Bayern 2 - Notizbuch


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Beispiel: neuer Nachbar Wenn das Selbstwertgefühl gestört wird

Wenn in die einigermaßen friedliche Nachbarschaft ein neuer Nachbar einzieht, der nicht dazu passt, kann es Ärger geben. Das liegt auch am eigenen Selbstwertgefühl.

Von: Sabine März-Lerch

Stand: 10.03.2019

Ein Mann in Gärtnerkluft sieht skeptisch zum Nachbarn durch die Hecke. | Bild: picture-alliance/dpa

Menschen mit geringem Selbstwertgefühl neigen dazu, sich bei Schwierigkeiten selber in Frage zu stellen, die Schuld bei sich zu suchen. Dann entstehen im Kopf Gedanken wie 'Na, toll, das war ja klar dass ich den schlimmsten Nachbarn bekomme'. Im Gegensatz zu Menschen mit sehr starkem oder gar übersteigertem Selbstwertgefühl.

"Wenn ich toll bin, kann's ja nicht an mir liegen"

. Prof. Reinhart Schüppel

Dann bekommt der neue Nachbar vielleicht gar keine faire Chance. Da passt wieder die Mitte: ein gesunder Selbstwert. Ein solcher Mensch hat die Fähigkeit, sich abzugrenzen und eigene Forderungen zu stellen. Ist aber souverän genug, auch die Bedürfnisse anderer zu sehen.

Strategie: Die Zugbrücke

"Ich vergleiche das gerne mit einer Burg mit Zugbrücke: Der Selbstbewusste macht einfach die Zugbrücke hoch und sagt, mir kommt keiner rein. Bei jemand mit unterentwickeltem Selbstwertgefühl kann man bei offener Zugbrücke einfach rein- und rausspazieren."

Prof. Reinhart Schüppel

Der Grund, warum sich diese Menschen überfordern, ist die Angst, abgelehnt zu werden - aus mangelndem Selbstwertgefühl. Der Einstieg in einen Teufelskreis, denn: In dem Maß, in dem ein "Nein" vermieden wird, sinkt der Respekt vor sich selbst und damit das Selbstwertgefühl. Auch bei einem Menschen mit geringem Selbstwert kann es lange gut gehen, z.B. von dem neuen Nachbarn mit dem übersteigerten Selbstwert "überfahren" zu werden, doch dann bringt vielleicht der berühmte Tropfen das Fass zum Überlaufen.

"Und dann passiert was ganz Faszinierendes, dann ist der Tag der Abrechnung. Jetzt kommt bei diesem Menschen jede Benachteiligung von Kindheit an hoch, auch alles was sie nicht so hingekriegt haben. Im ungünstigen Fall werden nun 'Kränkungen' in eine 'Krankheit' umgewandelt. Das ist ein relativ typischer Verlauf und die andern sagen sich, 'spinnt denn der -  es hat doch immer alles geklappt' und der Betroffene macht jetzt sozusagen eine Bilanz und dann kommt etwas Negatives raus."

Prof. Reinhart Schüppel

Mangelndes Selbstwertgefühl kann in die Sucht führen, in die Depression, in Burnout.

Die Konsequenz: Selbstwertgefühl und psychische Gesundheit

Ein Mensch mit mangelndem Selbstwertgefühl, der – eventuell angestachelt durch ein Gegenüber mit sehr hohem Selbstwertgefühl – zeigen will, was doch auch in ihm stecken könnte, läuft Gefahr, sich hoffnungslos zu überfordern, und seine psychische Gesundheit zu ruinieren. Umgekehrt schützt ein hohes Maß an Selbstwertschätzung Menschen vor solcher Verausgabung.

"Es schützt vor schädlichen Verhaltensweisen und davor, permanent alles existentiell in Frage zu stellen. Außerdem ist mit einem guten Selbstwertgefühl das Stresslevel besser."

Prof. Reinhart Schüppel

Ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein kann durchaus positiv sein – vorausgesetzt, es geht nicht auf Kosten anderer Menschen.

"Es gibt diejenigen, die 'zu viel davon' haben und damit gut umgehen. Ich würde mal sagen, wir verdanken viele Erfindungen der Menschheit und viele Erstbesteigungen hoher Berge Menschen, die sich eher zu viel zugetraut haben, die vielleicht auf den letzten Metern gedacht haben 'verdammt, das habe ich mir nicht so anstrengend vorgestellt' und trotzdem durchgehalten haben."

Prof. Reinhart Schüppel

Der Grenzbereich: gesunder Egoismus

Selbstbewusstsein,Selbstwertgefühl, gesunder Egoismus – die Begriffe überlagern sich.

"Ein gesunder Egoismus ist ja dazu da, dass ich meinen Platz im Leben aktiv gestalte, dagegen kann ja niemand was haben. Und im Kern ist es ja auch so, dass Menschen, die ein gutes Selbstwertgefühl haben, und das für sich und auch für andere einsetzen, in der Regel hohen Respekt genießen."

Prof. Reinhart Schüppel


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