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Kanada 4/4 Camilla Grudova "Das Alphabet der Puppen. Storys"

Wenn Träume träumen könnten, dann würden sie so träumen, wie Camilla Grudova schreibt: absurd, grotesk, witzig, surreal und unheimlich. Männer krabbeln auf acht Spinnenbeinen, Tote leben und geben Bestellungen auf, Frauen trennen sich auf. Ein schräger phantastischer Kosmos, in den uns die kanadische Schriftstellerin in ihrem Debüt entführt.

Stand: 12.10.2020

Schriftstellerin Camilla Grudova | Bild: united agents/

"Das Alphabet der Puppen. Storys"

Culturbooks, übersetzt von Zoë Beck

"Eines Nachmittags, nachdem sie einen Kaffee im Wohnzimmer getrunken hatte, fand Greta heraus, wie sie sich auftrennen konnte. Kleidung, Haut und Haare fielen von ihr ab wie die Schale vom Obst, und ihr wahrer Körper trat hervor. Greta war sehr reinlich, also fegte sie ihr altes Ich zusammen und entsorgte es im Abfalleimer, noch bevor sie sich ihres neuen Äußeren bewusst wurde, und die Mühe, ihre neuen Glieder zu bewegen, tat ihrer Entschlossenheit, das Haus sauber zu halten, keinen Abbruch. Sie ähnelte nicht unbedingt einer Nähmaschine, vielmehr war sie die ideale Grundform für eine Nähmaschine. In der Natur ähnelte sie am ehesten einer Ameise."

aus 'Das Alphabet der Puppen' von Camilla Grudova

Cornelia Zetzsche im Gespräch mit Camilla Grudova

Cornelia Zetzsche: "Bizarr ist das richtige Wort für Ihre sonderbaren Geschichten, makabre, groteske, magische Erzählungen zwischen Wirklichkeit, Traum und Albtraum mit wundersamen, seltsamen Figuren. Wie haben Sie diese eigenartige Szenerie entwickelt und diese Stimme?"

Camilla Grudova: "Es gibt ein Zitat von Emily Dickinson: 'Sage die Wahrheit, aber sage sie schräg.' Ich denke, das hat großen Einfluß darauf, wie ich meine Geschichten schreibe und dabei eine gewisse Fremdheit in der Wirklichkeit suche und sie so stark herausbringe, wie ich kann."

"Sie sind in Kanada geboren, haben aber einen polnischen Hintergrund. Ihre Großeltern kamen aus Polen. Ich dachte bei Ihrem Ton an Bruno Schulz. Andere Kritiker erwähnen Angela Carter, Clarice Lispector, Margret Atwood. Haben Sie Vorbilder?"

Camilla Grudova | Bild: privat

Camilla Grudova

"Ja. Bruno Schulz hat enormen Einfluß auf meine Arbeit. Und ich glaube, ich entdeckte ihn bei einer Recherche zu meinen Großeltern. Mein Großvater kam aus Galizien, einem Teil Polens, der heute zur Ukraine gehört, woher auch Bruno Schulz kam, da gibt es also eine Verbindung. Er beeindruckte mich sehr, als ich ihn zum ersten Mal las. Kafka hat auch großen Einfluß. Und Alasdair Gray, der unglücklicherweise letztes Jahr starb, ein schottischer Schriftsteller, und sein absolut wundervolles und leicht surreales Werk. Ich würde nicht sagen, dass irgendein kanadischer Schriftsteller großen Einfluß auf mich gehabt hätte, ich lese vor allem Autoren anderer Länder; auch japanische Literarur, Yoko Tawada schreibt, denke ich auch auf Deutsch, sie ist erstaunlich. Und großen Einfluß auf mich hatte Georges Perec, ein Franzose, und viele Südamerikanerinnen, Silvina Ocampo und auch Clarice Lispector."

"Das Alphabet der Puppen" lautet: A B C D I L M N O U - wie kommt das?"

"Die Titelgeschichte 'Das Alphabet der Puppen' kommt aus meiner Kindheit. Ich hatte diesen kleinen metallenen Sockenstopfer, wie die Miniaturausgabe einer Schreibmaschine, auf dem meine Puppen saßen, zehn kleine Einfädlerhäkchen ragten heraus, die aussahen wie Tasten. Das war schon ein Spielzeug meiner Mutter, das war vererbt sozusagen, denn ihre Mutter war Näherin. Und es war witzig, als ich diese Geschichte schrieb, war es wie eine Art Geschichte für meine Mutter. Sie liebte Kreuzworträtsel, sie dachte, das sei wie ein Wortspiel und ließ uns viele Wörter erfinden. Ich denke, das war eine wundervolle und kreative Reaktion. Und ich dachte, Puppen sind so viel kleinere Wesen als wir, sie haben weniger Buchstaben in ihrem Alphabet."

"Agathas Nähmaschine zaubert magische Wesen: den Engel, den Pierrot, Mr.Magnolia, seltsame Kreaturen, die aus Gedanken und aus Schatten gleiten. Einmal ist eine Frau sogar eins mit einer Nähmaschine. Welche Rolle spielt die Nähmaschine?"

"Als Kind lernte ich durch meine Mutter, wie man mit der Nähmaschine umgeht, weil schon ihre Mutter Näherin war. Ich nähte viel. Meinem Bruder brachte meine Mutter das Nähen nicht bei, nur mir. Meine Mutter und ich nähten Kleider und andere Dinge, wir machten Puppen damit. Aber mein Bruder und einige Freunde meiner Mutter fürchteten sich wirklich vor der Nähmaschine. Sie wußten nicht, wie sie damit umgehen sollten. Sie sahen sie als bedrohliches Ding. Für mich stand sie für die Ungeheuerlichkeit und die Kreativität in Frauen und im Leben als Frau."

"Greta trennt sich auf wie eine Puppe und befreit sich. Eine Meerjungfrau, die Silbernes liebt, belästigt ein Paar. Eine Frau bedient ihren Mann auch noch nach dessen Tod. Eine Nähmaschine spielt eine Rolle. Männer sind eine egomane Spezies. Welche Rolle spielt der Feminismus?"

"Ich bin keine große Leserin feministischer Theorien, aber ich denke, meine Geschichten sind wirklich davon beeinflusst, als Frau in dieser Welt zu leben und zu arbeiten und die Leben anderer Frauen zu beobachten, die meiner Mutter, meiner Freundinnen, und zu sehen, wie sie behandelt, wahrgenommen und übervorteilt werden. Andere Geschichten basieren auf Beziehungen, die ich mit Männern hatte oder die Frauen, die ich kenne mit Männern hatten; Geschichten, die sich anstauten, mit einer alleinerziehenden Mutter, und zu sehen, wie sie behandelt wurde in einer patriarchalen Gesellschaft, all das hatte enormen Einfluß auf mich, einfach nur die direkte Erfahrung und Beobachtung."

Lesung mit der vielfach ausgezeichneten Sprecherin Laura Maire

Schauspielerin Laura Maire

Am Sonntag, dem 18.10.2020, entführt uns die mit dem deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnete Schauspielerin Laura Maire in die groteske Welt der kanadischen Schriftstellerin Camilla Grudova. Und aus Kanada zugeschaltet die Erfinderin der 13 Storys, die uns über ihr spezielles Verhältnis zu Nähmaschinen und über ihr Schreiben Auskunft gibt.

Moderation und Redakton: Cornelia Zetzsche

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2

Die Sendung gibt es als Podcast unter bayern2/lesungen oder in der ARD-Mediathek


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