Bayern 2 - Notizbuch


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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit Das Leben als Schauspieler

Schauspielerinnen und Schauspieler leiden besonders unter den Lockdowns in der Corona-Krise. Urlaubsgeld, Krankengeld, Ausfallhonorar – all das gibt es für die meist freien Schauspieler nicht. Viele mussten auf Kosten ihrer finanziellen Reserve leben, Arbeitslosengeld oder Corona-Hilfen beantragen. Laut bayerischem Wirtschaftsministerium wurden bis Mitte November rund 24 Millionen Euro Hilfsgelder an freie Schauspielerinnen und Schauspieler ausgezahlt. Trotz der Herausforderungen, die der Beruf Schauspieler mit sich bringt, ist und bleibt er ein Traumberuf für viele.

Published at: 24-11-2021

Ein hell erleuchteter, großer Saal in der Theaterakademie August Everding in München. Zehn angehende Schauspielerinnen und Schauspieler laufen strumpfsockert über den gepolsterten Boden. Stimme lockern, Kehlkopf senken, Körper aufwärmen.

Einer von ihnen ist Benedikt Kosian. Vier Jahre lang war das Gebäude hinter dem Prinzregententheater sein zweites Zuhause, hier hat er Schauspiel studiert. Jetzt steht der 28-Jährige kurz vor seinem Abschluss. Traurig?

"Boah, ganz ehrlich, ich lasse es nicht so ganz an mich ran und ich sag mal die Trauer, die da wahrscheinlich ist, die darf noch ein bisschen warten."

Benedikt Kosian, Schauspieler

Denn: die Abschlussfeier ist erst im Februar. Schauspielern, auf der Bühne stehen oder vor der Kamera, das ist der Traum vieler junger Menschen. Doch Wunsch und Wirklichkeit stimmen nicht für jeden in dieser Branche überein. Neben den schönen Momenten wie Theaterpremieren und roten Teppichen, bringt der Beruf auch Herausforderungen mit sich. Eine der ersten ist der Start der Karriere: Wie werde ich Schauspieler? Auch Benedikt hat früh mit dem Beruf geliebäugelt.

"Klar, man sieht irgendwie Serien, man sieht Theaterstücke und so weiter, und es ist interessant und ich hatte da Bock drauf. Aber ich wusste halt auch, da bewerben sich 600 bis tausend Leute, und die nehmen am Ende zehn bis 20 Leute und da habe ich zu mir gesagt: ‚Okay, das willst du nicht genug. Und Du bist auch nicht reif dafür."

Benedikt Kosian, Schauspieler

Berufswunsch Schauspieler entsteht oft sehr früh

Der Gedanke, Schauspieler zu werden, war gepflanzt, er keimte langsam, war aber noch nicht ausgereift. Also ging Benedikt nach dem Abitur nach Wien, studierte, machte den Bachelor in Kommunikation und Theaterwissenschaften – und nebenher spielte er einige Theater-Rollen.

"Es hat mich nicht losgelassen, das Thema. Und dann habe ich gesagt: ‚Okay, bevor ich jetzt mit 45 da sitze und mir denke Scheiße, hättest Du mal irgendwie, damals, wärst Du mal zum Vorsprechen gegangen‘. Und das wollte ich nicht und habe gesagt: ‚Ok, 24 und jetzt versuchst Dus."

Benedikt Kosian, Schauspieler

Er traut sich und spricht vor, an der Theaterakademie München, die er kennt seitdem er dort mit 15 Jahren ein Praktikum gemacht hat. Außerdem arbeitet sein Vater als Bühnenmeister am Prinzregententheater nebenan. Knapp 600 BewerberInnen – und Benedikt ist einer von zehn, der genommen wird.

"Dass es dann so gut laufen wird, damit habe ich nicht gerechnet."

Benedikt Kosian, Schauspieler

Intendant empfhielt: Bereits früh Schauspielerfahrungen sammeln

Wer Schauspieler werden möchte, sollte schon früh ins Theater gehen, auch selber in Jugendclubs schauspielern, empfiehlt Jochen Schölch, Leiter des Studiengangs Schauspiel an der Theaterakademie August Everding. Es gehe darum, schon als Kind oder Jugendlicher Spielerfahrung zu sammeln.

"Es dauert ein paar Jahre, bis das ganze System sich so umstellt, dass man sich daran gewöhnt, bei Verrichtungen und Tätigkeiten angeschaut zu werden, ohne dass das eine Verfremdung wird. Das ist ja eigentlich der Beruf. Und deswegen ist spielen und diese sich an die Situation gewöhnen, dabei angeschaut zu werden, ganz wichtig."

Jochen Schölch, Leiter des Studiengangs Schauspiel an der Theaterakademie August Everding

Jochen Schölch sieht Vorteile an einem Studium an einer staatlichen Hochschule: der Studiengang sei kostenlos und es gebe einen eins zu eins Unterricht. Pro Student ein Ausbilder. Am Ende: ein staatlicher Abschluss.

"Wir können es nicht garantieren, dass ein Jobangebot danach folgt. Aber die Wahrscheinlichkeit, wenn man an einer staatlichen Schule studiert hat, ist doch sehr hoch."

Jochen Schölch, Leiter des Studiengangs Schauspiel an der Theaterakademie August Everding

Denn die staatlichen Hochschulen und Theater sind bundesweit gut vernetzt. Alleine dadurch steige die Chance, nach dem Studium engagiert zu werden.

Friederike Sipp und Adrian Spielbauer sitzen einander gegenüber am Küchentisch und proben. Das Theaterstück "Eine Sommernacht" führen die zwei seit dem Jahr 2017 immer wieder gemeinsam auf. Jetzt steht ein Gastspiel in Landshut an und die zwei testen ihre Textsicherheit.

Auch Friederike Sipp wusste schon früh, dass sie einmal auf der Bühne stehen will, erzählt sie.

"Als ich ein kleines Kind war, ich war mir nicht ganz sicher, ob es denn Schauspielerin sein soll oder Sängerin. Und ich weiß noch irgendwann hatte ich mich dann in meinem Kopf umentschieden, Sängerin zu werde kurze Zeit, weil ich dachte, das wäre einfacher. Genau, also so viel dazu."

Friederike Sipp, Schauspielerin

Der berufliche Weg in die Schauspielerei, es gibt verschiedene Möglichkeiten: man versucht den Quereinstieg, bewirbt sich auf einer staatlichen Schauspielschule oder geht auf eine private. Das hat Friederike Sipp gemacht – und damit den Weg in ihren Traumberuf gefunden.

"Für mich bedeutet der ganz viel Freiheit, eine ständige Herausforderung, unter anderem auch Kreativität, natürlich und irgendwie, um es kurz zu fassen, irgendwie alles."

Friederike Sipp, Schauspielerin

Immer wieder in neue Rollen schlüpfen, auf der Bühne, vor der Kamera, vor dem Mikrofon als Synchronsprecherin – fast jeder Arbeitstag sieht anders aus.

"Der andere Alltag ist, ganz unromantisch Rechnungen sich mit der finanziellen Situation auseinanderzusetzen. Das ganze Kuddelmuddel, die dieser Beruf mit sich bringt. Da kommst du manchmal an Stellen, die dir keine Auskunft geben können, was dein spezieller Fall jetzt geradezu bedeuten hat, wie der zu vergüten ist. Und das ist teilweise ein bisschen kompliziert."

Friederike Sipp, Schauspielerin

Aktuell heißt es für die Münchnerin: Wiederaufnahmeprobe, organisatorische Absprachen mit ihrem Spielpartner, organisatorische Absprachen mit dem Theater.

"Der Alltag, wenn man zu tun hat, bedeutet ganz einfach ‚be prepared‘. Also: Mache deinen Text! Achte auf dich und deinen Körper! Ganz, ganz, ganz, ganz wichtig. Man muss funktionieren, einfach. Und wenn ich dann mich mit Freunden treffe, die den sibirischen Bluthusten mit sich bringen und einen einfach mal umarmen wollen, weil es für sie nicht so schlimm ist, ist das für mich ein riesen Drama zum Beispiel."

Friederike Sipp, Schauspielerin

Keine Absicherung im Krankheitsfall für freie Schauspieler

Fallen SchauspielerInnen aus, weil sie krank sind, eine Erkältung oder keine Stimme mehr haben, gibt es keine Lohnfortzahlung, kein Kranken- und kein Urlaubsgeld. Zumindest für die meisten nicht. Denn festangestellte Schauspielerinnen gab es in Bayern im Jahr 2019 nach Angaben des statistischen Landesamts lediglich 293. Wie viele Schauspielerinnen es überhaupt gibt, ist schwer zu beziffern. Der Berufstitel ist nicht geschützt. Neben den wenigen festangestellten Künstlern sind andere laut einer Untersuchung der Uni Münster aus dem Jahr 2011 zum Beispiel unständig beschäftigt, befristet beschäftigt oder selbstständig tätig.

Das bestätigt auch Irina Wanka, Vorsitzende des Interessenverbands Deutscher Schauspieler. Sie mahnt an, dass Gesellschaft und Politik den Wert von Schauspielerinnen nicht angemessen anerkennen.

"Schauspielerinnen haben eine wichtige Funktion als Vermittlerin und von Kunst. Sie interpretieren Werke der Film und Theaterkunst und erleichtern und ermöglichen dadurch vielen Menschen überhaupt erst den Zugang zu Kunst. Aber leider: Im Fokus steht – wie immer – viel zu oft der rote Teppich, also das inszenierte Drumherum."

Irina Wanka, Vorsitzende des Interessenverbands Deutscher Schauspieler

Seit Jahrzehnten setzt sich Irina Wanka für angemessene Gagen und soziale Absicherung von Schauspielerinnen ein. Eine Herausforderung des Berufs sei die unregelmäßige Beschäftigung vieler Künstler, sagt die Münchnerin.

"Und weil diese Beschäftigungen meist auch sehr schlecht bezahlt sind, ist es eben äußerst schwierig, die nicht zu vermeidenden Lücken zwischen den einzelnen Engagements finanziell zu überbrücken."

Irina Wanka, Vorsitzende des Interessenverbands Deutscher Schauspieler

Verband fordert faire Entlohnung und Sozialleistungen für Schauspieler

Heißt: SchauspielerInnen erhalten Geld für einen Drehtag oder einen Auftritt im Theater. Wenn sie nicht spielen oder drehen, gibt es auch keine Gage. Proben werden meist nicht vergütet, heißt es vom Verband. Außerdem fehle die soziale Absicherung. Wer nicht die Mindestzahl an Arbeitstagen im Monat oder Jahr arbeitet, ist nicht durchgehend kranken- und nicht arbeitslosenversichert, erklärt Irina Wanka.

"Das ist angesichts der Bedeutung, die der Arbeit der SchauspielerInnen zukommt, ein fortwährender Skandal."

Irina Wanka, Vorsitzende des Interessenverbands Deutscher Schauspieler

Das zuständige Bundesministerium für Arbeit und Soziales antwortet darauf auf BR-Nachfrage: Aktuell gebe es eine Sonderregelung der Arbeitslosenversicherung für unständig Beschäftigte, sie endet zum 31. Dezember 2022. Danach werde von der neuen Regierung zu entscheiden sein, wie die soziale Sicherung für freie Künstler weiter gestaltet werden soll.

Schauspieler haben keinen nine-to-five Job

Zurück zur Probe von Friederike Sipp und ihrem Bühnenpartner Adrian Spielbauer. Bei ihnen steigt die Vorfreude, ihr Gastauftritt steht an, erzählt Adrian Spielbauer.

"Das Schöne ist, dass dieses Stück irgendwie mit uns mitwächst und auch mittlerweile sich schon über die Jahre verändert hat, irgendwie Neues dazugekommen ist, vielleicht Altes wieder rausgenommen wird."

Adrian Spielbauer, Schauspieler

Selbst wenn sie seit Jahren mit diesem Stück auftreten, langweilig wird es nicht, sagt er. Er schätzt an seinem Beruf vor allem:

"Ich liebe es irgendwie projektbezogen zu arbeiten und mich dann in irgendeinem Projekt voll und ganz reinzustürzen. Und dann meinetwegen beim Theater, fünf, sechs Wochen Proben und dann die Vorstellungen zu spielen. Und da kann ich dann voll und ganz aufgehen."

Adrian Spielbauer, Schauspieler

Für beide ist es aktuell eine Zeit, in der sie wissen, was ihre Aufgaben sind – den nächsten Auftritt in Sicht. Das ist allerdings nicht immer so, erzählt Friederike Sipp.

"Einfach auch mal die Füße still halten zu können und auch mal abzuwarten, die Geduld mitzubringen. Ja, man muss da einfach auch sich klar sein, dass es einfach auch mal Flautezeiten gibt und daran nicht zu verzweifeln, sondern zu sagen: ‚Jetzt erst recht!‘ Einfach das Ganze umdrehen und nicht zu etwas Negativem machen, sondern in sich zu vertrauen und seinem Talent zu vertrauen."

Friederike Sipp, Schauspielerin

Vor zwei Jahren ist Friederike Sipp Mutter geworden. Einen Monat nach der Geburt ihres Sohnes stand sie bereits wieder vor der Kamera. Beruf und Familie als Schauspielerin – eine Herausforderung, sagt sie.

"Es bedarf gutes Zeitmanagement und eine gute Organisation. Also, ich hab, das muss ich aber auch sagen, ein gutes Rudel hinter mir, dass mir den Rücken stärkt und deckt."

Friederike Sipp, Schauspielerin

Ein bitterer Beigeschmack bleibt. Die Film- und Synchronbranche würde mit Müttern anders umgehen, sie weniger häufig anfragen und buchen, erzählt die Münchnerin.

"Das finde ich wahnsinnig traurig und schade und ich finde, da muss ganz, ganz viel passieren. So fühlt man sich als Frau in der Branche noch schneller ersetzbar, als man es ja eh schon ist. Und es muss das Recht geben, dass du Mama sein darfst oder wirst ohne, dass dir die Pistole auf die Brust gesetzt wird. Denn man kriegt das schon hin."

Friederike Sipp, Schauspielerin

Man müsse den Frauen nur eine Chance dazu geben.

Beruf Schauspieler im Wandel

Zurück in der Theaterakademie. Benedikt Kosian und seine Kommilitonen proben für ihren Abschlussfilm. Der ist nicht nur für sie, er dient auch als Bewerbungsunterlage – für mögliche Engagements nach dem Studium. Eine Vorbereitung auf das Berufsleben, erklärt Jochen Schölch, Leiter des Studiengangs Schauspiel an der Theaterakademie.

"Der Beruf hat sich total verwandelt. Also, wir sind eigentlich eine Theaterschule, aber inzwischen auch eine Filmschule und eine Synchron-Schule und eine Overvoice, Radio et cetera. Das heißt, wir machen ganz konkrete Kurse, an denen am Ende auch Material rauskommt."

Jochen Schölch, Leiter des Studiengangs Schauspiel an der Theaterakademie

Film, Fernsehen, Theater – das waren nach einer Untersuchung der Uni Münster aus dem Jahr 2011 die Bereiche, in denen Schauspielerinnen und Schauspieler am häufigsten arbeiten. Viele synchronisieren außerdem Filme, sprechen im Radio oder drehen Werbefilme. Damit die Absolventinnen der Theaterakademie München in diesen Bereichen vielleicht engagiert werden, seien die Arbeitsproben unerlässlich, erklärt Jochen Schölch. Was dann noch dazu komme: lernen mit Absagen umzugehen.

"Es sind einfach sehr viele Menschen, die auf in diesen Beruf wollen, jedes Jahr und es ist natürlich nicht gesetzt, dass man einen Job bekommt oder auch nicht vielleicht den, den man gerne möchte. Also, Frustration auszuhalten, da zeigt sich dann, wie berufstauglich man ist, weil der Beruf ist immer wieder begleitet von Frustration. Man bekommt nicht die Rolle, die man gerne spielen möchte, sondern der Kollege bekommt die Rolle und damit muss man umgehen. Heißt aber auch, man muss die Rolle so gut spielen, dass man beim nächsten Mal die bekommt usw. Und das ist im Moment die Hauptaufgabe." Jochen Schölch, Leiter des Studiengangs Schauspiel an der Theaterakademie

Faire Arbeitsbedingungen für Schauspieler einfordern

Nach dem Abschlussfilm hat Benedikt Kosian keine Kurse mehr an der Uni. Trotzdem steht einiges für ihn an: weiter als Bühnentechniker arbeiten, wie er es im Studium getan hat, um Geld zu verdienen, zu Vorsprechen gehen, Sport machen, Freunde treffen. Denn was der Beruf Schauspieler auch mit sich bringt: Auftritte sind immer abends und oft am Wochenende. Arbeiten, wenn andere Freizeit haben und Freizeit haben, wenn andere arbeiten – das würde Benedikt gerne versuchen in Zukunft zu ändern.

"Das sind Dinge, die weiß man vorher. Und dennoch sind es Dinge, abgesehen der Vorstellungen, die nicht in Stein gemeißelt sein müssen. Es gibt andere Modelle, wo andere Probenzeiten angesetzt werden, wo man sagen kann: ‚Cool, ich kann mich abends noch mit meinen Freunden treffen."

Benedikt Kosian, Schauspieler

Sein Plan nach dem Studium ist, zu schauspielern – im Film und auf der Bühne – und im Kulturmanagement zu arbeiten, erzählt Benedikt. Dafür will er weiter studieren und am Ende versuchen, die Arbeitsbedingungen für Schauspielerinnen sozialer zu gestalten.

"Es muss sich meiner Meinung nach etwas verändern. Also, wir haben zu Recht einen tollen Theaterstandort Deutschland. Aber es kann nicht angehen, dass dann Leute für den Mindestlohn arbeiten zu Arbeitszeiten, die sowieso schon schwierig sind und darüber hinaus keinen Ausgleich kriegen für Feiertagszuschläge und so weiter. Auch da ist sehr viel Aufholpotenzial noch vorhanden, würde ich sagen."

Benedikt Kosian, Schauspieler

Dann heißt es für Benedikt Kosian: Konzentration. Der Abschlussfilm steht an. Zusammen mit seinen neun Kommilitoninnen steht er auf der Bühne, der Raum ist mit schweren schwarzen Vorhängen verdunkelt. Ein letztes Mal auftreten als Schauspielstudent – bevor es auf geht in den Beruf.


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