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100 Jahre PEN international "Für die Freiheit des Wortes"

Seit seiner Gründung vor 100 Jahren ist der "PEN International" zu einem Netzwerk mit über 150 Zentren auf der ganzen Welt angewachsen. Aus dem einstigen Schriftsteller-Club, 1921 in London gegründet zum freundschaftlich geistigen Austausch, ist eine Menschenrechtsorganisation geworden, die sich weltweit für die Freiheit des Wortes einsetzt. Mit dem PEN-Programm "Writers in Exile" kamen die belarusische Lyrikerin Volha Hapeyeva 2021 aus Minsk und der syrische Poet Yamen Hussein 2014 aus Homs nach München, der iranische Dichter SAID kam als Student vor über 50 Jahren und blieb als Exilant.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 05.10.2021 16:55 Uhr

Volha Hapeyeva, Yamen Hussein, Said | Bild: Cornelia Zetzsche, Yamen Hussein, picture alliance

"Mutantengarten" - Gedichte von Volha Hapeyeva

Erschienen in der Edition Thanhäuser


"ich wache nach den weckern anderer leute auf
ich schreibe die texte anderer leute um
ich denke an die toten anderer leute

ich treffe die freunde anderer leute
ich spreche die sprachen anderer leute
ich mache fotos mit den kindern anderer leute

ich streichle die katzen anderer leute
ich lebe in niemandes zimmer
ich lese niemandes bücher

ich esse mit niemandes gabel
und schneide mit niemandes messer
ich schlafe unter niemandes decke

so lerne ich gast zu sein
in den welten anderer menschen in niemandes welt

damit ich wenn ich nicht mehr willkommen bin
endlich meinen eigenen tod sterben kann"

Schriftstellerin Volha Hapeyeva aus Belarus bei der Kulturstiftung "Kunst und Kultur" in Nantesbuch

In Belarus ist Volha Hapeyeva eine mit Preisen und Stipendien ausgezeichnete Schriftstellerin, ihre Gedichte wurden in zehn Sprachen übersetzt. Als promovierte Linguistin unterrichtete sie an der Universität in Minsk, übersetzte und äußerte sich offen kritisch gegenüber dem Regime Lukaschenkos. Seit zwei Jahren lebt sie nun im Ausland, war Stadtschreiberin in Graz, kam für ein paar Wochen in der Villa Waldberta unter und ist jetzt "Writer in Exile" in München.

"Poesie ist für mich eine Art von Denken, eine Art wie ich diese Welt sehe, und durch Poesie kommuniziere ich mit dieser Welt", erzählt die belarusische Lyrikerin Volha Hapeyeva. "Poesie kann alles. Ich glaube, ich schreibe deshalb Gedichte und arbeite mit Worten, weil ich dem Wort vertraue." Sie schrieb Kinderbücher und Drehbücher, Essays und mit "Camel Travel" einen autobiographisch grundierten Roman über eine Kindheit in Belarus. Seit die gebürtige Minskerin ihr Land verlassen hat und "unterwegs" ist, schreibt sie vor allem Gedichte, an denen man auch in Bussen, Zügen und Bahnhöfen arbeiten kann, erzählt sie.

Die Kraft der Poesie

Volha Hapeyeva im Bayern 2 Studio

"Ein Freund von mir, er wurde verhaftet, aus politischen Gründen, nur weil er Buchhändler war, kein Krimineller also. Aus dem Gefängnis schrieb er mir, bitte Volha, schick mir deine Gedichte, obwohl er gar kein Poesie-Liebhaber war. Im Gefängnis brauchte er die Gedichte für seine Seele. Da habe ich verstanden, dass Poesie diese Kraft hat, die andere Genres von Literatur vielleicht nicht haben."

Tyrannen gehen unter, "überdauert haben die Gedichte und das Lachen der Kinder"

Die Briefe und Gedichte entstanden aus einer Initiative des PEN in Kooperation mit dem BR/Kultur aktuell, erschienen im Kirchheim Verlag

Diese Verszeilen schrieb der syrische Dichter Yamen Hussein, als er bei einem Projekt des PEN als "Writer in Exile" in den Dialog mit dem Dichter SAID trat. Zum Zeitpunkt ihres Briefwechsels lebten die beiden Dichter in der selben Stadt, kannten sich aber nicht. Der eine ist halb so alt wie der andere, aber beiden gemeinsam ist die Ankunft in der Fremde. Yamen Hussein, Ende dreißig, floh 2013 aus Syrien und kam 2014 über den Libanon und die Türkei nach Deutschland. Der Dichter Said stammt aus Teheran, wollte 1965 in München studieren und blieb „als flüchtling, seit beinah fünfzig jahren“, wie er schrieb. Im Januar 2017 trafen sie zum ersten Mal im Literaturhaus München aufeinander.

"salam yamen"

"die tür war offen.
er brauchte nicht daran zu kratzen.
er kam herein,
setzte sich an den tisch
auf den freien stuhl,
aß und trank,
rauchte und hörte zu.
dann ging er
und schloß die tür."

salam yamen,
sei du herzlich willkommen in deutschland, im territorium der deutschen sprache – deiner eigentlichen gastgeberin. ich heiße dich willkommen, weil ich länger als du auf eine rückkehr warte – auch als flüchtling, seit beinah 50 jahren. du wirst sehen, wie das land dich aufnimmt. mit so viel gastfreundschaft, wie es kann. und dieses potential hat sich seit meiner ankunft enorm erhöht. auch die sprache wird dich aufnehmen so gastlich wie sie kann. und auch der gast hat seine pflichten gegenüber dem land und seiner sprache.
salamat SAID

"Lieber SAID"

"Die Tür war geöffnet, einen Spalt breit,
ein Riss in der Wand.
Ich trat ein,
konnte den Rucksack nicht ablegen,
er war mit meinem Rücken verwachsen
wie ein siamesischer Zwilling.
Also legte ich meine Schultern ab,
damit sie sich ausruhten,
ließ sie auf dem Stuhl gegenüber Platz nehmen
und stellte ihnen Wein hin."

Lieber SAID,
vielen Dank für Deinen freundlichen Willkommensgruß. Es ist hart, dass wir beide keine Entscheidungsgewalt über unsere Rückkehr haben, auch keine darüber hatten, hierher zu kommen. Doch ich glaube, dass mir - in den zwei Jahren hier in Deutschland und davor in Istanbul – die Sprache, die Straßen und die Musik stets ein Trost waren. Sie machten mir den Zustand erträglicher, nicht selbst über meinen Aufenthaltsort bestimmen zu können.

Yamen Hussein aus Homs, Syrien

Yamen Hussein 2015 als "Writer in Exile" in seiner Wohnung in München

2014 begann Yamen Husseins Leben im Exil. Er musste aus Syrien fliehen, die syrische Geheimpolizei verfolgte den Journalisten, der Artikel gegen die staatlichen Restriktionen verfasste. Er flog von der Universität, begann zunächst unter  Pseudonym zu publizieren. Doch mit seiner Rolle als Gründungsmitglied des "Nabd Bündnis für die Jugend Syriens“, einer friedlichen Protestbewegung, verlor er seine Anonymität. Gesucht von der Geheimpolizei, gelang Yamen Hussein schließlich die Flucht über den Hermon, ein an seinen höchsten Stellen fast 3000 Meter hohes Gebirgsmassiv, in den Libanon.

Yamen Hussein im Englischen Garten, heute lebt er in Berlin

Über den Libanon kam Yamen Hussein dann in die Türkei. Nach Morddrohungen aus zwei Lagern, er hatte in seiner Heimat Artikel auch gegen die islamistische Gruppe Jeish Al Islam verfasst, wurde er nun auch von den religiösen Fanatikern verfolgt. Seit Dezember 2014 lebt Yamen Hussein nun in Deutschland, anfangs in München als Stipendiat des PEN-Programms "Writer-in-Exile, jetzt, auf sich gestellt, in Berlin. Seine Gedichte wurden ins Französische übersetzt und erschienen 2014 in der syrischen Lyrik-Anthologie "L’amour au temps de l’insurrection et de la guerre". Ein neuer Lyrikband mit dem Titel "Nachruf auf die Leere" erschien im Mai 2021 im Elif Verlag.

SAID aus Teheran, Iran "die sprache, die ich atme, ist deutsch"

Seit über 50 Jahren lebte der preisgekrönte iranische Dichter SAID im deutschen Exil: "wo ich sterbe, ist meine fremde" schrieb er 1987. 1965 kam er wegen eines Ingenieur-Studiums nach München. Sein politisches Engagement gegen die Schah-Diktatur machte ihm jedoch eine Rückkehr in den Iran unmöglich. Nach dem Sturz des Regimes kehrte er 1979 zurück nach Teheran, sah aber als Gegner der nun herrschenden Mullahs keine Möglichkeit zu einem Neuanfang in seinem Land. Schon nach wenigen Monaten kehrte er zurück nach Deutschland ins Exil. Seitdem lebt er in der Fremde, als Grenzgänger zwischen zwei Sprachen, ein Heimatloser, ein Schriftsteller, der am politischen Gedächtnis der Welt weiter schreibt, der brüchigen Haut der Seele, wie er selber sagte. Nicht Deutschland habe ihn aufgenommen, sondern die deutsche Sprache. Er schrieb Prosa, Märchen, Hörspiele, vor aber allem Lyrik, "denn Lyrik erzählt nicht, sie trifft".

Bereits mit seinem 1981 erschienenen ersten Gedichtband "liebesgedichte" erregte er großes Aufsehen. SAID hat seither viele Lyrikbände, Essays und Hörspiele geschrieben. Ein "deutscher" Lyriker, ein Vollblut-Poet, einer, der immer auch auf politischem Hintergrund seine Poeme und Betrachtungen malte. Vor allem mit seinem Poem "selbstbildnis für eine ferne mutter" wurde er 1992 einem größeren Publikum bekannt, sein intimstes, eindringlichstes und am meisten beachtetes Buch.

SAID, ein Pseudonym, auf Deutsch "Der Glückliche", wurde am 27. Mai 1947 in Teheran geboren. Sein Vater, ein strenger Offizier, war viel unterwegs, seine Mutter bei seiner Geburt gerade erst 14 Jahre alt, vom Vater bereits verstoßen. Er sieht sie zum ersten Mal mit 47 Jahren, zwei Fremde, die sich da gegenüber stehen.
Neben seiner schriftstellerischen Arbeit war SAID von 2000 bis 2002 als erster "Nicht-Deutscher" Präsident des PEN-Zentrums und 1995/96 war er Beauftragter des "Writers in Prison Committee". SAID erlag am 15. Mai 2021 im Alter von 73 Jahren einem Herzinfarkt.

"so lerne ich gast zu sein in den welten anderer menschen in niemandes welt"

Die Geschichte des PEN in Dokumenten und Bildern, erschienen im Elisabeth Sandmann Verlag

Vor 100 Jahren wurde in London der PEN Club von Catharine Amy Dawson Scott gegründet. 12 Jahre später erlangte er insbesondere für die deutschsprachigen Schriftsteller*innen eine hohe Bedeutung, darunter die von den Nazis verfolgten Ernst Toller oder Stefan Zweig. In exzellent recherchierten Texten wird nun erstmals die Geschichte des PEN Clubs und sein weltweiter Kampf um Meinungs- und Redefreiheit erzählt. Die Präsidentin des Deutschen PEN Regula Venske sieht den PEN als große Familie des Wortes. "Wir setzen uns für Meinungsfreiheit und für Frieden und Völkerverständigung ein. Aber dieser Begriff des Politischen, das hat sich ab 1933, als die Nazis an der Macht waren, schon geändert, da hat man ja schon gesehen, dass man sich äußern musste zu Bücherverbrennungen und anderem Unrecht. Wir sind natürlich schon eine politische Bewegung, aber nicht parteipolitisch, sondern in einem humanistischen humanitären Sinne politisch."

Seit seiner Gründung setzt sich der PEN für die Freiheit des Worts und für verfolgte Autorinnen und Journalisten weltweit ein, vor allem mit seinen Programmen "Writers in Prison" und "Writers in Exile".
Drei Dichter, drei Gäste des PEN im Gespräch und mit Gedichten in "radioTexte - Das offene Buch" am 10. Oktober um 12.30 Uhr auf Bayern 2.

Hier können Sie die Lesungen abonnieren.


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