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Ingeborg-Bachmann-Preis 2018 Tanja Maljartschuk ausgezeichnet

42 Jahre alt und immer noch Kult! Klagenfurt ist ab 4. Juli wieder fest in literarischer Hand. Seit 1977 wird bei den "Tagen der deutschsprachigen Literatur" um den Bachmann-Preis gerungen. Der einzige Literaturpreis, bei dem die Jury nicht im stillen Kämmerlein entscheidet, sondern live vor den AutorInnen, dem Publikum und vor den Fernsehkameras diskutiert. Eine Literaturveranstaltung, die jedes Jahr Millionen Menschen verfolgen. Cornelia Zetzsche war vor Ort und stellt die besten Texte vor.

Stand: 08.07.2018

Tanja Maljartschuk, Gewinnerin | Bild: picture-alliance/dpa

Alles eine Frage der Sprache?

Drei Tage lang, 28 Stunden stand die Literatur im Mittelpunkt. Auch in der weiß gestylten ORF-Arena, direkt am Ort des Geschehens, wurde der Lesemarathon aufmerksam verfolgt von Schulklassen und Literaturaffinen jeglichen Alters. Eine Choreographie des gemeinsamen Umblätterns der bis wenige Minuten vor der Lesung unter Verschluss gehaltenen Manuskripte. Ein Mantra aus rhythmischem Blätterrascheln, konzentriertem Mitlesen und Mitfiebern mit den Autoren, die sich diesem Germanisten-Porno, wie Nora Gomringer, stellten.

Preisträgerin Tanja Maljartschuk:

Tanja Maljartschuk konnte bei der duchwegs positiven Jury-Diskussion lachen

Die Schriftstellerin Tanja Maljartschuk ist mit dem 42. Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet worden. Die aus der Ukraine stammende und in Wien lebende Autorin erhielt die mit 25.000 Euro dotierte Ehrung für ihren Text "Frösche im Meer". Darin setzt Maljartschuk (Jahrgang 1983) den Vertriebenen und Heimatlosen, den Menschen ohne Pass, ein literarisches Denkmal. Das ist ihre erste größere Arbeit, die sie auf Deutsch geschrieben habe, erzählte sie beim Interview. Sie sei geschockt, sie habe nicht damit gerechnet und keine Worte. Es sei ihr von Anfang an klar gewesen, welche Geschichte sie für den Bachmann-Preis schreiben würde. Das Thema Flüchtlinge und verlassene Menschen beschäftige sie, schließlich sei sie selbst emigriert, das sei ihr Thema. In der Ukraine debütierte sie mit "Biografie eines zufälligen Wunders", das in deutscher Übersetzung 2013 erschien.

Auszug des Siegertextes "Frösche im Meer"

"Hätte Petro Kinder, würden sie ihn vielleicht fragen, wie er zu seinem Beruf gekommen ist. Kinder fragen so etwas gerne. Sie idealisieren die Arbeit, solange sie selbst nicht arbeiten gehen müssen. Ich möchte Polizist werden, sagen sie verträumt, oder Ballerina, oder Ärztin, oder Astronaut. Niemand sagt: Ich möchte Müllmann werden. Keine Volksschullehrerin beendet ihren Unterricht mit dem Zuspruch: Lernt fleißig, Kinder, damit ihr gute Weihnachtsbaumverkäufer werdet. Petro ist sowohl Weihnachtsbaumverkäufer als auch Müllmann gewesen. Beide Jobs fand er nicht gut. Bäume verkaufen ist das Letzte, besonders, wenn sie aus den Karpaten geschmuggelt werden. Müllmann zu sein, wäre in Ordnung gewesen, es riecht weniger, als man denkt, jedoch verlangten sie bereits nach dem ersten Arbeitstag Petros Pass. Als er das Wort hörte, lief er so schnell wie möglich davon. Seit siebzehn Jahren hat er keinen Pass. Ihm wurde gesagt, ohne Papiere komme man besser mit der Polizei aus, man habe nämlich die Möglichkeit, sich als Flüchtling auszugeben. Sonst stecken sie dich ins Gefängnis, wenn sie dich erwischen, Petro, wurde ihm gesagt. Gefängnisse in diesem Land sind voll mit uns, Petro, voll mit uns, wurde ihm gesagt. Er hatte seinen Pass in kleine Stücke zerrissen und an einem schönen sonnigen Sonntagnachmittag in die Donau geworfen. Dabei dachte Petro mit einem Lächeln, dass ein Teil von ihm mit den Donauwellen nach Hause zurückkehren werde."

"Wir schreiben, wir lesen, wir kämpfen. Wir stehen bei den Verlassenen" - Eröffnungsrede von Feridun Zaimoglu

Politisch scharf und hoch literarisch und poetisch hielt Schriftsteller Feridun Zaimoglu die Eröffnungsrede zum Bachmann-Preis. Gegen irrgeleitete Menschen, für die "Verlassenen", die Obdachlosen, Armen, die Fremden, die Geflüchteten, die sich vor Kriegen retteten und sich hier einem "Spuckeregen der Verachtung" aussetzen müssten, das "böse Gerücht hat sie getötet". Er stellte sich an die Seite der Frauen, sprach über Herrenmänner, die nur Mauldreck von sich gäben, führte rechte Hetze ad absurdum und griff sie scharf an. Zum Schluss seiner Rede, die einer literarischen Predigt glich, sagte er:

"Der feste Halt ist nicht das Volk, nicht die Sippschaft, nicht eine heilige Erde und nicht eine versunkene Welt. Ich finde festen Halt im Recht, dem Ausdruck des Gewissens. Daran glaube ich, davon rücke ich nicht ab. Auf den Glanz der Geschichte einer Nation gebe ich nichts. Es soll ein Menschengesicht glänzen. Klagenfurt ist ein Ort der vielen Geschichten. Es ist ein Ort der Beseelung. Wir schreiben, wir lesen, wir kämpfen. Wir stehen bei den Verlassenen."

Feridun Zaimoglu, Eröffnungsrede zum Bachmann-Preis 2018

„Erst die Lektüre vollendet das Werk“

Die fünf Gewinner der 42. "Tage der deutschsprachigen Literatur" in Klagenfurt

... schreibt Ingeborg Bachmann. Alle Texte der 14 Autoren kann man sich herunterladen und selber lesen, siehe unten die Seite der Kollegen vom ORF, oder aber man macht sich's bequemer und hört die Zusammenfassung am Sonntag ab 12.30 Uhr in "radioTexte - Das offene Buch" auf Bayern 2.
Cornelia Zetzsche stellt die besten Texte und ihre Autoren vor.
radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 auf Bayern 2


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