Bayern 2 - radioTexte


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Lesereihe "Alles fließt" Paolo Rumiz rudert auf Italiens Po

"Alles fließt und nichts bleibt" - soll Heraklit gesagt haben. Das sei Inspiration genug, um sich in einer großen radioTexte-Reihe mit Flüssen rund um den Globus zu beschäftigen. Vom romantischen Rhein bis zum Mississippi, von der Wolga bis zum italienischen Po - was bleibt von den großen Strömen und ihren Anwohnern? Zum großen Finale der Lesereihe über Flüsse und ihre Literaten kehren wir zurück nach Europa: Der Journalist und Autor Paolo Rumiz besteigt Boote und Barken, um Italiens König der Flüsse, den Po, zu erforschen. Lesung mit Gert Heidenreich und Peter Weiss

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 02.07.2018

"Pantha rhei: Alles fließt und nichts bleibt."

(Heraklit)

Die dem griechischen Naturphilosophen Heraklit zugeschriebene Formel des ewigen Werdens und Wandelns ist das Motto der großen Fluss-Reihe in den radioTexten am Dienstag. Zahlreiche Dichter und Denker haben das Bild des Flusses aufgegriffen, um unser Sein in der Welt zu versinnbildlichen. Die Götter, so schreibt Hölderlin im Hyperion, sehen für den Menschen vor, „dass seines Lebens Linie nicht gerad ausgeht, daß er nicht hinfährt, wie ein Pfeil, und eine fremde Macht dem Fliehenden in den Weg sich wirft. Des Herzens Woge schäumte nicht so schön empor, und würde Geist, wenn nicht der alte stumme Fels, das Schicksal, ihr entgegenstände.“ Dem Menschen, wie auch Kulturen oder Nationen, ist das Prozesshafte immanent, das Mäandern, das Fluide. "Alles fließt und nichts bleibt" - was können die Ströme uns erzählen? Was bleibt von unseren Kulturen?

Das Fluide festhalten - Lesereihe über Flüsse

"Es soll sich regen, schaffend handeln
Erst sich gestalten, dann verwandeln
Nur scheinbar stehts Momente still
Das Ewige regt sich fort in allen
Denn alles muß in Nichts zerfallen
Wenn es im Sein beharren will."

(Aus Johann Wolfgang Goethes Eins und Alles)

Den ganzen Juli hindurch bis in den August erforschen Literaten nicht nur die ontologische Bedeutung des Flusses, sondern erzählen ganz konkret von Abenteuern und Geschichten auf und neben großen Gewässern rund um den Globus. Zum Start der Reihe lässt Eva Demski ihre Gedanken zur "Mama Donau" fließen, worauf Elke Heidenreich mit ihren Erlebnissen und vielen Anekdoten und Gedichten über "Vater Rhein" antwortet.

Das Isarkindl Karl Valentin weiß so einiges über die "Gründung der Isar".

Karl Valentin, der 1882 ganz in der Nähe der Isar zur Welt kam, hat ihr zu Ehren eine unernste Gründungsgeschichte aufs Papier fließen lassen. Nachdenkliche Töne schlägt Joseph Roth an: Auf einem Dampfer die Wolga befahrend wollte er das revolutionäre Russland entdecken. Doch das 'antikapitalistische Paradies' entpuppte sich auf Roths zweiten Blick als eine Imitation Amerikas in anderem Gewand, in der kein Vogel der Freiheit fliegen könne, in der viel Not herrsche, schreibt er 1926. Und wenn wir schon beim 'großen Feind' sind: Eine weitere radioTexte-Sendung ist Mark Twains berühmter Erzählung "Leben auf dem Mississippi" aus dem Jahr 1883 gewidmet. Zuguterletzt endet die Fluss-Lesereihe wieder in Europa: Paolo Rumiz berichtet von seiner Fahrt auf dem Po. Mit Kanu, Barke und Segelboot hat er Italiens größten Strom erkundet - von den Gebirgen des Piemont bis zur Mündung ins Adriatische Meer.

Italiens König der Flüsse - der Po

"Keine Ahnung, wo der Orient begann. Keine Ahnung, wann wir mitten unter Langobarden die ersten Zeichen von Byzanz sehen würden, das erste griechische Feuer im Brennspiegel des Wassers im Morgengrauen, die erste Kirche mit quadratischem Grundriss. Aber vielleicht waren wir dem Orient schon bei den Grillplätzen der Rumänen oberhalb von Turin begegnet."

(Paolo Rumiz, Die Seele des Flusses)

Blick auf das verzweigte Po-Delta abseits der Städte der Emilia-Romagna

Er entspringt in den Cottischen Alpen, fließt durch das padanische Tiefland zwischen Alpen und Appenin und mündet nach rund 700 km in die Adria: Italiens einziger großer Strom, der Po. Die Poebene ist eine der am dichtesten besiedelten Gebiete Europas. Im 10. Jahrhundert begannen die Benediktinermönche mit der Urbarmachung der Auenlandschaft entlang des Flusses. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelang die vollständige Nutzbarmachung, was zur Folge hatte, dass sich das Antlitz der unteren Poebene dramatisch veränderte. Dort, wo sich vor einer Million Jahren noch ein warmes Meer bis zu den Ausläufern der Voralpen erstreckte, sitzt nun Italiens Wirtschaftskraft, z. B. die Autostadt Turin oder auch Kulturstädte wie Piacenza, Pavia, Cremona, Ferrara. 700 Kilometer Abenteuer zu Wasser: der reiseerfahrene Triestiner Journalist Paolo Rumiz hat die Strecke mit Kanu, Barke und Segelboot hinter sich gebracht und eine Welt ungeahnter Freiheit entdeckt.

Paolo Rumiz über die Seele eines Flusses

Bericht über 700 Kilometer Abenteuer auf dem italienischen Po: Paolo Rumiz Buch über "Die Seele des Flusses" (Buchcover).

"Allmählich verstand ich, warum die Bewohner des Alpenvorlandes die Mentalität von Piraten besaßen und das wütende Wasser liebten. Wenn ihm danach war, konnte der Po sehr charmant sein: Er sang, tröstete, stellte Verbindungen her, nahm auf. (…) In der Emilia sagte man tatsächlich: Ich gehe zu Po, nicht, ich gehe zum Fluss. Dort wissen die Leute, dass er dich entweder liebt oder hasst und dass man ihn in beiden Fällen respektvoll behandeln muss."

(Paolo Rumiz, Die Seele des Flusses)

Er selbst lebt am Meer, der 1947 in Triest geborene und bis heute dort beheimatete Journalist Paolo Rumiz. Seit Jahren für die Zeitung "La Repubblica" schreibend, war er Korrespondent in Islamabad und Kabul, berichtete über die Kriege in Afghanistan und auf dem Balkan. 1997 erhielt er für seine journalistische Arbeit und seinen Einsatz für den Frieden den Preis "Colomba d'oro per la pace".

Neben seiner Tätigkeit für die Zeitung schreibt Rumiz Reisereportagen, wobei er sich nie mit dem Auto oder dem Flugzeug fortbewegt, sondern lieber zu Fuß, per Fahrrad, Eisenbahn, Ballon oder, wie in diesem Fall, auf verschiedenen Booten auf dem Po unterwegs ist. Auf seiner eigenwilligen Flussfahrt begibt sich Rumiz auf die Spuren von Mythen und Legenden, von Kulturgeschichte und persönlichem Sinnenrausch, lauscht beispielsweise "dem Zirpen des Kieses unter dem Kiel". Dann wieder lässt er sich von Po-Kennern aufklären, was sich hinter seinen Fundstücken am Flussufer verbirgt und warum auf dem Po der Wilde Westen herrscht.

"Die Seele des Po" von Paolo Rumiz

Lesung mit Gert Heidenreich und Peter Weiss

Der große Vorleser, Schriftsteller und Drehbuchautor Gert Heidenreich liest aus Paolo Rumiz Flussfahrt über den Po.

Das Buch „Die Seele des Flusses. Auf dem Po durch ein unbekanntes Italien“, aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl übersetzt und versehen mit Fotografien von Alessandro Scillitani sowie Karten und zahlreichen Farbabbildungen, ist im Folio Verlag erschienen.

Moderation: Antonio Pellegrino

Auch als Podcast verfügbar

Mit einem Klick in den Rückblick:

Flüsse und ihre Literaten

"Mama Donau" von Eva Demski

Schriftstellerin Eva Demski

Von ihrer einsamen Quelle im Schwarzwald bis zur Mündung über das Donaudelta ins Schwarze Meer: 2.857 Kilometer lang ist die Donau, die auf ihrem Weg zehn Länder durchfließt - so viele wie kein anderes Gewässer der Erde. Auch einzigartig: Nur sie allein fließt von West nach Ost im europäischen Raum. Als eine der ältesten und bedeutendsten Handelsrouten hat die Donau beim Entstehen der heutigen Kulturlandschaft Europas eine entscheidende Rolle gespielt. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs erstarkte die Bedeutung dieses völkerverbindenden Flusses, der mit allem protzen kann, was Flüsse so können. Vom fast stehenden Gewässer bis zum reißenden Strom: Alles bietet "Mama Donau", wie die Schriftstellerin Eva Demski sie liebevoll in ihrem gleichnamigen Buch nennt.

"Mama Donau" ist auf und an, auch ein bisschen in der Donau entstanden. Es kommen vor: Die Nibelungen, Hölderlin und Helmut Qualtinger, Walzer und Wälder, Zigeuner, Dichter wie Georg Britting und Joseph Roth, Fischer, Fischreiher, kleine Städte und sehr große, alte Waller und neuer Wein. Eva Demski erzählt selbst in den radioTexten ihre ganz persönlichen Erfahrungen und dokumentiert mit zahlreichen O-Tönen ihre heutigen Eindrücke von der Donau.

Eva Demski in den Donauwellen

Blick auf die Donau und Regensburg

1944 kam sie in Regensburg zur Welt, lernte mit drei Jahren schwimmen in der Donau, bis sie der Strom fortzog: Demski studierte in Mainz und Freiburg Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte und arbeitete anschließend als Dramaturgin, Lektorin, Übersetzerin und Journalistin. Heute lebt Eva Demski als freie Schriftstellerin in Frankfurt, jahrzehntelang waren ihre Nachbarn die Reich-Ranickis. An der Universität hielt sie 1989/99 die Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Ihr erster Roman "Goldkind" erschien 1979, gefolgt von zahlreichen weiteren Romanen, Essay-Sammlungen, Reiseführern und Bildbänden. Zuletzt hat die leidenschaftliche Gärtnerin 2017 ihre Memoiren publiziert: "Den Koffer trage ich selber". Ihre Werke wurden vielfach ausgezeichnet. 2008 erhielt Eva Demski den "Preis der Frankfurter Anthologie".

Eva Demskis "Mama Donau" ist als Insel Taschenbuch erschienen.
Das gleichnamige Hörbuch, eine Lesung von Eva Demski mit Musik, ist auf 3 CDs im LOHRBär Verlag erschienen.

"Vater Rhein" mit Elke Heidenreich

Auf legendenreicher Rheinfahrt mit Elke Heidenreich

"Vor allen andern Flüssen liebe ich den Rhein... Der Rhein vereint alles. Der Rhein ist schnell wie die Rhône, breit wie die Loire, eingedämmt wie die Maas, gewunden wie die Seine, klar und grün wie die Somme, geschichtsträchtig wie der Tiber, königlich wie die Donau, geheimnisvoll wie der Nil, goldbestickt wie ein Fluss in Amerika, von Geschichten und Gespenstern umwoben wie ein Fluss im Innern Asiens."
(Aus Victor Hugos Briefen über den Rhein, 1840)

Nach diesem begeisterten Kommentar kann man sich eigentlich jedes weitere Wort sparen, Victor Hugos Blick auf den Rhein als weltumspannendes Programm sagt schon alles. Warum also nach Victor Hugo, nach so vielen anderen großen Schriftstellern, nach Byron, Schlegel, Goethe, Hölderlin oder Forster, noch ein Buch wagen über den Rhein? Elke Heidenreichs Rhein-Betrachtungen wollen weder Poesie noch Lehr-Lektüre sein, es sind aktuelle Reiseeindrücke, federleichte, amüsante Gedanken, die mit der bewegten Rhein-Geschichte, berühmten Gedichten, historischen Fakten, Anekdoten und persönlichen Reflexionen zusammenfließen. Heidenreichs Reisegefährte Tom Krausz begleitet diese "Rhein-Mission" auf über 1200 Kilometern von den beiden Quellen in den Schweizer Alpen bis zur Mündung in die Nordsee mit sensiblen Fotografien.

"Vater Rhein" - zwischen Romantik und Industrie

Die 1943 in Korbach geborene Schriftstellerin, Literaturkritikerin, Kabarettistin, Moderatorin und Opern-Librettistin, die schon lange am Rhein zuhause ist, wollte "selber sehen, riechen, fühlen, hören, nachdenken, erfahren", wie es heute so ist an dem von Rheinromantik und Schwerindustrie geprägten Strom - und zeigt sich am Ende schwer beeindruckt von der prallen Geschichte, die mit dem Rhein durch die Jahrhunderte geflossen ist. "Wir haben Respekt vor diesem Fluss", schreiben die beiden Autoren in der Einleitung zu ihrem Buch "Alles fließt", Respekt vor dem Fluss, "der so zart und klein in den Alpen beginnt und dann zu einer der verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt wird."

Rhein und Donau mythologisch

In seiner Donau-Biografie (2009) hat der italienische Schriftsteller Claudio Magris klar herausgestellt, wie unterschiedlich der Rhein und die Donau mythologisch aufgeladen sind:
"In symbolischen Zusammenhängen erscheint die Donau als das, was 'dem' Deutschen entgegengesetzt und feindlich ist; sie ist der Fluss, an dessen Ufern die verschiedensten Völker sich begegnen und vermischen", schreibt Magris, "ganz anders als der Rhein, der mythische Wächter über die Reinheit des germanischen Geschlechts".
Diese Differenz ist bestens nachzuvollziehen in den beiden Sendungen der radioTexte-Sommerreihe "Alles fließt": in Eva Demskis "Mama Donau" und in Elke Heidenreichs "Der Rhein".

Blick von der berühmten Loreley auf das Rheintal


Der Rhein
von Elke Heidenreich

Es lesen Christiane Blumhoff, Heiko Ruprecht und Stefan Wilkening.

Das Buch "Alles fließt. Der Rhein - Eine Reise, Bilder, Geschichten" von Elke Heidenreich und dem Fotografen Tom Krausz ist bei Corso erschienen.

Die grüne Isar - mit Karl Valentin

Die smaragdgrüne Isar

Sogar der ewige Freund des Meeres Thomas Mann konnte sich ein indirektes Lob der Isar nicht verkneifen. In "Herr und Hund" schreibt der damals in Bogenhausen lebende Nobelpreisträger über den Fluss, er sei "nichts anderes als ein großer Gießbach aus den Bergen, aber sein immerwährendes Geräusch, das mehr oder weniger gedämpft überall in der Gegend zu hören ist, hier aber frei waltend das Ohr erfüllt, kann wohl Ersatz bieten für das heilige Anprallen des Meeres, wenn man dies nun einmal nicht haben kann". Das Rauschen dieses Gießbachs aus den Bergen kann sich zwar heutzutage nur noch schwer gegen den städtischen Verkehrslärm durchsetzen, dennoch hat und hatte der bayerische Fluss eine große Bedeutung für seine Anwohner - nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht.

Biografien eines Flusses

Die Weideninsel in München - ein Renaturierungsprojekt. Seit den 90er Jahren hat ein Umdenken eingesetzt, die Isar soll wieder "wilder" sein.

Grün glitzernd überquert sie bei Scharnitz in Tirol die Grenze und schlängelt sich von dort durch das bayerische Voralpenland: Die Isar entspringt im Tiroler Teil des Karwendels, im Hinterautal, und mündet nach 292 Kilometern quer durch Bayern in die Donau. Einst war sie ein wilder, unberechenbar mäandernder Gebirgsfluss, der vor allem im 19. Jahrhundert eingesperrt und zum zubetonierten Kanal wurde, so dass das berühmte Isarrauschen an vielen Stellen ihres Laufs verstummt ist. Nichtsdestotrotz: "Wer ergründet, was die Isar rauscht?", fragen die radioTexte in der Sommerreihe "Alles fließt" sehr unterschiedliche Autoren.

Den Flusslauf von seinen Quellen bis zur Mündung verfolgend, erforscht Bernhard Setzwein die Biografie des grünen Stroms, trifft so auf die Protagonisten des weißblauen Welttheaters, auf urbayrische Historie an den Ufern der Isar. Edgar Harvolk geht der Frage nach, wie sich bei den Menschen, die an der Isar leben, die Religion mit dem strömenden Gewässer verbindet. "Die Vorstellung, dass der göttliche Wille sich im Verhalten der Elemente offenbart, ist ein fundamentaler Baustein dieser Glaubenswelt", schreibt er in seinem Essay, in dem er von Wallfloßfahrten, Wasserprozessionen und Votivbildern im Isarraum berichtet. Das legendäre Isarkind Karl Valentin erzählt von der "Gründung der Isar", eine Kurzgeschichte, in der die Münchner "ihren" Fluss zelebrieren wollen, der sich jedoch vor dieser Ehre zunächst drückt.

Die Isar in den radioTexten am Dienstag

Texte von Karl Valentin, Georg Britting, Bernhard Setzwein und Edgar Harvolk in der Sendung am Dienstag, 24. Juli 2018 auf Bayern2.

Es lesen Christian Baumann, Alexander Duda und Peter Weiß.

Das Buch von Bernhard Setzwein "An den Ufern der Isar" ist im Koehler&Amelang Verlag erschienen. Karl Valentins gesammelte Werke hat der Piper Verlag herausgebracht.

Die Wolga mit Joseph Roth

"Mütterchen Wolga"

So nennen die Russen ihren Fluss, denn an seinen Ufern wurde die russische Nation geboren. Erst als Ivan der Schreckliche mit der Eroberung der Städte Kasan und Astrachan an der Wolga die Macht der Goldenen Horde gebrochen hatte, war Russland vereint. Europas längster Strom ist über die Jahrhunderte zu einem russischen Mythos geworden. Vor der russischen Eroberung des Wolgagebiets im 16. Jahrhundert lebten dort vor allem turksprachige und finno-ugrische Stämme. Unter Katharina der Großen wurde die Wolga auch zur Heimat für deutsche Siedler.

Reise durch die junge Sowjetunion

Nischnij Nowgorod an der Wolga, mit dem Mariä-Verkündigungs-Kloster, Photochrom, um 1890/1900.

Über 2000 des insgesamt 3530 km langen Stroms hat der in Galizien geborene Schriftsteller und Journalist Joseph Roth auf einem Dampfer hinter sich gebracht: von Nischni-Nowgorod bis Astrachan. Seine 1926 verfassten Russland-Reportagen für die damals renommierte Frankfurter Zeitung zeichnen den komplexen Kosmos des östlichen Europas, stellen das Nebeneinander von Sprachen, Religionen, Bräuchen und Bildungsschichten auf dem Wolga-Dampfer und an Land vor. Es sind die Jahre nach dem Bürgerkrieg, zwischen Lenins Tod und Stalins Machtkonsolidierung, vor dem Terror, vor den Gulags. Der Feuilletonkorrespondent ist spürbar neugierig, wie das große soziale Experiment der Sowjetunion umgesetzt wird - doch die Ernüchterung lässt nicht lange auf sich warten.

Joseph Roth - Wehmut und Weltliteratur

 Joseph Roth, der 1894 als Sohn eines jüdischen Holzhändlers im ostgalizisischen Brody geboren wurde, studierte Philosophie und Literatur in Lemberg und Wien. 1916 meldete er sich freiwillig zum Militärdienst im Ersten Weltkrieg, dessen Ende er in russischer Gefangenschaft erleben musste. Nach seiner Freilassung arbeitete er als Journalist in Wien und in Berlin. Mit seinen Romanen "Hiob", "Radetzkymarsch" oder "Die Kapuzinergruft" schuf er weltliterarische Klassiker. Berühmt geworden ist er mit seinen wehmütigen, aber auch kritischen Beschreibungen des Untergangs der K.u.K.-Monarchie. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte Roth nach Paris, schaffte es jedoch weder finanziell noch persönlich, wieder auf die Beine zu kommen. Im Jahr 1939, von Schicksalsschlägen und Alkoholkonsum gezeichnet, starb Joseph Roth in einem Pariser Armenhospital.

Aus den "Reisen in die Ukraine und nach Russland" liest André Jung.
Das Buch ist bei C.H.Beck erschienen.

Mark Twains Mississippi

Der Mississippi - der größte Fluss Nordamerikas

Auf seinem Weg von Nord nach Süd, von Minnesota bis in den Golf von Mexiko, durchquert der "Old Man River" nahezu das gesamte Staatsgebiet der USA. Mit seinem Nebenfluss Missouri zusammen ist der Mississippi der viertlängste Fluss der Erde. Das Mississippidelta bei New Orleans gilt als eines der größten Mündungsgebiete weltweit.

Lange bevor weiße Kolonisten den Mississippi entdeckten, befuhren indianische Kanus den Strom. Um 1200 soll eine Stadt namens Cahokia (nahe dem heutigen St. Louis) sogar 20.000 Einwohner stark gewesen sein, eine Metropole am Mississippi. Dann, lange nach dem Untergang Cahokias, kamen natürlich die Europäer, der erste im Jahre 1541, der Spanier Hernando de Soto. Ab 1681 siedelten sich erste französische, später britische Kolonisten an, führten Plantagenwirtschaft und damit den Sklavenhandel ein.

Im 19. Jahrhundert wurde der Mississippi zur wichtigsten Lebensader des Mittleren Westens und lockte viele Siedler an; die Schaufelraddampfer brachten Baumwolle zur Mündung, um sie von dort weiter nach Europa zu verschiffen. Memphis und New Orleans stiegen nicht nur zu bedeutenden Handelsmetropolen auf, sie waren auch die großen Drehkreuze für den Sklavenhandel. An den Ufern des Mississippi wurde der amerikanische Bürgerkrieg (1861 bis 1865) entschieden.

Heute sind entlang des Mississippi die größten Landwirtschaftszonen der Vereinigten Staaten angesiedelt. Wegen der verheerenden Auswirkungen des Düngereintrags gilt das Gebiet im Golf von Mexiko als "Dead Zone".

Der literarische Lotse Mark Twain

Schriftsteller und Schiffslotse Mark Twain

Der Mississippi hat sich tief in Leben und Karriere des 1835 in Florida (Missouri) geborenen Samuel Langhorne Clemens gegraben. Bevor er mit dem Schreiben begann, arbeitete er als Drucker, Lotse auf dem Mississippi, Goldgräber und Reporter. Unter einen humorvollen Reisebericht setzte der immer noch eher beruflich unentschiedene, fast dreißigjährige Clemens im Jahr 1863 erstmals sein bis heute weltberühmtes Pseudonym Mark Twain - einen Begriff aus der Seemannssprache, der „zwei Faden [Wassertiefe]“ bedeutet. Im trüben Wasser des Mississippi musste häufig die Tiefe gemessen werden: Zwei Faden musste das Wasser tief sein, damit die Dampfer den Strom befahren konnten.

Twains berühmteste Bücher - "Die Abenteuer Tom Sawyers" (1876) und die Fortsetzung "Die Abenteuer Huckleberry Finns" (1884) - gehören bis heute zur Weltliteratur. Kritiker haben den leidenschaftlichen Raucher als ersten Popstar der amerikanischen Literatur bezeichnet, sein Berufsgenosse William Faulkner nannte Twain, der 1910 in Redding/Connecticut verstarb, sogar den "Vater der amerikanischen Literatur". Unbestritten ist Samuel Langhorne Clemens einer der größten und humorvollsten Chronisten der Vereinigten Staaten und kein Schriftsteller kann mehr über das "Leben auf dem Mississippi" berichten als der erfahrene Lotse Mark Twain.

Heiko Ruprecht taucht ab in die literarischen Erinnerungswellen des Schiffslotsen und Schriftstellers Mark Twain.

"Leben auf dem Mississippi" von Mark Twain
Lesung mit Heiko Ruprecht
Das Buch ist im Insel Verlag erschienen.


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