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Schräge Unterkunft in Sarajewo Dem Krieg nachspüren im War Hostel

Von draußen hört man Schüsse, auf dem Boden liegen Matratzen, die Fenster sind verdunkelt. Doch das War Hostel in Sarajewo ist nicht die schlechteste Unterkunft der Welt. Ein junger Bosnier will hier die Kriegserfahrung seiner Familie weitergeben.

Von: Christoph Kersting

Stand: 23.11.2017

In Kriegsmontur begrüßt Arijan Kurbasic seine Gäste an der Tür des War Hostels. | Bild: picture alliance/PIXSEL

"Mein Name ist Zero One. Das war der Codename meines Vaters im Krieg, den er beim Funken benutzt hat. Den Namen trage ich ihm zu Ehren." Zero One heißt eigentlich Arijan Kurbasic. Er ist 26 Jahre alt und wohnt immer noch bei seinen Eltern. An diesem Morgen steht er in einem düsteren Raum im ersten Stock seines Elternhauses. Aus der Ferne sind Gewehrsalven und Bombeneinschläge zu hören, auf dem Boden liegen Schaumstoffmatratzen herum. An einer der Wände hängt ein großes Transparent: "Pazi Snajper" ist darauf in schwarzer Schrift geschrieben, eine Warnung vor den berüchtigten Heckenschützen.

"Welcome To Hell"

Reduziert - die Unterbringung im War Hostel

"Meine Familie und ich, wir sind  Kriegsüberlebende", erzählt Arijan. Als es nach dem Krieg in Bosnien keine Jobs gab, hat er angefangen, Touristengruppen durch Sarajevo zu führen - und festgestellt, dass ein großes Interesse am Krieg besteht. "Darum habe ich mich entschieden einen speziellen Ort zu schaffen, an dem die Leute etwas über den Krieg lernen können." Arijan trägt die Uniform eines UN-Blauhelm-Soldaten: Stahlhelm, kugelsichere Weste, Springerstiefel. In diesem Aufzug empfängt er seine Hostel-Gäste, die für die Übernachtung auf dem Boden mit verdunkelten Fenstern zwischen 10 und 15 Euro bezahlen.

Am 5.  April 1992 begann das Martyrium von Sarajevo, der heutigen Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Genau 1425 Tage wurde die Stadt in der Folge von der jugoslawischen Bundesarmee belagert – die längste Belagerung im 20 Jahrhundert überhaupt. Für die 400.000 Bewohner war es die Hölle: kaum Essen und Wasser, ohne Heizung und in ständiger Angst vor den berüchtigten Heckenschützen. Die Spuren des Krieges sind auch heute, über 20 Jahre nach Ende des Bosnienkrieges, noch überall sichtbar in Form von Einschusslöchern in vielen Häuserfassaden.

"Das ist kein Spiel"

Im Erdbunker

In der untersten Etage des War Hostels hat Arijan einen Erdbunker nachgebaut. Solche Schutzräume gab es zu Hunderten in den Hügeln rund um Sarajevo, und auch Arijans Vater hat die meiste Zeit des Krieges als Kämpfer gegen die Serben dort verbracht. Die Kriegsgeräusche die das War Hostel beschallen hat Arijan aus dem Internet, nachts regelt er sie runter. Alles andere - die Einschusslöcher, die Matratzen – hat er anhand von Fotos und Erinnerungen seiner Eltern so hergerichtet. Er selbst war erst vier Jahre alt, als die Belagerung von Sarajevo vorbei war.

Ein Hostel, in dem man den Krieg nachempfinden soll - das mag auf den ersten Blick bizarr wirken, vielleicht sogar pietätlos. Aber Arijan sieht das nicht so: "Falls Leute, denken: Das hier ist eine Touristenfalle, eine Art Disneyland, dann liegen sie völlig falsch." Auf der Website des Hostels äußern sich Besucher und Neugierige auch kritisch. Der Vorwurf: Da werde Krieg gespielt. Doch für Arijan und seine Familie ist das kein Spiel. "Meine Familie hat diesen Krieg real miterlebt. Der Krieg ist Teil unseres Lebens, und ich versuche diese Erfahrung in etwas Positives umzuwandeln."

Seine ersten Erinnerungen - an dem Krieg

Auch Arijan Kurbasic kämpft mit den Kriegsfolgen.

Arijan will aufrütteln, einen Lernort schaffen, betont er zurückhaltend mit leiser Stimme. Gleichzeitig hat er mit dem War Hostel einen Weg gefunden mit dem eigenen Kriegstrauma umzugehen. Sein Vater wurde im Krieg nicht ernsthaft verletzt, jedenfalls nicht offensichtlich. Die Verletzungen seien anderer Art, sagt Arijan, psychisch und später auch körperlich. "Es geht ihm oft nicht gut. Mir geht es oft nicht gut. Es gibt verschiedene Namen für diese psychischen Erkrankungen – wir nennen es einfach Kriegsfolgen." Und mit diesen Kriegsfolgen ist Arijan groß geworden. Seine erste bewusste Lebenserfahrung als Kind hatte immer mit Krieg zu tun. "Ich dachte, dass all die Kriegsgeräusche, wie wir hier gelebt haben in verdunkelten Zimmern, die ständige Angst vor Heckenschützen – dass all das die Normalität ist. Wenn ich diese Warnungen gehört habe: 'Sei vorsichtig, sonst kannst Du tot sein', dann dachte ich, das bedeutet so viel wie ein freundliches 'Hallo'.“

Über Politik will Arijan ganz bewusst nicht sprechen, sich nicht auf die Seite der Bosniaken schlagen – denn nur so, sagt er, sei heute ein Austausch möglich zwischen den verfeindeten Volksgruppen des Bosnien-Krieges. Tatsächlich haben auch schon Serben und Kroaten sein War Hostel besucht. Kürzlich waren Kroaten aus Dubrovnik seine Gäste. "Die haben mir gesagt: Endlich ist da jemand, mit dem wir unsere Erfahrungen teilen können, der mit uns spricht. Denn das geschieht bei uns immer noch viel zu wenig: Dass die Leute miteinander reden über das, was passiert ist."

"Nur so entsteht echter Frieden"

"Welcome To Sarajewo" - "Sniper Alley" - "Welcome To Hell"

Vor zwei Jahren hat Arijan das War Hostel mit seinen 17 Schlafplätzen eröffnet, und er ist zufrieden mit der Resonanz. In den Sommermonaten seien häufig zwei Drittel der Matratzenlager belegt. An diesem Tag sind vier Gäste im Hostel, für den Abend haben sich zwei weitere angekündigt. Auf einem Sofa im Aufenthaltsraum sitzt Sander. Er kommt aus Norwegen, ist 21 Jahre alt und hat eher zufällig den Weg ins War Hostel gefunden. Sander tourt gerade mit dem Rucksack durch Europa, vor zwei Tagen ist er aus Slowenien in Sarajevo angekommen und will bald weiter nach Mostar reisen. Er wisse nicht viel über den Krieg in Bosnien, aber er nehme viel mit von seinem Aufenthalt hier.

Neben Sander sitzt Anna Op Het Broek und nippt an einem Glas Tee. Anna ist 26, kommt aus den Niederlanden und schreibt gerade ihre Masterarbeit über Kriegstourismus. "Bücher lesen, Filme und Dokumentationen anschauen – das ist eine Sache. Aber hier habe ich vieles gelernt, was ich so noch nicht wusste." Anna war schon mehrmals in Sarajevo. Für sie ist das War Hostel ein intensiver, authentischer Ort und einzigartig in seinem Ansatz das Thema Krieg zu vermitteln. "Man kann hier so viel mitnehmen und lernen, wie man will. Das entscheidet jeder selbst. Und das finde ich großartig."

Jeder entscheidet, was er mitnimmt

Man muss sich einlassen auf Kriegsgeräusche, Einschusslöcher und wenig Tageslicht. Doch wer dazu bereit ist, der bekommt tatsächlich eine leise Vorstellung davon, wie es sich anfühlt in einem Haus zu leben, das umgeben ist von Krieg. Am Ende wird diese Erfahrung für uns Besucher natürlich immer beschränkt bleiben - auf ein oder zwei Übernachtungen im War Hostel. Doch für Arijan selbst, seine Familie und alle Überlebenden ist der Krieg etwas, das sie nicht mehr los werden. „Meine Mutter sagt immer: Im Krieg gibt es keine Gewinner. Auch die, die sich als Sieger sehen und damit Geschichte schreiben, haben Alpträume, wenn sie zu Hause in ihren Betten liegen und daran denken, dass sie getötet haben. Nein, da gibt es keine Gewinner.“

Alle Beiträge der Sendung "Orte mit dunkler Vergangenheit"

  • Spuren des Krieges: Eine Tour über die Golanhöhen. Von Maria Caroline Wölfle
  • Schräge Unterkunft in Sarajewo: Dem Kreig nachspüren im War Hostel. Von Christoph Kersting.
  • KGB-Zentrale in Riga: Wohnhaus mit Erschießungsraum. Von Felicia Englmann.

Alle Songs der Sendung

  • Habanot Nechama - So far (Lihiot)
  • Goran Bregovic feat. Asaf Avidan - Baila Laila

Moderation: Bärbel Wossagk

Die komplette Sendung ist im Download-Center nachzuhören.


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