Bayern 2 - radioTexte


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Streifzug durch die Bayerische Literatur Vom Muspilli bis zur „Weißen Rose“

Die Bayern sind besonders, so kann man es schon in der frühen Geschichtsschreibung bei Aventin oder Venancius Fortunatus lesen. Ihre Literatur auch. Die radioTexte laden ein zu einer Reise durch 1000 Jahre Bayerische Literatur. Und gratulieren Gerhart Polt zum 75. Geburtstag.

Stand: 26.04.2017

Typisch Bairisch

Die Bayern stehen in dem Rufe, nicht besonders redselige Leute zu sein. Zumindest was ihre literarische Produktivität betrifft, muss diesem Klischee heftig widersprochen werden. Dichtungen wie die altdeutsche Stabreimdichtung des „Muspilli", Werke von Ludwig Thomas bis hin zu Texten der „Weißen Rose“ vermitteln das ebenso eindrücklich wie Alltagstexte der Bayern, etwa Kochrezepte, Klagen über den Krieg, Katastrophenbeschreibungen. Nicht selten sind gerade die Zeugnisse des alltäglichen Lebens rührende, schmerzliche und ergreifende Texte, in denen sich Weltgeschehen und historisch Einschlägiges auf sehr direkte Weise widerspiegeln. Immer wieder zeigt sich in ihnen auch die mentale Besonderheit der Bayern: ihre Unerschütterlichkeit gegenüber dem Schicksal. Doch auch Unterhaltung und Leichtigkeit lässt Bayerische Literatur nicht missen.

"Ein Traum

O Traum, der mich entzücket!
Vom schönsten Traum berücket,
Lag, sorglos hingestrecket,
Ich, durch's Gebüsch verdecket,
Das einen Teich, der silbern floß,
Im schattenvollen Tal umschloß.

Da sah ich durch die Sträuche
Mein Mädchen bei dem Teiche:
Das hatte sich zum Baden
Der Kleider meist entladen,
Bis auf ein untreu weiß Gewand,
Das keinem Lüftchen widerstand.

Nun hob mit Jugendfeuer
Die schöne Brust sich freier:
Mein Blick blieb lüstern stehen
Bei diesen regen Höhen,
Wo Zephyr unter Lilien blies.
Und sich die Wollust küssen ließ.

Sie fing nun an, o Freuden!
Sich vollends auszukleiden:
Ach! aber eh's geschiehet,
Erwach' ich, und sie fliehet.
O schlief ich doch von neuem ein!
Nun wird sie wohl im Wasser sein."

Johann Peter Utz (1729–1796)

Lokale Literatur als Weltliteratur

In einer Art Schnelldurchgang erlaubt die Anthologie, die für die Sendung von Jürgen Kolbe und Wolfgang Till zusammengestellt wurde, den Einblick in Glanz und Höhepunkte der Literatur in Bayern. Und genauso wie sich in dieser regionalen Literatur Historie in all ihrer individuellen Wirkung auf den Menschen abbildet, so steht auch die Literatur selbst einer sogenannten Weltliteratur in nichts nach. Das ist die Erfahrung, die diese Zusammenstellung für den Hörer bereithält. Sie beruht nicht zuletzt darauf, dass Gisela Schneeberger und Gerhard Polt den Werken ihre Stimme geben. „Wia im richtigen Leben“ gehen sie mit den literarischen Kostbarkeiten um – direkt und schnörkellos. Gerhard Polt, anlässlich dessen 75. Geburtstag die Sendung ausgestrahlt wird, und Gisela Schneeberger zuzuhören, ist ein großes Vergnügen. Die Sprechkunst der beiden fördert zu Tage, was in diesen Literaturstücken an Unterhaltungsqualität verborgen ist.

"Die Krokodilromanze

Ich bin ein altes Krokodil
Uns sah schon die Osirisfeier;
Bei Tage sonn’ ich mich im Nil,
Bei Nacht am Strande leg’ ich Eier.

Ich weiß mit list’gen Wehgekreisch
Mir stets die Mahzeit zu erwürken;
Gewöhnlich fress’ ich Mohrenfleisch
Und Sonntags manchmal einen Türken.

Und wenn im gelben Mondlicht rings
Der Strand liegt und die Felsenbrüche,
Tanz’ ich vor einer alten Sphinx,
Und lausch’ auf ihrer Weisheit Sprüche.

Die Klauen in den Sand gepflanzt,
Tiefsinnig sprich sie: Tochter Thebens,
Friß nur was du verdauen kannst!
Das ist das Rätsel deines Lebens."

Emanuel Geibel (1815–84), Begründer des Dichterkreises „Die Krokodile“

Begnadete Interpreten

Gisela Schneeberger, geb. 1948 in Dollnstein, 1971–74 Schauspielstudium an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Nach Engagements am Theater wird sie vor allem durch Film- und Fernsehrollen bekannt, in denen die bayerische Mundart zu ihrem Markenzeichen wird. Zusammenarbeit mit Gerhard Polt ab 1975, u.a. in der Sketch-Serie „Wia im richtigen Leben“ (1979–1988) oder „Kehraus“ (1983), „Man spricht deutsch“ (1988), „Germanikus“ (2004).

Gerhard Polt, geb. 1942 in München. Beginn des Studiums der Politologie, Geschichte und Kunstgeschichte in München, später der Skandinavistik und der Nordischen Sprachen in Göteborg. Arbeit als Dolmetscher, Übersetzer und Lehrer in München. 1976 erstmaliger Auftritt mit einem eigenen kabarettistischen Programm in München. Theaterrollen/Kabarettprogramme u.a.: „München leuchtet“ (1984), „Die Exoten“ (1985), „Diridari - Münchner G'schichten vom und ums große Geld“ (1988), „Crème Bavaroise“ (2002/03, zus. mit der Biermösl Blosn), „Offener Vollzug Ein Staatsschauspiel“ (UA im Residenz-Theater München 2006).

radioTexte am Dienstag

02.05.2017, 21.05 Uhr

Streifzug durch die Bayerische Literatur
Vom Muspilli bis zur „Weißen Rose“

U.a. mit Texten von Johann Peter Utz, Karl Stieler, Franz Marc, Jakob Wassermann, Ludwig Thoma, Erich Mühsam, Lion Feuchtwanger, Karl Valentin, Kurt Huber

Mit Jürgen Arndt, Gisela Schneeberger, Gerhard Polt
Moderation und Redaktion: Antonio Pellegrino

Die Produktion steht nach der Sendung zum Nachhören und zum Download bereit.


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