Bayern 2 - radioTexte


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Anna Maria Ortese "Neapel liegt nicht am Meer" und nemo

Elena Ferrantes berühmte Neapel-Tetralogie hat Vorläufer: Die wichtigste Inspiration war eine heute fast unbekannte Autorin, Anna Maria Ortese, die in ihrem unsteten Leben auch Neapel kennenlernte. In ihrem nun erstmals vollständig auf Deutsch erschienenen Prosaband "Neapel liegt nicht am Meer" liest Annette Wunsch "Die Brille", eine Erzählung von einem fast blinden Mädchen, dessen erster Blick durch die teuren Gläser ihm den Magen umdreht. Danach: nemo - das literarische Ratespiel

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 16.02.2021 | Archiv

"Sie spürte verschwommen, dass es jenseits des Zimmers, das immer voll nasser Wäsche war, jenseits der kaputten Stühle und des stinkenden Klos, Licht, Klänge, schöne Dinge gab; und in dem Moment, in dem sie die Brille aufgesetzt hatte, hatte sie eine wahre Offenbarung erlebt: Die Welt da draußen war schön, ziemlich schön."

(Aus: Die Brille, Erzählung von Anna Maria Ortese)

Sie sieht nur verschwommen, die junge Eugenia, und in dieser Erzählung Anna Maria Orteses schwingt stets die Frage mit, ob Sehen Fluch oder Segen ist. Denn das bescheidene Mädchen haust mit seiner vielköpfigen Familie in dem Teil Neapels, der "nicht am Meer liegt", im Armenviertel, umgeben von "aussätzigen Mauern", rotznasigen Geschwistern und verbitterten Frauen, die Eugenia tagtäglich abstrafen dafür, eine Bürde zu sein, ein Schicksalsschlag - Gott streue eben Salz in ihre Wunden.

"Schau nur, ja, schau nur, meine Schöne: Siehst du, was uns dein Trost kostet! Achttausend Lire, hast du's gehört? Achttausend Lire bares Geld!"

(Aus: Die Brille)

Die Brille ist eine Verheißung, der Eugenia geradezu ekstatisch entgegenfiebert. Der größte Tag ihres Lebens, jener Tag, an dem sie sich die teuren Gläser zum ersten Mal aufsetzen darf, endet im Fiasko.

"...(D)as Pflaster weiß vom Seifenwasser, die Kohlblätter, die Papierfetzen, die Abfälle und mitten im Hof jene Gruppe zerlumpter und verkrüppelter Christenmenschen, deren Gesichter vom Elend und der Resignation wie von Blatternarben gezeichnet waren und die sie liebevoll anschauten. Sie begannen, sich zu verdrehen, zu vermischen, ins Riesenhafte zu wachsen. Sie rückten ihr schreiend alle auf den Leib, in den zwei verhexten Kreisen der Brille."

(Anna Maria Ortese, Die Brille)

Anna Maria Ortese - Vorbild für Elena Ferrante

Anna Maria Ortese (1914-1998) war eine literarische Inspiration für Elena Ferrante.

Anna Maria Ortese, 1914 in Rom geboren und 1998 in Rapallo verstorben, ist selbst in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen; ihre Ausbildung verlief lückenhaft und autodidaktisch, weil die Familie oft umzog. Zeitlebens zählte Ortese, die als Reporterin, Dichterin und Prosaautorin tätig war, zu den Autoren, die noch auf Entdeckung warten, obwohl sie mehrere Auszeichnungen erhielt. 1953 beispielsweise wurde sie für Il mare non bagna Napoli mit dem Premio Viareggio belohnt. Die Erzählungen und Reportagen, die letztes Jahr erstmals vollständig auf Deutsch erschienen sind, zeichnen ergreifende Innen- und Außenbilder von einem Neapel im Nachkriegssumpf. Ortese lebte zeitlebens am Existenzminimum, wohnte u.a. in Tripolis, Rom, Mailand und Neapel, bis sie sich in den 70er Jahren in Rapallo niederließ. Ab 1986 wurde ihr als "verdiente Persönlichkeit" eine staatliche Künstlerpension ausgezahlt.

Als Elena Ferrante einen Welterfolg mit ihrer Neapel-Tetralogie einfuhr und Anna Maria Ortese als literarisches Vorbild ins Spiel brachte, war dies für Orteses Prosa ein später Segen, ein Grund, sie wieder zu lesen oder erstmals zu entdecken.

"Was Neapel angeht, so fühle ich mich heute vor allem angezogen von Ortese. Wenn es mir gelänge, noch von dieser Stadt zu schreiben, würde ich versuchen, die Richtung zu erforschen, die sie gezeigt hat."

(Elena Ferrante über Anna Maria Ortese)

Anna Maria Ortese: "Die Brille" und nemo - das Ratespiel!

am 23. Februar um kurz nach 21.00 Uhr in den radioTexten auf Bayern 2

Eine Erzählung aus dem Band „Neapel liegt nicht am Meer“, aus dem Italienischen von Marianne Schneider und mit einem Nachwort von Franz Haas, ist beim Verlag Friedenauer Presse, Berlin, erschienen.

Lesung: Annette Wunsch

Im Anschluss: nemo - das literarische Ratespiel mit dem bibliophilen Detektiv-Duo Elisabeth Tworek und Andreas Trojan

Moderation und Redaktion: Antonio Pellegrino

Unsere Lesungen können Sie nachhören: auf dieser Seite im Stream, als Download im Podcast-Center des Bayerischen Rundfunks und überall, wo es Podcasts gibt.


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