Bayern 2 - Notizbuch


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Enterben geht oft nicht Der Pflichtteil als Trost für Angehörige

"Du bist enterbt!" - bei ernstem Streit in der Familie kann dieser Satz fallen. Doch so leicht geht das nicht, denn die nächsten Angehörigen haben zumindest Anspruch auf den Pflichtteil.

Von: Christine Bergmann (mit Informationen des Forums für Erbrecht e.V.)

Stand: 04.11.2016

Pflichtteil: Ein Füller liegt auf einem Blatt Papier mit Siegel, auf dem eine Hand mit 100-Euro-Scheinen gezeichnet ist | Bild: colourbox.com; Montage: BR

"Du bist enterbt!" Im Streit ist das leicht gesagt, aber selbst wenn jemand bitter enttäuscht wurde - ganz können die nächsten Angehörigen nicht enterbt werden. Sie haben grundsätzlich Anspruch auf den sogenannten Pflichtteil.

Wer hat einen Anspruch?

  • Ehepartner
  • Eingetragener Lebenspartner
  • Alle Kinder, auch nichteheliche und adoptierte

Sollte es weder Partner noch Kinder geben, dann haben noch Enkel und die Eltern des Verstorbenen einen Anspruch auf den Pflichtteil.

Höhe und Art des Pflichtteils

Höhe des Pflichtteils

Der Pflichtteil ist immer die Hälfte des gesetzlichen Erbteils.

Beispiel:

Frau Müller hinterlässt eine Tochter und einen Sohn. Im Testament hat sie ihr gesamtes Vermögen von 200.000 Euro ihrer Tochter vermacht, ihr Sohn soll leer ausgehen.

Ohne Testament würden beide Kinder jeweils die Hälfte erben, also je 100.000 Euro. Der Sohn kann seinen Pflichtteil beanspruchen.

Das ist der gesetzliche Erbteil : 2

also 100.000 Euro : 2 = 50.000 Euro.

Geld oder Sachwerte?

Wer auf den Pflichtteil gesetzt wird, ist genau genommen kein Erbe. Er wird mit Geld abgefunden und hat keinen Anspruch auf Vermögensgegenstände, also das Auto oder die antike Truhe. Die zählen allerdings zum Nachlasswert, an dem sich der Pflichtanteil bemisst.

So wird der Nachlasswert errechnet:

Vermögen
- Schulden
- Kosten für Beerdigung und Grabpflege
+ Wert von Vermögensgegenständen

= Nachlasswert

Was passiert mit Erbstücken?

Auch Sachwerte fließen in den Pflichtteil ein.

Sollte der Verstorbene in seinem Testament Vermächtnisse verfügt haben, müssen die zum Nachlass dazugezählt werden. Ein Beispiel: Frau Müller hat im Testament ihrer besten Freundin den antiken Sekretär vermacht. Das restliche Vermögen von 200.000 Euro soll ihre Tochter erben, der Sohn nichts. Der Sekretär wird mit einem Wert von 5.000 Euro angesetzt. Der Nachlasswert ist also 205.000 Euro. Nach den gesetzlichen Erbregeln würde der Sohn 102.500 Euro erben, sein Pflichtteil ist die Hälfte davon - also 51.250 Euro. Seine Schwester muss ihm diesen Betrag auszahlen.

Enterben durch die Hintertür

Trick 1 - "Sich arm schenken"

Frau Müller hat sich mit ihren Kindern vollkommen verkracht. Sie will ihr Vermögen ihrer besten Freundin vererben. Nun weiß sie, dass ihre Kinder einen Anspruch auf den Pflichtanteil haben. Damit der möglichst klein ist, verschenkt sie einen Großteil ihrer Habe schon vor ihrem Tod. Doch so leicht geht das nicht! Geschenke werden auf den Nachlass angerechnet. Jedenfalls dann, wenn sie in den 10 Jahren vor dem Tod gemacht wurden.

Beispiel:

Schenkt Frau Müller ihrer Freundin ein Jahr vor ihrem Tod 100.000 Euro, dann gehören - nach dem neuen Erbrecht seit 1.1.2010 - 90.000 Euro davon zum Nachlass. Stirbt sie erst 5 Jahre nach der Schenkung, werden 50.000 Euro veranschlagt, für jedes Jahr 1/10 weniger.

Nach 10 Jahren haben die Kinder keinen Anspruch mehr auf die Schenkung.

Trick 2 - Ungleich geteilt

Ihr Vater ist gestorben und hat Ihnen eine kleine Eigentumswohnung vererbt, Ihrem Bruder aber die Villa und das Bargeld. Sie sind nicht enterbt, Ihr Anteil ist aber deutlich geringer als der Ihres Bruders. Das müssen Sie so nicht akzeptieren.

Beispiel:

Der Wert des Nachlasses beträgt insgesamt 3 Millionen Euro. 2 Millionen für die Villa, 500.000 Euro Bargeld und 500.000 Euro für die Eigentumswohnung.

Ihr gesetzlicher Erbteil wäre: 3 Millionen : 2 = 1,5 Millionen. Davon wiederum die Hälfte ergibt ihren Pflichtteil von 750.000 Euro.

Die Eigentumswohnung ist aber nur 500.000 Euro wert. Sie können von Ihrem Bruder die restlichen 250.000 Euro einfordern.

Darf's ein bisschen weniger sein?

Für Ehe- oder eingetragene Lebenspartner, die in einer Zugewinngemeinschaft leben, kann es in manchen Fällen günstiger sein, das Erbe auszuschlagen und den Pflichtteil zu verlangen. Das hängt mit den Regelungen zum Zugewinnausgleich im Todesfall zusammen:

Ist der Ehegatte gesetzlicher Erbe, wird der Zugewinnausgleich pauschal vorgenommen. Sein Erbanteil setzt sich dann folgendermaßen zusammen:

gesetzlicher Erbteil (ein Viertel des Vermögens)

plus pauschalierter Zugewinn (ein Viertel des Vermögens).

Übersteigt der tatsächliche Zugewinnausgleich den pauschalen Zugewinnausgleich, sollte der Ehegatte den gesetzlichen Erbteil ausschlagen und sich stattdessen mit dem sog. kleinen Pflichtteil (ein Achtel des Vermögens) zufriedengeben und zusätzlich den tatsächlichen Zugewinnausgleich zu verlangen.

Urteil des Bundesgerichtshofs: Pflichterben profitieren stärker von Lebensversicherungen

Die Bundesrichter in Karlsruhe haben die Rechte von Pflichtteilsberechtigten gestärkt: Sie werden in Zukunft stärker von Lebensversicherungen profitieren als bisher. Ausschlaggebend für die Berechnung des Pflichtteils sei der Wert der Anlage unmittelbar vor dem Tod, das ist in aller Regel der Rückkaufswert. Bislang zogen viele Richter bei der Berechnung etwaiger Ansprüche die Summe der gezahlten Prämien als Grundlage heran. Vor allem für Pflicht-Erben bedeutet das, dass sie meist mit höheren Zahlungen als bisher rechnen können. Das Urteil betrifft besonders enterbte Hinterbliebene, zum Beispiel, wenn ein Elternteil erneut geheiratet und den Lebenspartner zum neuen Nutznießer der Lebensversicherung bestimmt hat.


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