Bayern 2 - Notizbuch


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Die HPV-Impfung Kampf gegen Gebärmutterhalskrebs

Seit zehn Jahren sind Impfstoffe gegen die sogenannten Humanen Papillom Viren auf dem Markt. Diese Viren verursachen Zellveränderungen am Gebärmutterhals: Vorstufen des Gebärmutterhalskrebses (Cervixkarzinom). Die Ständige Impfkommission (StiKo) empfiehlt die Impfung bei jungen Mädchen, Kritiker üben Zurückhaltung.

Von: Sabine März-Lerch

Stand: 24.04.2016

HPV-Impfung bei einem jungen Mädchen | Bild: picture-alliance/dpa

Das HP-Virus wird beim intimen Kontakt übertragen. 80 bis 90 Prozent aller sexuell aktiven Menschen stecken sich einmal im Leben, meist unbemerkt, mit dem humanen Papillomavirus an. In mehr als 90 Prozent der Fälle klingt diese Infektion nach 13 Monaten ab. Bei wenigen Frauen lösen die Viren allerdings eine lang anhaltende Entzündung aus, die mit der Veränderung von Zellen einhergehen kann. Diese Zellveränderungen gelten als Krebs-Vorstufen und können sich in wenigen Fällen zum Gebärmutterhalskrebs, dem Cervix-Karzinom, entwickeln.

Gebärmutterhalskrebs durch HP-Virus

Doch nicht immer entwickeln sich diese Zellen zu Krebszellen - in etwa 30 bis 40 Prozent der Fälle verschwinden sie von selbst wieder. Risikofaktoren wie Rauchen oder langfristige Pilleneinnahme verhindern eine solche spontane Selbstheilung. Und in nur 12 bis 15 Prozent entwickeln sie sich wirklich zu einem Gebärmutterhalskrebs, und das über einen Zeitraum von bis zu 15 Jahre. Laut Prof. Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg erkranken von 1000 Frauen 10 im Laufe ihres Lebens an Gebärmutterhalskrebs, 3 werden daran sterben. Im Vergleich: 30 dieser Frauen sterben an Darmkrebs und 40 an Brustkrebs. Gebärmutterhalskrebs  ist selten: Von allen Frauen, die überhaupt an Krebs erkranken, erkranken 3 Prozent an Gebärmutterhalskrebs.

"Wir können von einer Infektionsrate junger Frauen von 80 Prozent und mehr ausgehen - die meisten Infektionen aber verschwinden von alleine: Nur 0,1 Prozent dieser Frauen sind nicht in der Lage, mit ihrem Immunsystem die Viren zu bekämpfen."

Helga Schwarz, beratende Ärztin bei Pro Familia

HPV-Impfung gibt es seit 2006

Was sind HP-Viren?

Es gibt über 100 verschiedene HPV-Typen. Diese werden mit Zahlen benannt, zum Beispiel HPV 6 oder HPV 16. Bei HPV 6 und 11 können Feigwarzen (Genitalwarzen) entstehen - andere Typen, darunter HPV 16 und 18, führen in manchen Fällen zu Zellveränderungen am Muttermund (Läsionen).

Ende 2006 wurde der erste Impfstoff gegen Krebs zugelassen: Er wird gegen humane Papillomaviren (HPV) eingesetzt und soll Gebärmutterhalskrebs verhindern. Die Impfung wird generell Mädchen vor dem ersten Geschlechtsverkehr empfohlen. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten von rund 480 Euro gemäß den Impfempfehlungen der STIKO.

Humane Papillomaviren

Verbreitung

Papillomaviren treten weltweit in Erscheinung, müssen aber nicht zwangsläufig zu Krebs führen. Sie können auch eine chronische Infektion auslösen. Vorboten der Krebserkrankung sind häufig Genitalwarzen. Betroffen sind vor allem Frauen in Entwicklungsländern, da es dort häufig keine Vorsorgeuntersuchungen gibt. Weltweit sterben jährlich etwa 300.000 Frauen an Gebärmutterhalskrebs.

Ansteckung

Papillomaviren können Gebärmutterhalskrebs auslösen, gelten aber auch als tumorgefährdend für After, Penis, Mund und Rachen. Sie werden beim Geschlechtsverkehr übertragen. Gebärmutterhalskrebs ist nach Brustkrebs die zweithäufigste Krebserkrankung bei Frauen zwischen 15 und 44 Jahren. In Deutschland erkranken rund 6.250 Frauen pro Jahr und ca. 1.600 Männer an HPV-bedingten Karzinomen. Der größte Anteil dieser Tumoren entfällt bei den Frauen auf Gebärmutterhalskrebs mit jährlich rund 4.600 neuen Erkrankungen. Pro Jahr sterben 1.500 bis 1.600 Frauen daran.

Vollständiger Schutz?

Die neuen Impfstoffe wurden vier Jahre getestet. Ergebnis: Sie bieten annähernd 100 Prozent Schutz gegen die Krebs auslösenden HPV-Typen 16 und 18. Diese beiden Typen verursachen 70 Prozent aller Erkrankungen.

Impfplan

Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut empfiehlt eine generelle Impfung für alle Mädchen und seit 2018 auch für Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren. Die Impfung mit drei Dosen sollte vor dem ersten Geschlechtsverkehr abgeschlossen sein. Versäumte Impfungen sollten so früh wie möglich nachgeholt werden – dies kann bis zum Alter von 17 Jahren erfolgen. Voraussetzung ist allerdings, dass man sich noch nicht mit dem Virus angesteckt hat.

Verträglichkeit

Sind Impfreaktionen bekannt?

Seit Empfehlung der Impfung 2007 sind keine schweren unerwünschten Wirkungen gemeldet, die ursächlich in Zusammenhang mit der HPV-Impfung standen, heißt es auf den Onlineseiten des Robert-Koch-Instituts dazu. Immerhin liegen dafür Daten von insgesamt mehr als 270 Millionen verabreichten Impfdosen zugrunde (Stand: 2017).

Kosten


Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten von rund 480 Euro, aber in der Regel nur, wenn die betroffene Person nicht älter ist als 17 Jahre.

Was kann die HPV-Impfung?

Neuer Impfstoff

Am 25.04.2016 wird der neue Impfstoff Gardasil-9 freigegeben, der neun Pappilom-Virentypen bekämpft. Damit hat er eine breitere Wirkung als die bisher bekannten Impfstoffe.

Es gibt zwei Impfstoffe, die direkt gegen zwei der 15 HPV-Typen wirken, die Zellveränderungen verursachen - unter den Namen Gardasil und Cervarix auf dem Markt. In den ersten Jahren empfahl man Mädchen im Alter von zwölf bis 17 Jahren die Impfung. Seit 2014 rät die "Ständige Impfkomission" bereits Mädchen zwischen neun und 14 Jahren zu dieser Maßnahme. Da bereits beim ersten Geschlechtsverkehr HPV übertragen werden kann, sollte die Impfung bereits vor einem ersten sexuellen Kontakt erfolgen. Man geht von einer Wirkung über einen Zeitraum von sechs Jahren aus. Studien zeigen, dass die HPV-Impfung wirksam ist gegen die HPV-Stämme, gegen die geimpft wurde, also auf jeden Fall HPV 16 und 18. Bewiesen ist auch, dass die Impfung Krebsvorstufen am Muttermund verhindert und damit auch eventuell notwendige Eingriffe (Konisationen). Kritische Stimmen bezweifeln, dass man definitiv Aussagen darüber treffen kann, ob die Impfung die Zahl der Krebserkrankungen reduziert, dazu wären Langzeitstudien nötig.

Gibt es Nebenwirkungen?

Alle Impfungen können unerwünschte Nebenwirkungen wie allergische Reaktionen haben. So heißt es in der Informationsbroschüre Nationales Netzwerk Frauen und Gesundheit in Kooperation mit BarmerGEK: "Auch wenn der Impfstoff vor der Zulassung an 20.000 Frauen getestet worden ist, kann die langfristige Verträglichkeit noch nicht abschließend beurteilt werden. So wurden Nervenstörungen wie Schwindel, Kopfschmerzen und andere seltene neurologische Erkrankungen gemeldet."

Impfung auch für erwachsene Frauen?

Die aktuelle Impfquote liegt für 15-jährige Mädchen bei knapp 20 Prozent und für 17-jährige Mädchen bei 31 Prozent. Von einer "Durchimpfung" also, wie es der Fachjargon nennt, kann keine Rede sein. Und auch für Frauen im Alter von 24 bis 45 Jahren ist eine Impfung immer wieder beschrieben. Allerdings meldete der unabhängige Informationsdienst "Arzneimitteltelegramm", dass eine Untersuchung in dieser Altersgruppe keinen relevanten Nutzen erkennen ließ. In einer Studie war geprüft worden, ob und wie fortgeschrittene Zellveränderungen am Gebärmutterhals bei 27- bis 45-Jährigen durch eine Impfung verhindert werden können. Das Ergebnis: Placebos, also Impfstoffe ohne Wirkmittel, waren nicht weniger erfolgreich. In den USA übrigens lehnte die zuständige Gesundheitsbehörde aus diesem Grund bereits ab, Frauen bis zum Alter von 45 Jahren in die Impfung einzubeziehen.

Meinungen zur HPV-Impfung

Ziel der Impfung

„Das Ziel dieser Impfung ist nicht, bestimmte Zellveränderungen zu unterdrücken, das Ziel ist es, Krebs zu verhindern - und genau dazu können wir noch keine Aussage treffen“. Helga Schwarz, beratende Ärztin bei Pro Familia

Falsche Zielgruppe

„Wie sehen ja Krebserkrankungen hauptsächlich bei Menschen, die nicht zum Arzt gehen. Gehen die dann zur Impfung?" Dr. Maren Fiebig-Lohmer, Fachärztin für Gynäkologie

Alter erhöhen

„Die Future III-Studie ergab für 24- bis 45-jährige Frauen keine signifikanten Effekte auf höhergradige Zervixdysplasien (Zellveränderungen am Gebärmutterhals). Aufgrund dieser Daten lehnte die US-amerikanische FDA eine Ausdehnung der Indikation des Impfstoffes auf Frauen bis 45 Jahre ab.“ Prof. Dr. Ingrid Mühlhauser,  Gesundheitswissenschaftlerin an der Uni Hamburg

Andere Möglichkeiten

"Wenn ich Polio kriege, dann gibt es keine Hilfe. Bei der HPV-Infektion ist das nicht so, da kann ich behandeln und auch mit dem Pap-Test vorsorgen. Gebärmutterhalskrebs macht mir weniger Angst. Es ist einfach eine sehr persönliche Entscheidung, ob man sich impfen lässt oder nicht“ Dr. Maren Fiebig-Lohmer, Fachärztin für Gynäkologie


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