Bayern 2 - radioTexte


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Anselm Kiefer literarisch Wenn Blei, Mythen und Geschichte zu tanzen anfangen

Christoph Ransmayr, Alexander Kluge, Sibylle Lewitscharoff, Nora Bossong, Gila Lustiger, Gert Heidenreich, Ferdinand von Schirach, Marion Poschmann und viele andere preisgekrönte Autoren haben sich vom "Opus Magnum" des Künstlers Anselm Kiefer inspirieren lassen. 23 Vitrinen mit verschiedenen Objekten, die ab dem 12. Juli im Franz-Marc-Museum in Kochel zu sehen sind, begleiten Autoren assoziativ literarisch in Geschichten, Gedichten und Essays. Exklusiv für das Franz-Marc-Museum in Kochel und Bayern 2.

Stand: 08.07.2020

Christoph Ransmayr und "Der Ungeborene oder die Himmelsareale des Anselm Kiefer"

Der sprachgewaltige Schriftsteller Christoph Ransmayr hat Anselm Kiefers kolossalem Werk, seinen Phantasielandschaften, den apokalyptischen Szenerien ein ganzes Buch gewidmet. Er ging mit dem Bildhauer durch dessen gigantisches, 35 Hektar großes Kunstwerk in La Ribaute, einem riesigen Industriegelände einer ehemaligen Seidenfabrik in Südfrankreich, mit Türmen und Gewächshäusern, bleiernen Bettenkammern, Skulpturen und unterirdischen Gängen. Er folgt Anselm Kiefers endlosen Räumen: "Der Ungeborene oder die Himmelsareale des Anselm Kiefer", erschienen bei S. Fischer.

Über Anselm Kiefer

"Er begann mit dem Leichtesten und Schwersten, mit dem Entsetzen und mit dem Lachen in kleinsten und größten Maßstäben - zu spielen und malte nicht nur deutsche Wohnzimmer und Galeriewände sprengende Formate, sondern verstrickte auf seinen Fußböden auch miniaturisierte Armeen und bleierne Panzermodelle in wirre Feldzüge, ließ geschrumpfte Flotten in Zinkbadewannen zur Seeschlacht auffahren und zwischen Tischen und Stühlen Kriege ausbrechen als Karikaturen der ziellosen, endlosen Grausamkeit jenes Dramas, das er Geschichte nannte."
(aus "Der Ungeborene" von Christoph Ransmayr, S. Fischer)

Gila Lustiger und "Tagebücher der Könige v. Juda"

Gila Lustiger, in Frankfurt geboren, lebt heute in Paris. Immer wieder beschäftigt sie sich mit der Frage, wie ist jüdisches Leben in Deutschland nach Auschwitz möglich? Sie wählte sich Kiefers Vitrine "Tagebücher der Könige v. Juda" und füllte die Truhe mit bleiernden Büchern mit Tagebucheinträgen von Zeitzeugen des Holocaust.

Niemand / zeugt für den / Zeugen (Paul Celan)

"Unter den 613 Geboten und Verboten der Tora verpflichtet das 122. Gebot dazu, Zeugnis abzulegen. Daher setzten die Könige von Juda den Bleistift immer wieder an. Die Könige von Juda schrieben, wohl wissend, dass sie die Kluft zwischen der Sprache, über die sie verfügten, und den Erfahrungen, die sie am eigenen Leib spürten, nicht würden überwinden können. Sie schrieben dennoch, weil es ihnen oblag zu schreiben. Wie hätten sie sich damit abfinden können, ihrer Toten nicht zu gedenken? Wie hätten sie darauf verzichten sollen, davon zu berichten, was ihnen widerfahren war?
Die Könige von Juda schrieben die Chronik der Stadt im Ghetto von Wilna. Und im Warschauer Ghetto sammelten sie im Untergrund Zeugnisse. Selbst auf der Todesinsel Auschwitz führten sie Buch. Durch eine besonders geschickte Hantierung gelang es ihnen, mit dem gewöhnlichen Bleistift Goldbuchstaben zu erzielen. Sie schrieben und jeder Buchstabe erschien rein und schön, tief geritzt und in vollkommenem Gold."

Gert Heidenreich und "Thor"

Der Schriftsteller, Drehbuchautor und Dramatiker Gert Heidenreich beschäftigt sich in seinen Werken immer wieder mit zeitkritischen Themen, deutscher Vergangenheit und kapitalistischer Gegenwart. Er wählte die Vitrine "Thor", dem Beschützer der Menschenheit, der nordischen Gottheit, die den Vorsitz in der Luft hat, der Donner und Blitz lenkt, Wind und Regen, gutes Wetter schickt und damit Fruchtbarkeit schenkt. Vor allem der Mißbrauch der nordischen Mythologie durch Neonazis und Rechtsextremisten veranlasste Gert Heidenreich die Installation "Thor" auszuwählen und sie lyrisch weiter zu denken.


Thor und Mjöllnir

"Nicht die geringste der Sünden,
die widerwärtigste, scheint mir,
ist jene, gewachsenen Mythos
in Dienst zu stellen eigener Macht;
die in den Gehirnen seit Urzeit
eingewachsenen Fäden, das
uns vertraute Rhizom, das eine
Ordnung war frühester Nachdenklichkeit:
dies zur Erhöhung zeitgenössischer
Herrschaft überzustreifen als eigenes
Kleid, sich darin mythisch zu recken.

So wird aus
den gewaltig hallenden Räumen
ungeheurer Gestalten und Taten .... "

Zweiteiliges Crossover: Bildende Kunst trifft Literatur

Franz Marc Museum in Kochel

In 23 Vitrinen zur jüngsten deutschen Vergangenheit und zu Mythen der Antike zeigt das "Franz Marc Museum" in Kochel ab 12. Juli 2020 "Anselm Kiefer. Opus Magnum" und bat - zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk/Kultur aktuell - Autoren, über eine Vitrine ihrer Wahl zu schreiben. In zwei Folgen stellt Cornelia Zetzsche, die die literarischen Texte zur Ausstellung mitinitierte, an den nächsten beiden Sonntagen vor. Mit Texten von Christoph Ransmayr, Alexander Kluge, Nora Bossong, Sibylle Lewitscharoff, Gert Heidenreich und Gila Lustiger. Die gesamten Texte mit den Ausstellungs-Abbildungen von Anselm Kiefer gibt es im Franz Marc Museum, erschienen bei Schirmer und Mosel.

Anselm Kiefer "Opus Magnum" literarisch

Teil 1 am 12. Juli (Christoph Ransmayr, Gila Lustiger, Gert Heidenreich)
Teil 2 am 19. Juli (Alexander Kluge, Nora Bossong, Sibylle Lewitscharoff)

jeweils in radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2

Moderation und Redaktion: Cornelia Zetzsche

Die Sendung gibt es auch als Podcast in der BR Audiothek


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