Bayern 2 - radioTexte


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Plutarchs "Moralia" Darf man Tiere essen?

Ob Fleisch-Fan, Flexitarier, Vegetarier, Frutarier oder Veganer – zum Essen hat jeder eine Meinung. Auch viele Autoren haben in letzter Zeit hinterfragt, was auf unseren Tellern landet, u.a. Karen Duve, Jonathan Safran Foer, J. M. Coetzee und auch Jeremy Rifkin. Allerdings ist dieser Diskurs über den menschlichen Lebensstil alles andere als neu, ja sogar jahrtausendealt! In zwei Folgen stellen die radioTexte am Dienstag die Gedanken Plutarchs (45-120 n.Chr.) vor, der in einer dialogischen Satire seine Ethik der Tiere erörtert. Mit Heiko Ruprecht, Thomas Loibl, Martin Umbach und vielen anderen

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 29.06.2019 | Archiv

Chromolitographie des griechischen Philosophen Plutarch
(c) Bianchetti / Leemage | Bild: picture-alliance/dpa/Leemage

Sie erinnern sich: Auf der Insel Aiaia lässt Odysseus, der breitschultrige Bezwinger Trojas, nachdem er geputzt, gesalbt und modisch beraten wurde, zunächst seinen Männerstolz und später auch noch die Tugend hinter sich, um Zauberin Kirke für die Idee zu erwärmen, seine verspukten Gefährten von Borsten und Ringelschwänzen zu befreien.

"Siehe da sanken herab von den Gliedern die scheußlichen Borsten Jenes vergifteten Tranks, den ihnen die Zauberin eingab. Männer wurden sie schnell, und jüngere Männer, denn vormals, auch weit schönerer Bildung und weit erhabneren Wuchses. Und sie erkannten mich gleich, und gaben mir alle die Hände; alle huben an, vor Freude zu weinen, daß ringsum Laut die Wohnung erscholl. Es jammerte selber die Göttin."

(Homers Odyssee, Zehnter Gesang)

"Odysseus im Kampf mit den Freiern", Gemälde von Lovis Corinth

In Homers Epos über die zehnjährigen Irrfahrten des Odysseus erscheinen die rückverwandelten Gefährten sogar als bessere Versionen ihres alten Selbst - jünger, klüger, schöner - und es fließen Freudentränen. Aber waren sie denn tatsächlich so unglücklich als Schweine? Hat Odysseus während seiner Rettungsmission irgendwann einmal kurz innegehalten, um die verzauberten Vierbeiner zu fragen, ob sie überhaupt wieder menschliche Gestalt annehmen wollten?

"Gryllos" - ein antiker Sketch

Dies ist die Ausgangslage in dem literarischen Dialog "Gryllos", Plutarchs antikem "Sketch", wie die Übersetzerin Marion Giebel den Dialog in ihrer informativen Einleitung zu dem schmalen Band "Darf man Tiere essen?" bezeichnet und in welchem Superheld Odysseus als Vertreter der Spezies "Krone der Schöpfung" ironisch demontiert wird.

Die kluge Kirke ist es in diesem wahrscheinlich unvollendet gebliebenem Werk Plutarchs, die Odysseus in seiner Rettungsmission ausbremst: "Das sind ja keine Leute, über die man so einfach verfügen kann. Aber frag du sie zuerst, ob sie überhaupt wollen. Sagen sie nein, dann musst du mit ihnen diskutieren, du großer Redeheros, und sie überreden!" Und schon verleiht sie einem der Borstentiere, dem "Gryllos", also "Grunzer", die Gabe, für seine Artgenossen zu sprechen. Und Grunzer ist wirklich nicht auf die Schnauze gefallen: "Seit ich in diesen Körper versetzt worden bin, kann ich mich nur wundern über diese Argumente, durch die ich mich von den schlauen Philosophen bereden ließ zu glauben, alle Lebewesen seien ohne Sinn und Verstand - außer dem Menschen."

Satire gegen den Anthropozentrismus

In selbstsicherer Manier führt das sprechende Schwein aus, dass die Tiere gemäß ihrer Natur viel tugendhafter und mutiger, viel glücklicher und gesünder und vor allem viel selbstbeherrschter sind als Menschen.

"Blut, Getötetes und Fleisch sind für Raubvögel, Wölfe und Schlangen die übliche Nahrung - für den Menschen ist es nur Zukost, ein Appetithappen. Außerdem isst er das Fleisch von allen Tierarten; er macht es nicht wie die Raubtiere, die zu ihrer Ernährung nur einigen wenigen Gattungen nachstellen. Nein - nichts, was da kreucht und fleucht, schwimmt oder auf dem Land lebt, kann eurer sogenannten feinen Küche und eurer gastfreien Tafel entrinnen!"

(Gryllos, Plutarch)

Bitte Genuss, kein Überdruss!

Thomas Loibl | Bild: Renate Neder

Thomas Loibl liest für die radioTexte am Dienstag die Rolle des etwas düpierten Odysseus in Plutarchs Satire.

Frei von dem Verlangen nach Luxusprodukten, die der Körper nicht braucht, ja die ihn sogar schädigen, sei die tierische Existenz, führt Gryllos weiter aus. Genuss komme bei den Tieren nur "in Verbindung mit dem Nutzen" vor, so dass ein "natürliches Maß" eingehalten werde, das gesund halte. Der Mensch sei der einzige Allesfresser und davon abgesehen, dass die Tiere an dessen Grausamkeit zu leiden hätten, leide er selbst ebenso unter seiner "unersättlichen Genusssucht", da diese nur in Übersättigung, Überdruss, Krankheiten enden könne. In diesem Punkt würde Gryllos durchaus Zustimmung erhalten beispielsweise von Seneca oder Plinius. Letzterer schrieb in seiner "Naturgeschichte": "Die Krankheit einer unersättlichen Fressgier ist als einzigem Lebewesen nur dem Menschen eigen."

Plutarch

Aus Böotien (Mittelgriechenland) stammend und berühmt für seine biografischen und philosophischen Schriften, für seine Gelehrsamkeit, seine Erörterungen charakterlicher und moralischer Vorbildlichkeit, lebte zu der Zeit, in der das Römische Reich den Höhepunkt seiner Ausdehnung erreichte. Plutarch verbrachte den größten Teil seines Lebens in seiner Heimat Chaironeia, wo er politische und priesterliche Ämter besetzte. Außerdem gründete er eine Schule, in der u.a. Philosophie unterrichtet wurde. Oft begab er sich auf Reisen, auf denen er Griechenland, Kleinasien, Alexandria und mehrmals Rom besuchte. In Rom hielt er vor größerem Publikum philosophische Vorträge in griechischer Sprache und knüpfte freundschaftliche Kontakte zu prominenten Römern.

Und so ist der so wortgewaltige Odysseus letzten Endes erstaunlich sprachlos ob der Tatsache, dass Grunzer ihn an schlagfertigen Argumenten übertrifft. Es scheint, dass in Plutarchs Satire keine heroische Rettungsmission nötig sein wird.

Intelligente Lebewesen auf dem Menü?

"Wer Tieren den Verstand nicht zuerkennen will, braucht nur längere Zeit einen Raben zu beobachten."

(Alfred Brehm)

Als Platoniker spricht Plutarch den Tieren phrónesis und aísthēsis zu, also verstandesmäßige Überlegung, Wahrnehmung und Empfindung. Darf man dann, wenn man Tiere als mit Verstand begabte Lebewesen ansieht, Gebrauch von ihnen machen? Laut Plutarch darf man schädliche Tiere töten und unschädliche zähmen und sie dann zum eigenen Nutzen - ihrer natürlichen Eignung gemäß - einsetzen. Grundsätzlich argumentiert er gegen alle mit Grausamkeit verbundenen Spektakel, wie in Zirkusarenen oder bei der Jagd, und setzt sich für den Vegetarismus ein. Ihn schreckt die Gefühllosigkeit gegenüber Lebewesen bei Fang und Tötung von Tieren ab. Außerdem sei der Mensch von Natur aus kein Fleischfresser, da er ja diese Nahrung erst künstlich zubereiten müsse, damit sie bekömmlich ist.

"Unrecht begeht nicht, wer von den Tieren Gebrauch macht, sondern wer mit ihnen rücksichtslos und grausam umgeht."

(Plutarch)

Der Mensch und das liebe Vieh - viel scheint sich an der Diskussion um Recht und Ethik noch nicht geändert zu haben, auch Jahrtausende nach Plutarchs Schriften nicht.

Plutarch: "Wer ist klüger?"

Die radioTexte am Dienstag stellen in zwei Folgen Plutarchs Gedanken aus der Antike vor: am 2. und 9. Juli um kurz nach 21.00 Uhr auf Bayern2.

Heiko Ruprecht liest den satirischen Text Plutarchs für die radioTexte am Dienstag.

Es lesen Heiko Ruprecht, Thomas Loibl, Marina Marosch, Stefan Merki, Martin Umbach, Werner Härtl, Thomas Birnstiel und Friedrich Schloffer.

Das Buch "Darf man Tiere essen?", aus dem Griechischen übertragen und mit einem informativen Vorwort versehen von Marion Giebel, ist bei Reclam erschienen.

Moderation: Antonio Pellegrino

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