Bayern 2 - Notizbuch


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Die doppelte Krise Junge Erwachsene mit Krebs

Der erste Job, die Familiengründung, die eigene Wohnung: Als junger Erwachsener wird man selbstständig, unabhängig. Wer in dieser Zeit die Diagnose Krebs erhält, wird aus einer Lebensphase der Unabhängigkeit und Freiheit gerissen.

Stand: 12.06.2017

15.000 Menschen deutschlandweit trifft das, denn so viele Menschen zwischen 15 und 39 Jahren erkranken in Deutschland jährlich an Krebs. Zwar werden durchschnittlich vier von fünf Patienten in dieser Altersgruppe geheilt. Viele müssen aber ihre Ausbildung oder das Studium unter- oder abbrechen, können nicht mehr arbeiten, müssen lernen, dass die vermeintlich besten Freunde plötzlich nicht mehr für einen da sind, oder können keine Kinder mehr bekommen.

Junge Menschen und Krebs - geht nicht zusammen?

Als "doppelte Krise" bezeichnen Experten eine Krebserkrankung bei jungen Erwachsenen. Zum einen werden Menschen aus einer Lebensphase gerissen, in der sie gerade sexuell und beruflich unabhängig werden – und zum anderen geht es plötzlich um die Frage des Überlebens.

"Das ist besonders schwer zu ertragen, da es in der Gesellschaft die Haltung gibt, junge Menschen seien unkaputtbar."

Sabine Hellmann, Psychoonkologin

Weil die Krebstherapie anstrengend ist und an den Kräften zehrt, stellen sich junge Erwachsene auch oft die Frage, ob sie dafür wieder zu ihren Eltern zurückziehen.

"Ich bin für die Therapie zurück zu meinen Eltern gezogen. Dann wieder zurück war schon komisch, ich habe mich gefühlt wie ein Teenager."

Tiona, 32 Jahre

"Ich würde nicht sagen, dass da eine Abhängigkeit von meinen Eltern da war, aber es ist eine Rückkehr zu einer Phase wie als Teenager: Zurück von einmal die Woche anrufen bei Mama, zu jedem Tag Besuch im Krankenhaus von der Mutter. Das hat etwas Gutes, wenn man sich wieder mehr mit Familie auseinandersetzt, man kommt sich dadurch näher, wird aber tatsächlich etwas unselbstständiger dadurch."

Tim, 28 Jahre

Oft kann auch das direkte soziale Umfeld der jungen Krebspatienten nicht mit der Diagnose umgehen, so die Erfahrungswerte von Professor Diana Lüftner von der Charité Berlin. Sehr häufig gebe es "eigenartige Reaktionen", dass beispielsweise von Bekannten oder Verwandten geraten wird, die Therapie zu unterbrechen. Mangelndes Wissen, mangelndes Verständnis, wie man mit einem Menschen umgeht, der in jungen Jahren die Diagnose Krebs bekommt, seien oft die Gründe für dieses Verhalten, aber auch Ängste.

"Junge Krebspatienten suchen den Halt bei denjenigen, bei denen sie am meisten Nähe empfinden, und das sind die Gleichaltrigen, die sie dann auffangen - besonders hilfreich ist der Kontakt zu anderen jungen Erwachsenen mit Krebs."

Professor Diana Lüftner, Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs

Notfallkarte für Erst-Betroffene: Checkliste nach der Diagnose

Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs

Für junge Patienten sind noch nicht so viele Routinen und Ressourcen in der Krebsmedizin aufgebaut wie für ältere Patienten. Das versucht die Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs zu verändern. Außerdem möchte sie Informations- und Anlaufstelle für alle Betroffenen und ihre Familien sein.

Junge Betroffene haben andere Bedürfnisse als ältere Krebspatienten, so die Auffassung von Professor Diana Lüftner, Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Mediznische Onkologie e. V. (DGHO). Daher gründetet die DGHO auch die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs, um zu verhindern, dass diese Patienten nicht durchs Raster fallen und mehr Aufmerksamkeit und Beistand bekommen.

Die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs hat auch eine so genannte "Notfallkarte" herausgebracht, eine Checkliste für Betroffene, die sich zum ersten Mal mit der Diagnose Krebs auseinandersetzen müssen. Die "Notfallkarte" soll die Situation für die Familien erleichtern. Auf ihr stehen alle relevanten Aspekte wie Fertilitätsberatung, soziale Hilfen, Ansprechpartner in Stadt und Land.

Die Individualität wird genommen

Dr. Selim Corbacioglu, der Leiter der Abteilung Kinderhämatologie und -onkologie am Uniklinikum Regensburg, meint:

"Junge Erwachsene mit Krebs passen weder in die Pädiatrie noch in die klassische Erwachsenen-Onkologie. Sie sind beispielsweise sowohl in einem Zimmer zusammen mit einem fünfjährigen Krebspatienten falsch aufgehoben, als auch mit einem 70-Jährigen."

Dr. Selim Corbacioglu, Universitätsklinikum Regensburg

Wer mit 18 an Krebs erkrankt, benimmt sich laut Corbacioglu oft wieder wie ein 13- oder 14-Jähriger, will aber auf jeden Fall als Erwachsener wahrgenommen werden.

"Es kann beispielsweise passieren, dass ein 20-Jähriger eine Therapie nicht durchziehen möchte, weil ihm die Haare ausfallen. Junge Erwachsene brauchen auch von der pflegerischen Seite eine ganz andere Zuwendung."

Dr. Selim Corbacioglu, Universitätsklinikum Regensburg

Deshalb müsste es eine Adoleszenten-Onkologie geben, in der Kinderärzte und Internisten zusammen arbeiten und alle Altersgruppen gemeinsam betreuen.

Dass junge Erwachsene vor ganz individuellen Problemen bei einer Krebserkrankung stehen, habe die Forschung zu lange missachtet, findet Dr. Corbacioglu: Denn die Individualität wird einem jungen Erwachsenen mit Krebs komplett genommen.

"Plötzlich sagen ihm fremde Menschen, einschließlich der Eltern: 'Du darfst das nicht. Nicht in die Disko, darfst dich nicht schminken, dich nicht piercen, kein Tattoo, darfst ungewaschene Erdbeeren nicht essen. Du musst Medikamente nehmen...' Die Individualität und Selbstständigkeit, die das Leben junger Menschen eigentlich ausmacht, wird eingeschränkt. Das ist vom Umfeld her eine riesige Belastung für die Patienten."

Dr. Selim Corbacioglu, Universitätsklinikum Regensburg

Finanzielle Engpässe gerade bei jungen Patienten

Auch wenn der Schock über die Diagnose groß ist, schaffen es die meisten jungen Krebspatienten wieder zurück in die Ausbildung oder in die Erwerbstätigkeit. Die Frage sei nur, in welcher Zeit und in welchen Beruf, so Professor Diana Lüftner, Vorstandsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Mediznische Onkologie e. V. (DGHO) - und ob sie mit mehr Unterstützung nicht größere Ziele ereicht hätten.

Deutsche Krebshilfe als Zwischenlösung

Die jungen Patienten haben ja nicht keine Sozialabgaben eingezahlt und dadurch wenig Ansprüche. Dann muss meistens die Familie einspringen. Die Deutsche Krebshilfe oder die Landeskrebshilfen sind häufig eine finanzielle Zwischenlösung, bis die Patienten selbst Geld verdienen können.


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