Bayern 2 - Notizbuch


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Zeugnissprache Was heißt das eigentlich?

Beim ersten Lesen klingt die Beurteilung oft gar nicht so schlecht. Doch die Tücke steckt oft im Detail. Die folgende Übersetzungshilfe verrät Ihnen, was ein Zeugnis wirklich über Ihren Sprössling sagen will.

Stand: 19.07.2017

Jubelnde Schüler mit Zeugnissen | Bild: picture-alliance/dpa

Zeugnisse sind falsche Freunde. Auf den ersten Blick streicheln sie über den Kopf, beim zweiten Lesen treten sie den Beurteilten in den Hintern. Kleine Wörtchen reichen schon, den Musterknaben als Racker zu enttarnen und den Primus auf Mittelmaß herabzustufen.

Übersetzungshilfen fürs Grundschulzeugnis

Der offene, hilfsbereite Schüler hält sich an Zusagen, beachtet vereinbarte Regeln und hilft eigenverantwortlich Schwächeren. Im Unterricht hört er aufmerksam zu und meldet sich häufig, bisweilen auch unaufgefordert zu Wort.

Das heißt im Klartext: Das mit dem Sich-Melden hat nicht so gut geklappt. Der Schüler plappert einfach drauf los!

Es gelang ihr immer öfter ...

In Konfliktsituationen konnte sie sich meistens beherrschen und es gelang ihr immer öfter, angemessen zu reagieren und so Streitigkeiten zu vermeiden.

Was soll das jetzt heißen? Hatte sie große Probleme oder nur ab und zu Probleme? War es früher viel schlechter und ist angemessen schon gut?

So ein unkonkretes Sätzchen im Zeugnis will sagen, dass das Kind konkret Ärger macht. Sie hat sich oft mit anderen gestritten, sich aber bemüht - vielleicht, weil sie nicht noch mehr Ärger bekommen wollte. Das wäre auf der Bewertungsskala von A bis D ein C-Kommentar.

Und Vorsicht, wenn es Ihrem Sprössling dann noch nicht immer gelingt, Konflikte verbal zu lösen, wird es richtig ernst ...

"Meist" und "in der Regel"

Meist löste er die Rechnungen richtig.

Das heißt im Klartext: Er löste die Rechnungen also meist richtig - oft war das aber nicht! Wenn Lehrer "meist" oder "in der Regel" schreiben, heißt in der Zeugnissprache nur, dass es häufiger als 50 Prozent der Fall war. Das ist in Noten in etwa eine 3.

Strategien automatisiert anwenden

Sie zeigte ein sicheres Regelwissen und Wortbildgedächtnis, wandte Strategien verlässlich und automatisiert an.

Was genau bedeutet das nun? Wenn man sich vornimmt, auf ein Papier sechs Vierecke zu malen und das dann auch tut - hat man dann eine Strategie? Im Zeugnis sind damit Rechtschreib-Strategien gemeint, zum Beispiel das Verlängern. Strategien kann anwenden, wer beispielsweise weiß, dass man "Kinder" mit "d" schreibt (was man in der Plural-Verlängerung hört) und daraus richtigerweise folgert, dass man auch "Kind" mit "d" schreibt.

Es bleibt das Unverständnis

Auch Eltern müssen Strategien entwickeln, um die Beurteilungen richtig zu verstehen. Auf den zwei Zeugnisseiten jedenfalls stehen viele Bemerkungen, die den Klassenlehrern sehr viel Arbeit machen, den Eltern aber wenig weiterhelfen. Dabei ginge es doch auch simpler.

Kindermund:

"Fachbegriffe sind irgendwelche anderen Wörter für ganz einfache Wörter."

Also lieber salopp?

Und irgendwie, Philipp war nicht ganz flott bei der Sache, wenn's neue Arbeiten gab, sondern eher zögerlich und ein bisschen so, wie wenn man Kleber an den Füßen hätte.

Nein, so steht das nicht im Zeugnis! Hier lesen Sie:

Lern- und Arbeitsverhalten: Philipp zeigte vereinzelt Interesse, ging zögernd an neue Lernaufgaben heran und trug wenig durch Vorwissen und eigene Ideen bei.

Formulierungen wie diese haben übrigens ihr Gutes: Sie nehmen Rücksicht auf das zarte Kinder-Ego. Und die Eltern können weiter an ihr verhaltenskreatives Kind glauben...


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