Bayern 2 - Notizbuch


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Tabuthema Reizblase "Raus aus der Peinlichkeitsschublade"

Dauernd Druck auf der Blase, alle zwanzig Minuten auf die Toilette nur für ein paar Tröpfchen: Für Birgit Bulla Alltag, denn sie leidet an einer sogenannten Reizblase. Von der Angst nicht rechtzeitig eine Toilette zu finden und Botox als Hilfe für eine überaktive Blase.

Von: Katrin Nöbauer

Stand: 19.08.2020

Autorin Birgit Bulla | Bild: Carl Hanser Verlag / Katja Brömer

Mit 27 Jahren hat es bei Birgit Bulla angefangen: Auf einmal musste sie aus dem Nichts heraus andauernd pinkeln – und zwar direkt in dem Moment, als der Harndrang eingesetzt hat. Die Diagnose beim Urologen: Reizblase. Wobei Birgit Bulla das nicht wirklich als Diagnose sieht: "Sobald keine Diagnose gestellt wird, ist das halt einfach – so salopp gesagt - eine Reizblase", sagt die 35-jährige Münchnerin. Inzwischen lebt sie schon seit acht Jahren damit und beschreibt ihre Situation so: 

"Wenn du viel getrunken hast und super dringend aufs Klo musst, aber du kannst halt ganz lange nicht gehen, weil du ein Meeting hast, oder weil die Toilette besetzt ist oder so, dann merkt man doch schon so dieses: Oh Gott ich muss so dringend, ich pinkel mir gleich in die Hose oder die Blase platzt. Und so ist das halt bei mir, obwohl die Blase noch gar nicht voll ist. Also es ist wirklich so, ich hab das Gefühl, als ob ich den ganzen Tag noch nicht pinkeln gewesen bin, so ist der Druck. Wenn ich dann aber auf Toilette gehe, dann kommt halt ein ganz kleines Rinnsal, weil die Blase halt nicht voll war."

Birgit Bulla

Ursache ihrer Reizblase ist unklar

Woher ihre Reizblase so plötzlich gekommen ist, weiß niemand so genau. Obwohl sie deshalb schon bei sämtlichen Ärzten war – vom Urologen bis hin zur Osteopathin. Ihre persönliche Theorie: Ein gebrochenes Steißbein als Kind, das noch immer die Nervenbahnen stört – im MRT ist das aber nicht sichtbar. Schmerzhaft ist die Reizblase für Birgit nicht, aber lange Zeit trotzdem sehr einschränkend: "Es gab Zeiten, wo ich das Haus nicht mehr verlassen habe, weil ich Angst hatte, keine Toilette zu finden", erinnert Birgit Bulla sich. 

Persönliche Techniken gegen den Harndrang

Über die Jahre hat sie sich Techniken angewöhnt, um den plötzlichen Harndrang zu unterdrücken. Dazu gehören zum Beispiel Hinknien oder -setzen, um Druck von der Blase zu nehmen – im Zweifel auch mit der Ausrede: "Mein Schuh war offen." Außerdem hat Birgit Bulla schon verschiedene Behandlungsmethoden ausprobiert -  von Akupunktur bis hin zu Medikamenten. Aktuell hilft ihr vor allem eine Sache, die viele wahrscheinlich eher in der plastischen Chirurgie vermuten würden: Botox.

Botox-Spritzen gegen einen zu aktiven Blasenmuskel

Mindestens einmal jährlich lässt Birgit Bulla sich unter Vollnarkose Botox in den Blasenmuskel spritzen und ihn dadurch "ein bisschen lahmlegen." Dadurch kann sie wieder ein normales Leben führen, eine Dauerlösung ist das für sie aber nicht. Denn Botox bekämpft nur die Symptome, nicht aber die Ursache der Reizblase. Die möchte Birgit Bulla noch immer herausfinden: "Ich kann das nicht hinnehmen, weil dadurch schon so ne Lebensqualität dahingeht."

Birgits Wunsch: Offener über die Blase sprechen

Bei der Suche nach dem Ursprung ihrer Reizblase hat Birgit sich schon sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Deshalb hat sie auch angefangen, einen Blog darüber zu schreiben: Auf Pinkelbelle.de berichtet sie von ihren eigenen Erfahrungen und ihren Recherchen zum Thema Reizblase. Und beantwortet Anfragen von Frauen, denen es ähnlich geht: "Daran merke ich ja schon, dass das ein wahnsinnig wichtiges Thema ist, das aus dieser Peinlichkeitsschublade – oder auch Apotheken-Umschau-Schublade raus muss, weil das nicht nur alte Menschen, sondern auch junge haben", meint die 35-jährige. Sie findet, dass über die Blase als "Nachbarin der Gebärmutter" generell viel zu wenig gesprochen wird. Deshalb hat sich auch ein Buch geschrieben, das am 21. September beim Hanser Literaturverlag erscheint: „Noch ganz dicht? Alles Wissenswerte über die Blase."


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