Bayern 2 - Notizbuch


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Christoph Then, Testbiotech Gentechnik durch die Hintertür?

Der Gentechnik-Industrie ist es in den letzten Jahren gelungen, eine Vielzahl neuer Methoden zu entwickeln, um direkt in das Erbgut von Tieren und Pflanzen einzugreifen. Jetzt ist ein Streit darüber entbrannt, ob diese neuartigen Methoden als Gentechnik bezeichnet werden oder nicht. Falls nein, müssten entsprechend veränderte Produkte nicht gekennzeichnet werden. Ist das Gentechnik durch die Hintertür? Das Notizbuch spricht mit Christoph Then über diese Frage.

Stand: 05.11.2015

Mikrofon im Hörfunkstudio | Bild: picture-alliance/dpa

Notizbuch: Bevor wir über diese neuen Methoden sprechen - wie funktioniert denn Gentechnik normalerweise, also in der klassischen Weise?

Christoph Then: Also "normalerweise" hat man Gene isoliert, meinetwegen aus Bakterien, und die dann ins Erbgut von Pflanzen eingebracht. Und dabei hat man also transgene Organismen geschaffen. Das heißt, man hat über die Artgrenzen hinweg DNA übertragen - Gene übertragen - und hat auch den Ort, wo diese Gene eingebaut werden, nicht kontrollieren können. Das war ein 'Schrotschuss-Verfahren'. Und das war ein wesentlicher Kritikpunkt bisher an der Agrogentechnik, dass die Technologie nicht weit genug entwickelt ist und dass sie auch gar nicht präzise genug ist, um diese Nebenwirkungen im Erbgut dann vorhersagen zu können.

Was machen die Gen- und Biotechniker mit den neuen Verfahren jetzt anders?

Die sind schon genauer. Man kann also jetzt mit verschiedenen Verfahren den Ort im Erbgut relativ präzise bestimmen, wo man hin will. Funktioniert wohl bei allen Organismen quer durch die lebendige Welt. Also Pflanzen, Tiere, Mikroorganismen; auch am Menschen hat man das schon erprobt. Man kann also im Erbgut eine bestimmte Stelle aufsuchen und dort Veränderungen vornehmen. Und man muss auch nicht mehr Gene isolieren vorher aus irgendwelchen anderen Organismen, sondern man synthetisiert die DNA - die Erbsubstanz - im Labor und kann sie dann mit Hilfe dieser neuen Verfahren an der Stelle einbauen, wo man das für richtig hält, wo man hin möchte. Und dabei ist auch sozusagen keine Grenze mehr gesetzt. Man muss sich nicht mehr an dem natürlichen Erbgut orientieren. Man kann auch Variationen vornehmen, Veränderungen, Manipulationen, die so in der Natur gar nicht vorkommen.

Zur Person

Christoph Then ist promovierter Tierarzt und beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit aktuellen Fragen der Gen- und Biotechnologie. Er leitete früher den Bereich Gentechnik und Landwirtschaft bei Greenpeace und gründete 2009 den Verein "Testbiotech - Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie". Der Verein fördert vor allem unabhängige Studien im Bereich Bio-Technologie.

Angeblich sind diese Eingriffe ja auch so präzise, dass sie sich nicht von natürlichen Mutationen unterscheiden würden. Ist das also gewissermaßen Tier- und Pflanzenzucht wie immer, dass man da irgendwas kreuzt, nur dass sie nicht Jahrzehnte braucht, sondern dass das in Turbogeschwindigkeit abläuft?

Also einige der Verfahren sind so angelegt, dass man kleine Veränderungen im Erbgut auslöst. Und im Ergebnis kann das ähnlich eben sein wie eine Mutation, die auch natürlicherweise auftritt. Ob man das dann unterscheiden kann oder nicht, ist eine Frage eben, wie genau man hinguckt. Man müsste sehen, welche ungewollten Veränderungen hat man? Man weiß, dass diese neuen Verfahren auch dazu führen, dass eben ungewollte Veränderungen im Erbgut auftreten. Was das dann für Risiken bedeutet, muss man eben erst herausfinden. Und insgesamt haben wir einfach nicht genug Erfahrung mit diesen Verfahren. Die sind deutlich unterschiedlich, diese Verfahren, von den Verfahren der Züchtung bisher. Das sind ganz klar Gentechnik-Verfahren, mit denen gezielt eben ins Erbgut eingegriffen wird. Und wir brauchen viel mehr Daten, viel mehr Erfahrungen und auch viel mehr Untersuchungen eben, um herauszufinden, ob das auch gefährlicher ist als bisherige Züchtung oder als bisherige Gentechnik oder weniger gefährlich.

Sind denn solche Veränderungen, von denen Sie gesprochen haben, rückholbar?

Das kommt eben darauf an, wie man das macht. Im Moment wird diskutiert, die Pflanzen ohne Kennzeichnung in die Umwelt zu bringen, anzubauen. Dann hat man es tatsächlich sehr schwer, diese Pflanzen zu identifizieren, weil man gar nicht weiß, wonach man suchen sollen. Und wenn man das bei Raps macht, was geplant ist, dann kann man es auch nicht mehr zurückholen. Weil Raps eben, da fliegt der Pollen sehr weit. Raps selber kann hier überwintern, kann selber zum Unkraut werden, und Raps hat auch verwandte Wildkräuter. Das heißt, es kann auch direkt in die natürlichen Populationen reingehen, und rückholbar ist es dann eben nicht mehr.

Sie haben jetzt gerade den Raps angesprochen. Es gibt einen konkreten Fall schon. Da hat das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit der amerikanischen Biotech-Firma Cibus bescheinigt, dass ihr Produkt, ein Raps eben, nicht unter das jetzige Gentechnik-Recht fällt. Das heißt eben in der Konsequenz: keine Kennzeichnung, kein Abstandsgebot zu anderen Nachbarflächen beim Anbau. Ist Gentechnik also gewissermaßen Definitionssache?

Ja, es gibt hier Versuche eben, Gentechnik auch umzudefinieren. Die Firma Cibus wirbt auf ihrer Homepage damit, dass ihr Raps eben nicht gentechnisch verändert ist. Es ist also ein Verkaufsargument zu sagen: 'Wir können euch ein Saatgut anbieten, das zwar so ähnlich ist wie Gentechnik, aber nicht als Gentechnik deklariert werden muss. Es muss auch nicht auf Risiken geprüft werden. Es wird nicht erfasst.' Damit wirbt diese Firma. Es sind also wirtschaftliche Motive. Und man versucht die Gentechnik-Regulierung in der EU umzudefinieren, was an der Stelle aber eigentlich rechtlich nicht möglich ist, weil dort ganz klar gesagt wird: Nur die Verfahren, die vor der Einführung der Gentechnik schon etabliert waren, mit denen man Erfahrungen hatte, die gelten als ungefährlich, die müssen nicht reguliert werden. Alle neuen Verfahren sind aber als Gentechnik-Verfahren anzusehen und müssen erst geprüft werden. Die Pflanzen müssen erfasst werden. Es muss eine Risikoprüfung geben und damit auch eine Kennzeichnung dieser Pflanzen. Und da sind die Rechtsbestimmungen eigentlich sehr eindeutig. Es gibt inzwischen mehrere Rechtsgutachten, die das ganz klar herausstellen. Und auf der anderen Seite eben wirtschaftliche Motive zu sagen: 'Das wird uns alles zu teuer, wir wollen ohne Kennzeichnung auf den Markt gehen', die von der Industrie kommen. Und da muss man ganz klar sagen, Vorfahrt haben die rechtlichen Vorschriften und natürlich Schutz von Umwelt und Verbrauchern. Und diese wirtschaftlichen Interessen, die muss man eben zurückstellen.

Die Rechtsgrundlage ist eindeutig. Die Gutachten, die erstellt worden sind, sind auch eindeutig. Wie erklären Sie sich dann die Haltung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit?

Ja, da kann man nur sagen, das BVL (Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit) hat sich ja nicht an den Gesetzen orientiert, sondern hat ad hoc entschieden, hat Kriterien herangezogen, die rechtlich nicht relevant sind. Man hat gesagt, ja im Endergebnis sieht es so ähnlich aus wie Mutation. Das ist in Europa aber nicht die Grundlage, sondern in Europa kommt es darauf an, welche Verfahren eingesetzt werden und welche Nebenwirkungen mit den Verfahren verbunden sein können. Und die Frage wurde vom BVL eben zurückgestellt. Und das sind offensichtlich eben wirtschaftliche Interessen sehr gut platziert worden. Es gibt im Internet inzwischen einen Briefwechsel zwischen dem BVL und der Firma Cibus. Da sieht man, wie vertraulich die auch miteinander kommunizieren. Dass sie die Öffentlichkeit ausschließen wollten, kann man dort alles nachlesen. Und da kann man eben nur sagen, dass da offensichtlich eben diese Trennung zwischen Industrie-Interessen und der Aufgabe der Behörden nicht funktioniert hat. Uns hat die Industrie jetzt gesagt, ja man hat versucht, mal zu provozieren, um mal Klarheit in die Sache reinzubringen. Aber ganz klar: das BVL darf sich für so eine Provokation nicht hergeben. Das muss sich ganz klar an die rechtlichen Bestimmungen halten, und die sind hier offensichtlich nicht beachtet worden.

Das Ganze sieht so aus, als würden BVL und Konzerne da paktieren?

Es ist leider so, dass die Institute in Deutschland, die für Risikoabschätzung, Lebensmittelsicherheit zuständig sind, oft in den Verdacht geraten eben, dass sie zu industrienah sind. Und bei einigen Experten weiß man das auch, die kooperieren eng mit der Industrie, sind in entsprechenden Gremien drin. Und warum hier von Seiten der Regierung und des Bundestages nicht schärfer darauf geachtet wird, diese Trennung zwischen Industrie-Interessen und Behördenaufgaben zu wahren, das wissen wir auch nicht. Wir haben immer wieder darauf hingewiesen. Inzwischen ist es so offensichtlich, man muss das eigentlich gar nicht mehr im Einzelfall belegen. Diese Interessenkonflikte sind sehr klar belegbar. Die Frage ist nur, warum reagiert die Politik nicht?

Aber damit sind wir ja bei unserer Ausgangsfrage. Eben ist das Ganze Gentechnik durch die Hintertür?

Es ist der Versuch, die bestehenden Gesetze eben zu unterlaufen, und Gentechnik einzuführen, ohne große Debatte zu haben, weil man ja auch gar nicht mehr kennzeichnen kann. Man kann nicht mehr trennen, und niemand weiß, wo es ist. Der Landwirt wird nicht mehr gefragt, ob er es anbauen will oder nicht. Und auch in Lebensmitteln und Futtermitteln kann man die Pflanzen dann nicht mehr unterscheiden.

Man kann das Ganze ja auch interpretieren als Antwort der Konzerne auf die gentechnikfeindliche Haltung in Europa. 19 Staaten haben sich inzwischen entschieden, den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen zu verbieten. In Deutschland, da 'eiert' man noch rum. Ist das quasi die Antwort der Konzerne auf diese gentechnikfeindliche Haltung in Europa?

Ja, das kann man durchaus so sehen, dass man jetzt mit technischen Tricks versucht, diese ablehnende Haltung zu unterlaufen. Man wird hier in Europa nie mehr großflächigen Anbau von diesen gentechnisch veränderten Pflanzen haben, wie sie Monsanto entwickelt hat bisher, zum Beispiel Monsanto oder Pioneer. Das ist absehbar, dass das gescheitert ist. Und jetzt versucht man das eben aufzurollen das Feld mit einer neuen Technologie und zu sagen, das ist gar nicht Gentechnik, und damit auch diese Ablehnung bei Verbrauchern und Landwirten zu unterlaufen. Das ist aber, hoffentlich, zum Scheitern verurteilt. Die Europäische Kommission wird bis Ende des Jahres über diese Verfahren entscheiden. Wir hatten Gelegenheit, mit der Europäischen Kommission zu reden. Die Kommission hat ganz klar gesagt: 'Wir werden auf wirtschaftliche Argumente nicht hören. Wir werden uns nur an das halten, was in den Gesetzen steht.' Und damit ist es eigentlich klar, dass in Zukunft eben dieser Raps und ähnliche Pflanzen und auch Tiere als gentechnisch verändert gekennzeichnet werden müssen und auch entsprechend reguliert werden.

Aber trotzdem, weiter gedacht im Interesse der Lebensmittelindustrie. Was bedeutet das denn für den Verbraucher? Können wir uns künftig nicht mehr gegen diese Gentechnik wehren, weil wir ja gar nicht mehr erfahren, dass das eigentlich Gentechnik ist, wenn sie nicht gekennzeichnet wird?

Wenn die Kommission entscheiden würde, dass es nicht gekennzeichnet werden muss, dann kann nicht mal mehr der ökologische Landbau und der ökologische Lebensmittelhersteller sicher sein, dass diese Produkte nicht in ihre Produktionsschiene reinrutschen. Also es ist ganz essenziell, dass es da eine Kennzeichnung gibt, dass man trennen kann. Ansonsten [wird] die ganze Freiheit des Verbrauchers zu wählen, die Wahlmöglichkeit der Verbraucher, die Wahlfreiheit der Verbraucher wird hier unterlaufen.

Und wer blickt da noch überhaupt noch durch als Verbraucher bei diesem ganzen Streit?

Im Moment muss man sich nicht so große Sorgen machen. Die Pflanzen sind nicht auf dem Markt. Sie wären zwar fertig, sozusagen ready to go, aber die Pflanzen sind noch nicht hier. Die Europäische Kommission will bis Ende des Jahres entscheiden. Man kann nur hoffen, dass sie die gegenwärtigen Gentechnik-Gesetzgebung eben an der Stelle aufrechterhält und für eine klare Kennzeichnung sorgt.

Die neuen Verfahren in der Lebensmittelindustrie. Gentechnik oder nicht? Ein Notizbuch-Gespräch mit Christoph Then vom Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie.

Vielen Dank für das Gespräch.


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