Bayern 2 - radioTexte


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Mit Kenah Cusanit Auf Reisen durch vier Jahrhunderte

Wie sich aus einer verlassenen Gegend, eigentlich einem Unort, an den ein Dorfbewohner flüchtet, sich dort versteckt, um sein Leben leben zu können, allmählich ein geschichtsträchtiger Ort entwickelt, wie dieses Versteck eines Rebellen dann zu einem geschichsträchtigen Ort wird, darüber schreibt Kenah Cusanit in einem exklusiv für das ARD-Radiofestival geschriebenen Text zum Thema Reisen und bringt so Geschichte und Gegenwart zusammen.

Stand: 19.08.2020

Kenah Cusanit  | Bild: picture-alliance/dpa

"Partisanenhaus"

Kenah Cusanit: "Mich interessiert generell die Region. Ich finde das einfach Wahnsinn, wie viele Geschichten hier übereinander gelegt sind. Es gibt diese preußische Herrschaft, dann gibt es den Nationalsozialismus und die DDR."

Schwarze Elster

"Stellen Sie sich einen Ort vor. Stellen Sie sich diesen Ort im 18. Jahrhundert vor. Es ist nicht möglich, hier, wo später ein Haus stehen wird, ein Haus zu bauen. Es müsste eines sein, das auf Wasser schwimmt, oder auf Binseninseln steht, auf sogenannten Heidchen oder Horsten, Fontane’schen Sandbänken. Es wäre eine Fischerhütte, die jedoch von mehreren Familien benutzt werden müsste aufgrund der komplexen Besitzverhältnisse, Verpflichtungen und Nutzungsrechte, die sich „Freiheiten“ nennen in diesem weitverzweigten Flusssystem der Schwarzen Elster.

Es ist nicht möglich, zwischen Preußen und Sachsen im 18. Jahrhundert ein Haus zu bauen, in einer Gegend wie einer holozänen Ablagerung. Erlen, Hainbuchen, Stieleichen, Flatterulmen, Grauweiden, Traubenkirschen, Haselsträucher und wenige Kiefern bilden den zuinnerst laubigen Märchenwald einer Gegend, die sich Schraden nennt, die sich nach einem Waldteufel oder Schreckwesen nennt und über die nächsten Jahrhunderte nach einer Begebenheit suchen wird, die das Tragen dieses Namens endlich rechtfertigt, noch aber eine Gegend ist, in der einige hundert Leute das Recht haben, Dinge zu tun, die auf so berechenbarer wie allgemeinnützlicher wie unhinterfragter Gegenseitigkeit beruhen."

Kenah Cusanit 'Partisanenhaus' in der Reihe Sommerlesungen des ARD-Radiofestivals

Der Held der Geschichte, erzählt Kenah Cusanit im Gespräch mit Cornelia Zetzsche, "war einer, der sich nicht zu sehr an Regeln gehalten hat. Also, der eigensinnig war und das war im 19ten Jahrhundert schon eine sehr rebellische Charaktereigenschaft. Er war einer, der oft mit den Dorfbewohnern aneinander geraten ist und sie dumm und ignorant fand und diese Dummheit und Ignoranz einfach nicht ausgehalten hat und deswegen vor ihnen geflohen ist, auf ein Feld außerhalb des Ortes." Was doch dort später alles abspielen wird, wie aus der Sumpflandschaft ein geschichsträchtiger Ort wird, wo sich Partisanen im Schlamm der Schwarzen Elster vergraben, die Bewohner mit wilden Tieren kämpfen und russischen Soldaten. Ein Parforceritt durch Zeit, Raum und Geschichte.

Sommerlesungen exklusiv in den radioTexten auf Bayern 2

Am Sonntag, dem 30. August tauchen wir mit Kenah Cusanit ein in die mysteriöse Geschichte eines Ortes, von der niemand etwas gewusst haben soll. Das "Partisanenhaus" in der Reihe der Sommerlesungen des ARD-Radiofestivals; im Gespräch die Schriftstellerin Kenah Cusanit.

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

radioTexte - Das offene Buch jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2

Die Sendung gibt es als Podcast unter bayern2.de/lesungen und in der ARD-Audiothek

Kenah Cusanit 

Schriftstellerin Kenah Cusanit

Kenah Cusanit lebt in Berlin. Sie wurde 1979 in Blankenburg im Harz geboren, im selben Ort, in dem auch ihr Held Robert Koldewey 1855 zur Welt kam. Für ihre Essays und Gedichte wurde die Altorientalistin und Ethnologin bereits mehrfach ausgezeichnet. Sie erhielt u.a. das Lyrikstipendium des Landes Brandenburg, ein Stipendium der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquium Berlin und ein Arbeitsstipendium der Sächsischen Kulturstiftung. Kenah Cusanit studierte sumerische, babylonische, hethitische Philologie, Afrikanistik und Ethnologie und schreibt seit 2008 Essays, Gedichte und Erzählungen. 2019 hat sie mit ihrem Romandebüt einen Volltreffer gelandet: "Babel", ein kunstvoll verwobener Roman über den kauzigen Archäologen Robert Koldewey, der von Kaiser Wilhelm II. mit dem nötigen Kleingeld versehen beauftragt wird, in Mesopotamien nach der sagenumwobenen Stadt Babylon zu graben. Nicht nur ein Kampf gegen Hitze und Staub, gegen resistente Mitarbeiter, neidische Kollegen, sondern auch gegen die Bürokratie in Berlin.


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