das Leben im Meer erholen und zu einem neuen produktiven Gleichgewicht finden könne. Uns hingegen stünden keine Jahrmillionen zur Verfügung. Das Verhältnis zwischen uns und dem Meer sei keine romantische Liebesbeziehung, bei der die gegenseitige Abhängigkeit so stark ist, dass wir nicht ohne einander leben können, denn: "Das Meer kommt prima ohne uns zurecht. Wir aber nicht ohne das Meer."

"Das Buch vom Meer"

oder Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen

Die ungekürzte Lesung ist auch als Hörbuch erschienen, produziert von der radioTexte-Redaktion.

von Morten A. Strøksnes

Lesung in vier Folgen mit Shenja Lacher und Stefan Wilkening

Die gleichnamige Buchausgabe, übersetzt von Ina Kronenberger und Sylvia Kall, ist bei der DVA erschienen. Das ungekürzte Hörbuch (Laufzeit: knapp neun Stunden) wurde vom Bayerischen Rundfunk 2016 produziert und ist im Hörverlag erschienen.

Unsere Lesungen als Podcast gibt's gleich hier im Podcast-Center des BR.


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