Bayern 2 - Notizbuch


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Resistenzen auf dem Acker Wenn die chemische Keule nicht mehr hilft

Gegen den Rapsglanzkäfer helfen schon heute viele Insektizide nicht mehr, und der Ackerfuchsschwanz ist in immer mehr Regionen immun gegen viele Herbizide. Hinter dem Insekt und der Pflanze steckt stellvertretend eines der größten Probleme der Landwirtschaft: Resistenzen. Unkräuter oder Schädlinge, die immun werden gegen das, was der Bauer Giftiges auf den Acker spritzt, um sie zu bekämpfen. Auf Dauer sind ganze Ernten in Gefahr

Von: Tobias Chmura und Chris Köhler, Landwirtschaft und Umwelt

Stand: 23.05.2017

Der nur zwei Millimeter große Rapsglanzkäfer, ist hierzulande resistent geworden, also immun gegen die chemische Wirkstoffklasse der Pyrethroide. Zu seiner Bekämpfung gibt es nur noch zwei bis drei Mittel, die aber wegen der schlechteren Umweltverträglichkeit nur einmal pro Jahr eingesetzt werden dürfen. Und der Raps ist nicht die einzige Kultur, die den Bauern Sorgen macht. Auch beim Getreide gibt es Probleme mit Resistenzen. Gegen Unkräuter und Ungräser wie Windhalm oder Ackerfuchsschwanz gibt es nur noch ein einziges Mittel.

Sind bald ganze Ernten in Gefahr?

Survival of the fittest

Survival of the fittest bedeutet im Sinne der Darwin’schen Evolutionstheorie das Überleben der am besten angepassten Individuen.

Auch auf Bayerns Feldern ist der schleichenden Prozess zunehmender Resistenzen zu beobachten, der das System der modernen Landwirtschaft irgendwann auf den Kopf stellen könnte. Dass Resistenzen überhaupt entstehen, ist mit der Evolution zu erklären. Denn in der Regel gibt es bei jedem Schädling oder Unkraut einige Exemplare, die auf natürliche Weise resistent sind gegen den speziellen Wirkstoff, der auf den Acker gespritzt wird. Während die Artgenossen sterben, überleben sie und können sich fortpflanzen. Irgendwann sind nur noch resistente Individuen übrig und das Pflanzenschutzmittel hat seine Wirkungskraft verloren, die Pflanze zu schützen.

Hausgemachte Resistenzen durch übermäßigen Pestizid-Einsatz

Udo Heimbach auf der DLG-Wintertagung: Dass Landwirte oft zu viel spritzen, hängt seiner Meinung nach auch mit einer falschen Beratung zusammen.

Das Damokles-Schwert der Resistenzen hängt permanent über dem chemischen Pflanzenschutz. Es ist zwar nicht so, dass chemischer Pflanzenschutz Resistenzen produziert, aber er selektiert sie. Das heißt: Jeder Einsatz eines Pflanzenschutzmittels ist ein kleiner Schritt bei dieser Selektion. Wie schnell diese Entwicklung geht, hängt vom Schaderreger ab, vom Pflanzenschutzmittel und vor allen Dingen von der Einsatzhäufigkeit, also wie oft ein Mittel gespritzt wird. Die Einsatzhäufigkeit hängt davon ab, wie viele Schädlinge sich auf dem Acker finden. Doch oftmals ist dieser Einsatz übermäßig. Das beschleunigt die Resistenzbildungen von Schädlingen und schadet nebenbei der Umwelt. Prof. Udo Heimbach, Direktor des Instituts für Pflanzenschutz in Ackerbau und Grünland vom Julius Kühn-Institut, JKI, in Braunschweig schätzt, dass jeder zweite Einsatz der Pestizide zu früh erfolgt und damit verzichtbar wäre.

Vielfältige Fruchtfolgen versus Wirtschaftlichkeit

Gefundenes Fressen für den Rapsglanzkäfer: Bei der engeren Fruchtfolge werden die gleichen Feldfrüchte immer häufiger hintereinander angebaut.

Beispiel Rapsglanzkäfer: Je mehr Raps angebaut wird und je öfter in den Jahren darauf an den gleichen Stellen Raps wächst, desto besser kann sich der Rapsglanzkäfer satt fressen und vermehren. Im Umkehrschluss bedeutet das: Mit einer breiteren Fruchtfolge könnte man es dem Käfer deutlich schwerer machen, weil er nicht mehr Nahrung im Überfluss findet. Doch was nützen einem Bauern viele verschiedene Feldfrüchte, wenn er sie nicht oder nur zu einem schlechteren Preis verkaufen kann? Also gibt es - in Bayern, in Deutschland, in Europa - immer engere Fruchtfolgen für den größtmöglichen Profit.

Kann die Chemie-Industrie nicht neue Wirkstoffe erfinden, gegen die es noch keine Resistenzen gibt?

Im Prinzip ja, aber die Entwicklung neuer Produkte ist zum einen teuer, zum anderen wird die Zulassung neuer Mittel in der EU immer schwieriger. Denn Pflanzenschutzmittel sind Gifte, die oft nicht nur den Schädlingen schaden, sondern auch anderen Tieren und Pflanzen oder sogar dem Menschen. Schon heute gelten in der EU immer mehr Pflanzenschutzmittel als umweltschädlich. Von 289 Wirkstoffen, die es in der EU jemals gab, steht nur noch gut ein Drittel zur Verfügung.

"Beispielsweise bei der Unkrautbekämpfung, im Herbizideinsatz, warten wir dringend auf einen neuen Wirkmechanismus, ein Herbizid oder Herbizidwirkstoffe, die komplett anders arbeiten als die, die wir bisher haben. Wir haben seit 30 Jahren weltweit keinen neuen mehr gefunden! Also die Forschung ist da anscheinend ein Stück weit an ihren Grenzen!"

Klaus Gehring, Agrarwissenschaftler, Institut für Pflanzenschutz an der bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft

Kann man auch auf die Chemie-Keule verzichten?

Beim Hacken und Striegeln wird Unkraut ohne chemische Spritzmittel, sondern mechanisch bekämpft.

Bio-Landwirte dürfen die chemisch-synthetischen Spritzmittel nicht einsetzen. Sie setzen deshalb von Haus aus auf breite Fruchtfolgen. Außerdem wird Unkraut mechanisch bekämpft. Das heißt mit dem Traktor werden sogenannte Striegel- oder Hackgeräte über den Acker gezogen. Die zerstören die Unkrautpflänzchen zwischen den Kulturreihen. Nicht zu häufig eingesetzt kann auch das Pflügen gegen resitente Unkräuter wirken. Doch diese Arbeiten kosten Zeit und damit Geld. Auch das Anlegen von Pufferstreifen ist teuer, denn auf diesen Flächen kann der Bauer keinen Ertrag mehr einfahren. Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig empfiehlt aber solche Randstreifen, z.B. entlang von Bächen. Sie puffern nicht nur den Eintrag von Spritzmitteln in die Gewässer ab, sondern sorgen auch für Vielfalt in der Landwirtschaft. Und das heißt auch, dass dort nicht-resistente Unkräuter überdauern und so dazu beitragen, dass sich die resistenten Artgenossen nicht vollkommen ungehindert ausbreiten können. Alle diese Maßnahmen kosten Geld und der Landwirt kann sie nur ergreifen, wenn er den Aufwand dafür bezahlt bekommt - entweder über bessere Preise für seine Produkte oder staatliche Fördermittel. Doch das ist nach wie vor nicht der Fall.

Resistente Pflanzen mit Hilfe von Genome Editing?

Kein Tabu mehr: Urs Niggli, Direktor des Schweizer Forschungsinstituts für den ökologischen Landbau, befürwortet Genome Editing.

Resistenzen in der Landwirtschaft waren auch auf der diesjährigen DLG-Wintertagung in Hannover ein großes Thema. Klassische ackerbauliche Prinzipien in der Fruchtfolgegestaltung, der Bodenbearbeitung sowie der Aussaattechnik und den Aussaatzeiten müssen nach Ansicht vieler Experten wieder stärker gute landwirtschaftliche Praxis werden. Gefordert werden breitere Fruchtfolgen auf den Feldern, selbst wenn sich damit kurzfristig weniger Geld verdienen lasse. Auch bei der mechanischen Schädlingsbekämpfung gibt es dem Vernehmen nach vielversprechende Forschungsprojekte. Aber auch über den Einsatz von "Genome Editing", einer neuen Form der Gentechnik, wird offen nachgedacht. Mit ihrer Hilfe könnten Pflanzen zum Beispiel so gezüchtet werden, dass sie resistent sind gegen einen Schädling.


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