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Vier Lesungen mit Valery Tscheplanowa Anne Weber "Annette, ein Heldinnenepos"

Was für ein Roman und was für ein Leben! Ein brillantes, hochliterarisches Lied auf den Ungehorsam einer Frau, die sich zeitlebens für Gerechtigkeit einsetzte. Anne Beaumanoir, geboren 1923 in der Bretagne, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, schon als Jugendliche Mitglied der kommunistischen Résistance im Kampf gegen die deutschen Besatzer, nach dem Krieg Neurophysiologin in Marseille, 1959 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wegen ihres Engagements auf Seiten der algerischen Unabhängigkeitsbewegung gegen ihr eigenes Land Frankreich. Ein außergewöhnlichen Leben erzählt von Anne Weber.

Stand: 12.12.2020

Deutscher Buchpreis 2020 | Bild: picture-alliance/dpa

"Annette, ein Heldinnenepos"

Im Oktober erhielt die in Offenburg geborene Schriftstellerin Anne Weber den Deutschen Buchpreis für ihr Heldinnenepos:
"Die Kraft von Anne Webers Erzählung kann sich mit der Kraft ihrer Heldin messen: Es ist atemberaubend, wie frisch hier die alte Form des Epos klingt", urteilte die Jury des Deutschen Buchpreises, "und mit welcher Leichtigkeit Anne Weber die Lebensgeschichte der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir zu einem Roman über Mut, Widerstandskraft und den Kampf um Freiheit verdichtet. "Annette, ein Heldinnenepos" ist eine Geschichte voller Härten, die Weber aber mit souveräner Dezenz und feiner Ironie erzählt. Dabei geht es um nichts weniger als die deutsch-französische Geschichte als eine der Grundlagen unseres heutigen Europas. Wir sind dankbar, dass Anne Weber Annette für uns entdeckt hat und von ihr erzählt."

"Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf
diesen Seiten, und zwar in Dieulefit, auf Deutsch
Gott-hats-gemacht, im Süden Frankreichs.
Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie.
Falls es ihn gibt, so hat er sie gemacht.
Sie ist sehr alt, und wie es das Erzählen will,
ist sie zugleich noch ungeboren. Heute,
da sie fünfundneunzig ist, kommt sie
auf diesem weißen Blatt zur Welt."

aus 'Annette, ein Heldinnenepos' von Anne Weber

Anne Weber im Gespräch mit Cornelia Zetzsche

Anne Beaumanoir | Bild: wikimedia / Anne Beaumanoir

Anne Beaumanoir 1940

Cornelia Zetzsche: "Es gibt sie, die Heldin Ihres Romans: Anne Beaumanoir, genannt Annette, geboren, 1923 in der Bretagne, eine Frau im Widerstand, erst gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg, in Frankreich, dann gegen ihre französischen Landsleute als Kolonialherren in Nordafrika, Anfang der 60er-Jahre als Ärztin im unabhängig gewordenen Algerien; eine Frau, die zeitlebens für und im Widerstand und gegen Unrecht in der Welt lebte. Sie, Anne Weber, haben Anne Beaumanoir ein literarisches Denkmal gesetzt mit "Annette, ein Heldinnenepos", einem Roman in Versen, der im Herbst den Deutschen Buchpreis gewann. Sie sind sich in Südfrankreich begegnet bei einer Diskussion, einer Filmvorführung. Wie war das?"

Anne Weber: "Da war diese alte Frau, eine kleine, weißhaarige Frau mit sehr leuchtend blauen Augen, hell leuchtenden Augen. Und ich weiß gar nicht mehr genau, was sie gesagt hat, aber ihre Gestalt, ihr ganzes Auftreten und ihre Art zu sprechen, alles hat mich sofort angezogen und für sie eingenommen. Wir haben dann beim Abendessen nebeneinander sitzen können, und da hat sie mir dann schon ihre Geschichte so ein bißchen in groben Zügen erzählt.

"Sie schreiben sogar von einem "Liebesblitz", der sie getroffen habe. - Anne Beaumanoir hat bereits eine Autobiographie in zwei Bänden herausgegeben, "Wir wollen das Leben ändern". Warum wollten Sie aus der Biographie einen Roman machen?"

Im Herbst erhielt Anne Weber den Deutschen Buchpreis

"Die Autobiographie ist voller, wirklich sehr interessanter Details, ich habe sie mit großem Interesse gelesen, aber es ist kein Buch einer Schriftstellerin. Anne Beaumanoir hat viele Qualitäten, wirklich sehr viele, die ich nicht habe, aber sie ist keine Schriftstellerin. Und als ich dieses Buch las, habe ich gedacht, da ist wirklich noch Raum für eine andere Art des Erzählens über dieses Leben."

"Sie nennen Ihren Roman in Versen "Annette, ein Heldinnenepos". Zum Heldenepos im Mittelalter gehören die Bewährungsproben, auch bei Annette ist das so. Leitmotiv ist der Widerstand, der zivile Ungehorsam, der Kampf um eine gerechte Welt. Wo immer sie geht und steht und lebt, könnte man sagen, Sie ist eine Jeanne d'Arc des 20. Jahrhunderts?"  

"Wenn man den Kommunismus als etwas ansieht, woran Menschen wirklich über Jahre und Jahrzehnte geglaubt haben, und Anne sicher auch einen Teil ihres Lebens, dann könnte man es vielleicht schon so sehen, in der Tat."

"Im Zweiten Weltkrieg rettete Anne Beaumanoir zwei jüdischen Jugendlichen das Leben, auf höchst dramatische Weise. Längst wird sie als "Gerechte unter den Völkern" in Yad Vashem geehrt. Wie wichtig ist ihr diese Auszeichnung heute?"

"Sie hat mir gesagt, das sei die einzige Auszeichnung, die einzige Ehre, auf die sie wirklich sehr stolz ist. Wir waren jetzt im letzten Februar mit einer Fotografin bei ihr in der Bretagne, um Bilder zu machen, und da hat sie dieses Foto eingerahmt an der Wand hängen, das hat sie abgenommen und vor sich gehalten, wirklich stolz hat sie sich damit fotografieren lassen. Das ist etwas, was ihr sicher bis heute sehr wichtig ist."

"Annette lebte während des Krieges für die Résistance, sie erlebte die Zeit der Säuberungen von Kollaborateuren in Frankreich, dann ein bürgerliches Leben in zweiter Ehe mit Kindern, bevor sie für die algerische Befreiungsfront, den FLN, unterwegs war. Da stellt sich die Frage: Wo endet Widerstand, wo beginnt Terror? Als sie in Frankreich zu zehn Haft verurteilt wird und fliehen kann, geht sie nach Algerien und lässt ihre Familie, die kleinen Kinder, zurück. Ich hatte den Eindruck von einem fast fanatischen Getriebensein Annettes. Wie sehen Sie das?"

"Ich sehe es ein bißchen anders, ich weiß es aber nicht genau. Man kann ja die Wahrheit über einen Menschen nicht erfahren, auch wenn man sich noch so lange mit ihm beschäftigt. Aber ich hatte eher das Gefühl, dass sie optimistisch ist: dass sie sich sagt, weil sie ja auch in der Résistance-Zeit immer durchgekommen ist und nicht verhaftet wurde, das wird schon gut gehen. Ich nehme an, gar nicht so sehr aus Fanatismus als aus so einer Art optimistischen Fatalismus. Davon versuche ich auch zu erzählen. Von diesem Moment, das ist dann wirklich nur ein kurzer Moment, dann kippt es und dann ist es zu spät und man kann nicht mehr zurück. Sie wird festgenommen und sie ist gerade schwanger im ersten Monat von ihrem dritten Kind, einem kleinen Mädchen. Und ja, dann wird sie zu zehn Jahren Haft verurteilt. Und wie gesagt, da gibt's kein Zurück mehr. Und natürlich, wenn sie das gewusst hätte, hätte sie es sicher anders gemacht. Ich glaube, dass sie an ihr Glück geglaubt hat."

"Anne Weber, was sagt die echte Anne zu Ihrer Annette?"

"Ich schreibe ja immer zwei Fassungen und auch bei diesem Roman. Sie liest kein Deutsch, also musste sie warten, bis die französische Fassung fertig war. Als ich ihr die gegeben habe, hat sie gesagt: Also, es hat ihr sehr gut gefallen, formidable, aber das bin nicht ich, das ist deine Annette. Das hat mich anfangs sehr irritiert, weil ich gedacht habe,  dann hab ich wohl das Ganze verfehlt, dieses Porträt von ihr. Und dann habe ich mir aber überlegt, dass das ja gar nicht sein kann, dass das überall übereinstimmt, es ist natürlich mein Blick auf ihr Leben. Und es stimmt schon deshalb nicht überein, weil sie selbst sich überhaupt nicht als eine Heldin sieht, was vielleicht auch Teil hat an ihrem Heldentum. Also wenn man sich selbst in diese Rolle hineinmanövriert, dann wird man ja nur noch Heldendarsteller und ist gar keine Heldin mehr."

Gespräch und Lesung in vier Folgen im "Offenen Buch"

Valery Tscheplanowa im Bayern 2 - Studio

Das ganze Gespräch mit Anne Weber und die vier Lesungen aus dem Heldinnenepos mit der Ausnahmeschauspielerin Valery Tscheplanowa gibt es ab dem 1. Weihnachtfeiertag auf Bayern 2. Erschienen ist der Roman bei Matthes & Seitz, das Hörbuch mit Christina Puciata bei Audiobuch in Freiburg.

Vier Lesungen mit Valery Tscheplanowa in "radioTexte - Das offene Buch"

Teil 1
am 25.12. um 14.30 Uhr

Teil 2
am 26.12. um 14.40 Uhr

Teil 3
am 27.12. um 12.30 Uhr

Teil 4 a
m 3. Januar um 12.30 Uhr ,
jeweils auf Bayern 2

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

Und als Podcast unter bayern2.de/lesungen

Die gesamte Lesung mit der Sprecherin Christina Puciata gibt es bei Audiobuch, Freiburg

"Man schaut zurück – Annette selbst steht
neben sich und schaut zurück aus weiter Ferne –
und glaubt da etwas zu durchschauen, was früher noch
im Nebel lag. Dank unseres Wissen über das, was
längst vergangen ist, aber für Damalige noch in der
Zukunft liegt, glauben wir uns befähigt mitzureden,
den Kopf zu schütteln, anzuprangern. Für den, der
mittendrin ist, liegen die Wege allesamt im Nebel."

aus 'Annette, ein Heldinnenepos'


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