Bayern 2 - Notizbuch


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Übertrittszeugnisse Tag der Auslese? Nein!

Übertrittszeugnisse in Bayern: Tag der Auslese? Nein! Zwar entscheiden die Noten in den drei Hauptfächern darüber, auf welche weiterführende Schule es geht. Doch auch jenseits des Gymnasiums gibt es viele Möglichkeiten.

Stand: 08.02.2021

Gestresster Schulljunge | Bild: colourbox.com

Der Notendurchschnitt in den Fächern Mathematik, Deutsch und Heimat- und Sachunterricht (HSU) entscheidet in Bayern, auf welche Schule ein Kind wechseln darf. Mit 2,33 gibt es grünes Licht fürs Gymnasium, mit 2,66 für die Realschule. Alle anderen besuchen ab der fünften Klasse die Mittelschule.

Wer den geforderten Schnitt knapp verfehlt hat, kann an einem Probeunterricht in der gewünschten Schule teilnehmen. Nach Angaben des Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) nehmen rund 6 Prozent der Grundschüler am Probeunterricht für die Realschule und etwa zwei Prozent am Probeunterricht für das Gymnasium. Etwa jeder dritte Probeschüler schafft es auf die Realschule und circa jeder zweite Probeschüler packt schafft den Sprung aufs Gymnasium. (Daten für den Übertritt zum Schuljahr 2017/18)

Soll der Elternwille zählen oder nicht?

Fakt ist, dass viele Viertklässler und ihre Eltern in Bayern durch den Notendruck extrem gestresst sind. Ein paar wenige Schulaufgaben bestimmen die berufliche Zukunft des Kindes - so sehen es viele Eltern. Hat der Schüler mal einen schlechten Tag, könnte dies das Aus für das Gymnasium bedeuten. Auch deswegen wünschen sich viele Eltern, dass der Elternwille über die weitere schulische Laufbahn des Kindes entscheiden soll. In der überwiegenden Zahl der Bundesländer wird das mittlerweile auch so umgesetzt. Bei der Entscheidung über die geeignete weiterführende Schulart werden die Eltern hier von den Grundschullehrkräften lediglich beraten.

Junge vor einer Tafel mit Verben | Bild: picture-alliance/dpa zum Video mit Informationen Campus Reportage Eine Chance für alle - das gegliederte Schulsystem

Das gegliederte Schulsystem wird häufig kritisiert, die Förderung schwacher Kinder, besonders auch solcher Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sei zu gering. Wie aber stellt sich das bayerische Schulsystem heute dar, welche Wege gibt es zur Hochschulreife? Was bedeutet das Schlagwort „Durchlässigkeit“ tatsächlich? [mehr]

Eine Reform der Übertrittsregularien in Bayern fordert, neben den Eltern, auch der Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV). Die Auswirkungen des Übertrittsdrucks (Auflösung von Freundschaften, Versagensängste, Lernhemmungen) auf die soziale und emotionale Stabilität, auf das Selbstwertgefühl und auf die Lernmotivation der Kinder seien dramatisch. Der enorm gestiegene Übertrittsdruck in der Grundschule verhindere in vielen Fällen kreatives, ergebnisoffenes Lernen. Persönlichkeitsbildung und die Entwicklung von Selbstvertrauen werden massiv beeinträchtigt, schreibt der BLLV zu den Folgen des frühen Übertritts nach der vierten Jahrgangsstufe.

Das bayerische Kultusministerium dagegen hält ausschlaggebende Noten im Übertrittszeugnis nach wie vor für gerechter und sinnvoller als den reinen Elternwillen. Zumal die erste Schulwahl nach der Grundschule im durchlässigen bayerischen Schulsystem keine abschließende Entscheidung über die schulische Laufbahn des Kindes bedeute.

Es gibt viele Wege zum Abitur

Immerhin: 20 Prozent der Fünftklässler, die es auf das Gymnasium schaffen, hält nicht bis zum Abitur durch (Stand: 2018), sondern setzt seine Schulkarriere in einer anderen Schulart fort. Das kann unter Umständen auch zu mehr Entspannung führen, wenn nämlich schlechte Noten nicht mehr auf der Tagesordnung stehen und die Freizeit nicht mehr durch Nachhilfestunden dominiert wird.

Elternwille hin oder her - um den Druck aus der Situation zu nehmen, sollte man sich klarmachen: Dem eigenen Kind steht alles offen, auch wenn es nicht auf das Gymnasium kommt. Sei es über Fachoberschule, Berufsoberschule, Abendgymnasium oder Telekolleg - das bayerische Bildungssystem bietet viele verschiedene Wege, um später mal studieren zu können.


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