Bayern 2 - radioTexte


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Fahrrad-Geschichten (2/2) David Coventry: "Die unsichtbare Meile"

"Die Luft bildete einen Tunnel, manchmal so schmal, dass er uns zur Höchstgeschwindigkeit trieb, um uns dann, in einer schnellen Kurve, schutzlos Schmutz und Hitze auszusetzen. Es war ein unmenschlicher Sommer, ein Sommer, wie er nur in der Phantasie existiert." So beschreibt David Coventry im Prolog den ersten Versuch seines Erzählers mit dem Fahrrad. Das war 1921. Sieben Jahre später fährt er bei dem schwersten Rennen der Welt mit, der Tour de France. Ein Roman über Abenteuer und eisernen Willen.

Stand: 02.06.2017

Tour de France 1928 | Bild: picture-alliance/dpa

Von den 162 Tour de France Teilnehmern, die in Le Vésinet, einem Vorort von Paris starten, kommen nur 41 am Ziel an, am Arc de Triomphe. 22 Tage, eine mörderische Strapaze auf dem Stahlross, 5376 Kilometer, eineinhalb mehr Kilometer als die Tour heute! Über Schotterstraßen und Kopfsteinpflaster, durch Orte ohne Absperrungen, Hunde und Kinder laufen über die Straße, über die Alpen, die halsbrecherische Abfahrt in der Dunkelheit ohne Licht durch Schnee und Matsch. Gegen Schmerz und Müdigkeit nehmen die Helden der Straße Kokain, Ephedrin, Opium, jede Menge Alkohol. Trotz aller Strapazen, die "Krummfinger" aus Australien und Neuseeland kommen an, woran keiner geglaubt hat. Nicolas Frantz aus Luxemburg gewinnt schließlich die Tour mit einem Desaster: Eine halbe Etappe vor Paris kräscht er sein Fahrrad und der Luxemburger muss die letzten 100 Kilometer auf einem alten Damenfahrrad abschließen.

Eine der möglichen Routen der Tour de France

"Ich glaube, niemand von uns hat die Blicke von zig Tausenden vorhergesehen, die Gesichter und die Körper dahinter. Diese fünfzigtausend Augen, hellbraun, dunkelbraun, blau, alle auf uns gerichtet. Ich sitze auf dem Sattel, Harry hält das Rad fest. Er ist groß, und er steht neben meinem Lenker, blickt vorbei an meiner Schulter. Sein Blick ist abwesend, die Augen gerötet von Kaffee, Zucker und hundert verschiedenen Fragen. Das Kopfsteinpflaster macht das Warten schwierig; ich habe Angst, dass ich umkippe, bevor es losgeht, eine Witzfigur vor den Pariser Menschenmassen. Ich frage, wie spät es ist, aber niemand wird mir antworten. Die Stunde des Tour-Starts ist angebrochen, mehr wissen wir nicht."

aus: 'Die unsichtbare Meile'

Debüt-Roman von David Coventry

Der Autor David Coventry

Aber im Roman geht es nicht nur um das Rennen selbst, sondern vor allem um das, was nebenher in den Köpfen der Fahrer passiert, die "unsichtbare Meile". Einer denkt an seinen Bruder, der im Ersten Weltkrieg gekämpft und sein Leben verloren hat, an die Familie daheim, es geht um Freundschaft und Vertrauen. Überall sind noch Kriegsspuren sichtbar, die Teilnehmer fahren durch von Kratern und Gräbern zerfurchte Landschaften.
Auslöser für die Geschichte, wie der am 2. Oktober 1969 im neuseeländischen Wellington geborenen David Coventry in einem Radiointerview erzählt, war eine Anfrage zu Harry Watson. Coventry arbeitete damals in einem Filmarchiv. Der ehemalige Sounddesigner fing an zu recherchieren und fand heraus, dass Harry Watson als erster Neuseeländer 1928, mit drei Australiern, Hubert Opperman, Percy Osborn and Ernie Bainbridge, bei der Tour de France teilgenommen hatte. 22 Tage lang kämpfte sich das Team durch dieses mörderische Rennen und am Ende belegte Harry Watson den 28. Platz.

Lesung mit Shenja Lacher

Im zweiten Teil der Fahrrad-Geschichten liest der Schauspieler Shenja Lacher Ausschnitte aus dem dichten, poetisch geschriebenen Debüt-Roman "Die unsichtbare Meile" des Neuseeländers David Coventry, der gleich nach seinem Erscheinen mit dem Hubert Church Award ausgezeichnet wurde. Übersetzt wurde der Roman von Volker Oldenburg.
radioTexte am Pfingstmontag zur gewohnten Zeit um 11 Uhr auf Bayern 2. Regie: Eva Demmelhuber, Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

"Zehntausende leuchtende Gesichter. 'Wissen wir schon', sagt Harry, 'welches –' 'Welches Zeichen wir bekommen?', frage ich, und Harry nickt. 'Wer?', sagt Percy. 'Wir. Welches Startzeichen bekommen wir?' 'Hubert?' Harry dreht sich zu Opperman um, der mit seinem Lenkerband beschäftigt ist. 'Wie erkennen wir, dass das Rennen begonnen hat?', fragt Percy. Opperman schiebt die Unterlippe vor und zuckt die Achseln. 'Keine Ahnung, Percy. Wenn wir losgefahren sind, sag ich dir Bescheid."

aus: 'Die unsichtbare Meile'

Bilder der mörderischen Tour von 1928


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