Bayern 2 - Notizbuch


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Kritik an der Lehrerausbildung Ist die Multimedia-Show wichtiger als das Lernziel?

Das Referendariat soll angehende Lehrer nach dem Studium auf ihren Beruf vorbereiten. Doch viele junge Lehrer sind während dieser praktischen Ausbildung überlastet. Laut einer Studie gelten etwa 25 Prozent aller Referendare als burn-out-gefährdet. Wie sieht die Lehrer-Ausbildung heute genau aus und was wird von Referendaren verlangt?

Stand: 10.07.2017

Symbolbild: Eine junge Lehrerin stützt verzweifelt ihren Kopf in die Hände | Bild: picture-alliance/dpa/chromorange

Carmen ist Realschullehrerin für die Fächer Mathe und Musik in München. Die 29-Jährige möchte anonym bleiben und damit sichergehen, dass ihre Kritik am Referendariat keine beruflichen Folgen für sie haben wird. Heute liebt sie ihren Beruf: Sie ist motiviert und selbstbewusst, arbeitet gerne mit Schülern. Doch im Referendariat sah das ganz anders aus: In dieser Zeit zweifelte Carmen, ob der Lehrerberuf für sie das Richtige ist. Sie fühlte sich chronisch überlastet, weil von ihr verlangt wurde, wahre Zauberstunden abzuliefern.

"Es hieß immer, das Referendariat muss ganz furchtbar sein. Ich habe immer gedacht, die übertreiben alle. Aber hätte mir vorher jemand gesagt, was ich in den zwei Jahren einstecken muss, dann weiß ich nicht, ob ich das wirklich geschafft hätte. Das würde ich kein zweites Mal machen."

Carmen, Lehrerin aus München

Lehrerausbildung: Sechs Stunden Vorbereitung für eine Stunde Unterricht

Bringen Multi-Media-Shows Schüler wirklich dazu, sich mehr am Unterricht zu beteiligen?

Um eine Schulstunde vorzubereiten, saß Carmen bis zu sechs Stunden am Schreibtisch. Denn Unterricht von heute soll kreativ sein, Frontalunterricht war gestern. Heute soll der Schüler - zumindest in der Theorie der modernen Didaktik - in seiner Lebenswelt abgeholt, motiviert und miteingebunden werden. Der Lehrer soll mit verschiedenen Methoden und Medien Impulse setzen. In Carmens Alltag übersetzt hieß das: Kreuzworträtsel entwerfen. Um Wissen am Ende einer Mathestunde abzuprüfen, Hörspiele für den Musikunterricht schreiben, von Freunden einsprechen lassen und selber schneiden, um Wissen einfach mal auf eine andere Art zu vermitteln. Für ihre Lehrprobe bastelte sie 30 E-Bässe aus Tonpapier, der Anschaulichkeit halber.

"Ich bin in meiner Lehrprobe gestanden und habe mich währenddessen gefragt: Was mache ich hier eigentlich? Ist das alles sinnvoll und wie nah ist das noch am Schüler? Man lernt viele kreative Impulse. Das ist schon schön, so eine Stunde zu konzipieren und verschiedene Möglichkeiten zu haben, wie kann ich die Stunde aufziehen. Aber das ist mit einem sehr großen Zeitaufwand verbunden, der von der Realität sehr weit weg ist."

Realschul-Referendarin für Deutsch und Musik

Lehrerausbildung: Druck im Referendariat ist keine Ausnahme

Birgit Dittmer-Glaubig | Bild: BR /Markus Konvalin zum Audio Birgit Dittmer-Glaubig vom BLLV Was sich in der Lehrerausbildung ändern muss

Es muss nicht so extrem stressig sein im Referendariat, sagt Birgit Dittmer-Glaubig vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband, kurz BLLV. Alle - auch die bewertenden Lehrerkollegen - müssten nur ihre Erwartungen herunter schrauben. Das wäre auch zugunsten des Lernerfolgs für die Schüler. [mehr]

Nachmittags sitzen Referendare in Fachsitzungen, halten Referate und führen Elterngespräche. Und bei alldem werden sie ständig beobachtet und begutachtet. Von der Beurteilung hängt natürlich auch ab, ob sie später eine Anstellung bekommen. Ein Druck, der Carmen das Leben schwer gemacht hatte. Ist sie ein Einzelfall? Nein, denn im Zuge der Recherche sind binnen kürzester Zeit ein Dutzend überlastete Referendare bereit, ihre Geschichte zu erzählen - alle anonymisiert, aus Angst, sich die Zukunft zu verbauen.

Bernd Sibler, Staatssekretär im Bayerischen Kultusministerium war selbst Lehrer, bevor er ans Ministerium wechselte. Er erinnert sich, dass das Referendariat sehr anstrengend war. Doch wer bis in die Nacht an der Stundenvorbereitung sitzt, geht die Sache falsch an und müsste geschützt werden, findet er. Dafür gibt es Seminarlehrer. Sie kümmern sich um die Referendare, sitzen im Unterricht und bewerten die Stunden. Vom Kultusministerium gilt laut Sibler die Ansage für Seminarlehrer: Nicht unterschwellig das Gefühl zu erzeugen, der Referendar müsse in eine Materialschlacht ziehen. Beate Wolfsteiner ist Seminarlehrerin am Regensburger Albertus-Magnus-Gymnasium. Sie unterrichtet die Fächer Deutsch, Französisch und Spanisch. Eine Materialschlacht verlange sie nicht. Doch die allgemeinen Anforderungen seien einfach hoch.

"Klar ist die Belastung viel größer, weil man sich erstmal alles erarbeiten muss. Ich glaube, vier bis sechs Stunden ist noch relativ niedrig gegriffen. Ganze Nächte werden dafür aufgewendet. Aber ich glaube, es ist relativ schwierig, diese Belastungssituation zu ändern. Ich denke, man muss das als Lehrzeit hinnehmen, das rausholen, was geht - ohne sich kaputt zu machen dabei. Das ist natürlich auch ein Test, wie viel man aushalten kann. Und man muss sagen: In zwei Jahren sieht das Ganze anders aus."

Beate Wolfsteiner, Seminarlehrerin am Regensburger Albertus-Magnus-Gymnasium


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