Bayern 2 - radioTexte


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"Polit-Gaudi" 1919 in München Burghart Klaußner liest Victor Klemperer

"Die Münchner Bohème ist eine Fremdenlegion, erhalten zur Gaudi des Münchener Bürgers. Und jetzt ist an die Stelle der künstlerischen Belustigung die politische Gaudi getreten", schreibt der Romanist Victor Klemperer, der sich 1918/19 in München aufhielt. Hier bemühte er sich um seine Entlassungspapiere und um eine Fortsetzung seiner akademischen Laufbahn. In dieser Zeit schrieb er für die "Leipziger Neuesten Nachrichten" als Anti-Bavaricus über die Räterepublik, über das zarte Männchen Eisner und die Münchner, die mit dem Operngucker die Straßenschlachten anschaun. Es liest Burghart Klaußner.

Stand: 18.01.2019

Romanist Victor Klemperer
| Bild: picture-alliance/dpa

"Man möchte immer lachen und weinen in einem"

Kurt Eisner mit seiner Frau "Lisbeth" nei einer Demonstration drei Tage vor seiner Ermordung

Als Victor Klemperer Mitte Dezember 1918 "für möglichst wenige Tage" nach München fuhr, war Bayern schon ein Freistaat, am 7. November ausgerufen von Kurt Eisner, dem ersten Ministerpräsidenten der bayerischen Republik. Die Monarchie war gestürzt, König Ludwig III musste mit geliehenem Auto, das eigene war nicht fahrbereit, die Stadt München verlassen. München wurde revolutionäres Zentrum, die erklärten Ziele der Linksoppositinellen waren die sofortige Beendigung des Krieges und die Umwandlung des Staatswesens in eine parlamentarische Demokratie.

Kurt Eisner, kurz vor seinem Tod: „Man kann einem Mordanschlag auf die Dauer nicht ausweichen, und man kann mich ja nur einmal totschießen.“

Am 21. Februar wurde Kurt Eisner erschossen. Auf die erste Räterepublik mit Gustav Landauer, Ernst Toller und Erich Mühsam folgte eine zweite unter der kommunistischen Führung von Max Levien und Eugen Leviné, die von den konservativen Freikorps Anfang Mai gestürzt wurde. Allein in den ersten Maitagen 1919 gab es Tausend Tote. Wieviele nach der Ermodrung Eisners umkamen, ist heute nicht mehr auszumachen. Geiselerschießungen, Vergeltungshinrichtungen zwischen den weißen und roten Garden unterlag der Willkür. Paul Klee floh aus dem von "weißen" Truppen Anfang Mai eroberten München am 11. Juni 1919 in die Schweiz, der Dichter Rainer Maria Rilke verließ München fluchtartig am gleichen Tag und ist nie mehr zurückgekehrt. Noch waren die blutigen Kämpfe zwischen den Anhängern der Räterepublik und den von der bayerischen Landtagsregierung zu Hilfe gerufenen Truppen in schreckhafter Erinnerung.

Die Münchner kümmerten sich mehr "um Butter und Eier statt um Mühsam und Landauer"

Novemberrevolution 1918 in München. Demonstration vor dem Justizgebäude

Sehr persönlich und direkt beschreibt Victor Klemperer die Wirrnisse dieser Zeit, die Eigenheiten der Münchner Bevölkerung, berichtet von der Eskalation der Gewalt, der Gewöhnung an politische Morde, und der Missachtung bürgerlicher Freiheit, die 1918/19, also lange vor 1933, begonnen hat. Landauer wurde am 2. Mai 1919 zu Tode getreten, Eugen Leviné im Juni 1919 hingerichtet, Erich Mühsam 1934 im KZ Oranienburg ermordet, Max Levien 1937 in der Sowjetunion erschossen, Ernst Toller nahm sich im amerikanischen Exil 1939 das Leben. Franz Ritter von Epp, dessen Freikorps in München jubelnd begrüßt worden war, wo er an der Universität, wie Victor Klemperer anschaulich berichtet, für Geld viele Freiwillige rekrutierte, wurde später Hitlers Reichsstatthalter in Bayern.

Der Münchner möcht "sei Ruah" ham

Ausschnitt aus Victor Klemperers Revolutionstagebuch

"Man muss die schöne Gemütsruhe des Münchner Bürgertums miterlebt haben, um den gelungenen Handstreich der Rätepartei nicht allzusehr zu bewundern. Ahnungslos waren die Bürger und alle Gemäßigteren diesmal nicht, das tuschelte überall seit Wochen, im April käme ,es'. Aber der gute Bürger dachte eben, er habe sich lange genug aufgeregt, und einmal müsse der Mensch auch ,sei Ruh' haben. Also kümmerte man sich um Butter und Eier statt um Mühsam und Landauer."

Victor Klemperer, April 1919

Burghart Klaußner liest Victor Klemperer

Am 20. Januar liest der renommierte, mit vielen Preisen ausgezeichnete Schauspieler Burghart Klaußner Ausschnitte aus dem Revolutionstagebuch von Victor Klemperer. Eine Koproduktion mit Aufbau audio, wo auch die komplette Lesung auf 4 CDs nachzuhören ist.

"radioTexte - Das offene Buch", jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2.
Moderation und Redaktion: Cornelia Zetzsche.


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