Bayern 2 - Notizbuch


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Gewalt an der Schule Lehrkräfte: bedroht, beleidigt, angegriffen

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) musste innerhalb der letzten 15 Jahre seine Rechtsabteilung erheblich ausweiten. Verbale Gewalt gegen Lehrkräfte kommt dort täglich auf den Tisch. Aber auch tätliche Angriffe haben zugenommen.

Stand: 11.10.2017

Gewalt gegen Lehrkräfte ist ein Tabuthema. Weder Betroffene, noch Schulleitungen wollen darüber reden. Das Kultusministerium äußert sich in Form von allgemeinen Floskeln:

"Psychische und physische Gewalt gegen Lehrkräfte wie auch gegen Schülerinnen und Schüler an der Schule, sei es durch wen auch immer – ist nicht zu dulden. Auch die immer weiter verbreitete psychische Gewalt durch Cybermobbing kann nicht hingenommen werden."

Bayerisches Kultusministerium

Schließlich finden wir – eher durch Zufall – doch eine Schulleiterin in Bayern, die bereit ist zu sprechen. Sie will zunächst nicht, dass das Interview aufgezeichnet wird. Aus Angst, die Eltern, die Schüler oder ihre Vorgesetzten könnten sie erkennen. Am Ende stimmt sie einem anonymen Interview zu.

"Im einen Fall hatte ein Lehrer Pausenaufsicht und sah, dass eine Rangelei im Gang war, ging dorthin und wollte schlichten. Da er aber merkte, dass die Schüler so in Rage waren und das nicht gelingen konnte, packte er beide an den Jacken und wollte sie auseinander ziehen. Das gelang bei dem einen Schüler auch, der andere geriet erst richtig in Wut und schrie den Lehrer an, dass er ihn bloß nicht anfassen sollte. Als der Lehrer die Jacke nicht losließ, wurde der Schüler noch aggressiver und versetzte dem Lehrer die Faust ins Gesicht."

Schulleiterin, anonym

Für Lehrkräfte sind Angriffe wie diese traumatisch. Möglicherweise empfinden sie sie sogar als eigenes Scheitern. Lehrkräfte, die Schwierigkeiten mit Schülern haben oder Konflikte im Unterricht bewältigen müssen, haben die Möglichkeit, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen – zum Beispiel eine sogenannte Supervision bei einem externen Coach. In der Regel müssen Lehrer die Beratungsstunde selbst bezahlen. Üblicher Standard sind solche Trainings an den bayerischen Schulen nicht.

"Man ist ja Pädagoge, weil man eine Zuneigung zu den Kindern hat, einen guten Bezug zu den Kindern will. Trotz allem ist für viele Lehrer in solchen Situationen der Verlust der Autorität vor der Klasse schon etwas, was als Damoklesschwert über ihnen hängt."

Hans-Peter Etter, Jurist beim BLLV

Wird der Umgangston wirklich rauher?

Eine forsa-Umfrage im Auftrag des Dachverbands des BLLV bringt zutage, dass 55 Prozent der Befragten psychische Gewalt an der Schule erleben, 20 Prozent selbst von physischer Gewalt betroffen sind. 75 Prozent der Befragten sagen, dass dieses Thema am besten unter den Teppich gekehrt werden soll. Zwar wurden nur sechs Prozent der befragten Lehrer bundesweit selbst tätlich angegriffen. Beschimpfungen, Beleidigungen, Bedrohungen seien an der Tagesordnung. Von Seiten der Schüler – aber auch von Seiten der Eltern.

Forderung nach härteren Strafen

Der Soziologe Prof. Wilhelm Heitmeyer hat schon in den 90er Jahren Gewaltforschung an Schulen betrieben. Seine Position: Gewalt an Schulen gab es immer – vor allem Gewalt unter Schülern - aber dass das Klima in der Gesellschaft insgesamt ist rauher geworden ist, bestätigt er:

"Die Verrohung beginnt ja schon bei der Sprache. Und da sind es nicht mal nur wir hier unten, sondern auch Eliten sind sprachlich rabiat unterwegs. Der letzte Bundestagswahlkampf hat das auch gezeigt. Aber es geht tiefer. Wir haben es mit schnellen Wandlungsprozessen zu tun. Dabei geraten die sozialen Normen gewaltig unter Druck. Sie erodieren im Hinblick darauf, was gilt und was gilt nicht?"

Soziologe Prof. Wilhelm Heitmeyer

"Gesellschaftliche Unterströmung"

Heitmeyer spricht von einer gesellschaftlichen Unterströmung – und die habe sich verändert. Hinzu komme, dass wir in einer Konkurrenzgesellschaft leben.

"Jede kapitalistische Gesellschaft ist eine Konkurrenzgesellschaft. Da werden vor allem diejenigen anerkannt, die zu den Gewinnern zählen. Es kann sich niemand mehr leisten zu den Losern zu gehören. Gewalt ist immer auch eine Machtdemonstration. Und in dieser Gesellschaft werden die Mächtigen immer auch belohnt."

Soziologe Prof. Wilhelm Heitmeyer

Auch Schüler und Eltern nehmen demnach – zumindest unterschwellig - eine Spaltung der Gesellschaft in Verlierer und Gewinner, in Arme und Reiche, in Aufsteiger und Absteiger wahr, so die Einschätzung des Soziologen.

Tobende Eltern verteidigen ihre Kinder

"In die Sprechstunde kommen Eltern am seltensten, meist kommen sie ohne Termin, sehr aufgebracht. Die Sekretärin fängt viel ab. Eltern scheuen auch nicht davor zurück, in den Unterricht hinein zu toben, wenn das Problem für sie eine dementsprechende Dringlichkeit hat. Sie schreien auch vor der Klasse, so dass wir auch schon damit drohen mussten, ein Hausverbot zu erteilen oder die Polizei zu rufen, wenn sie nicht sofort das Klassenzimmer verlassen. Heute stellen wir fest, dass die Eltern ohne Rückfragen zu stellen auf der Seite des Kindes sind und das große Anliegen haben, ihre Kinder zu verteidigen. Wir müssen uns als Lehrer sehr viel anhören. Wir werden beschimpft. Wir werden von Schülern als dumm oder ungerecht, als Mobber oder als Täter betitelt. Umso verletzender, wenn Eltern uns so etwas vorwerfen."

Schulleiterin, anonym

Polizeipräsenz hilft – ein bisschen

Die Polizei ist in der Schule dieser Schulleiterin öfter zu Gast. Die Kinder kennen die beiden Jugendbeamten schon. Sie arbeiten regelmäßig mit Schuldirektoren und Lehrern zusammen, führen Gewaltpräventionsprogramme mit den Kindern durch – und werden gerufen, wenn Straftaten passieren: Cybermobbing, Diebstahl, Prügeleien. Einmal hatte ein Junge in ein Messer dabei – die Jugendpolizisten versuchten ihn davon zu überzeugen, seine Waffe zu Hause zu lassen. Er zeigte sich einsichtig. Einige Wochen später nahm er sein Pfefferspray mit und versprühte es. 20 Menschen wurden verletzt. Polizeipräsenz in den Schulen hilft – aber eben nur ein bisschen.

Gewalt gegen Lehrer - ein Politikum

Das Problem "Gewalt gegen Lehrer" ist zu einer politischen Debatte geworden. Die Grünen unterstützten mit einem Antrag im Landtag die Forderungen des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands, wie sie Simone Fleischmann formuliert:

"Wir wünschen uns erstmal eine Dokumentation von Vorfällen, das heißt eine Statistik darüber. Wir brauchen die Daten, wir brauchen Klarheit, um gute Präventionsprogramme aufzulegen."

Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV

Die CSU will aber Fälle von Gewalt gegen Lehrer auf keinen Fall erfassen. Die bildungspolitische Sprecherin der CSU, Carolina Trautner, verweist darauf, dass durch eine Meldepflicht das Vertrauensverhältnis zwischen den Betroffenen und den Schulleitern gestört werde. Lehrer, die von Gewalt betroffen sind, hätten ein Recht darauf, dass der Fall nicht publik gemacht werde. In ihrem Gegenantrag setzt die CSU vielmehr auf Prävention, meint Trautner:

"Man kann nur versuchen, so früh wie möglich Präventionsangebote in den Schulen anzubieten, damit die Entwicklung gar nicht dahin geht, dass man Gewalt benötigt, um Interessen durchzusetzen. Und deshalb auch unser Antrag, über diese Präventionsmaßnahmen und deren Inanspruchnahme zu berichten, damit wir sehen können, wo wir noch zusätzliche Angebote brauchen."

Carolina Trautner, bildungspolitische Sprecherin der CSU

Reichen Präventionsprogramme?

Präventionsprogramme sind nützlich, meint Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer. Immerhin wird dabei über Gewalt geredet, anstatt sie unter den Teppich zu kehren. Aber: Beseitigen sie auch die Ursachen von Gewalt? Präventionsprogramme ändern nicht grundsätzlich ein System, das sich durch verschärften Leistungsdruck, Konkurrenz, und durch eine Infragestellung von Normen und von Autorität kennzeichnet. Das Menschen in Verlierer und Gewinner einteilt – und das auch Kinder schon frustiert zurück lässt. All dies ist im Schulalltag tagtäglich spürbar, meint die Schulpsychologin des Münchner Erasmus-Grasser-Gymnasiums, Gabriela Grossmann-Adams:

"Die Kinder haben sehr viel zu leisten. Ich erlebe, wie intensiv sie auch nachmittags Unterricht haben, was sie vorbereiten müssen; wie sie sich positionieren müssen, was die Eltern erwarten: dass die Kinder viel leisten und gute Noten schreiben. Übrigens haben auch Lehrer diesen Druck: Sie müssen guten Unterricht machen und ihr Pensum schaffen. Sie haben wenig Zeit für intensive Gespräche mit den Kindern. Für mich ist jede Schule ein Reflexionsort unserer gesellschaftlichen Struktur. Gewalt gibt es in der Gesellschaft. Und unsere Aufgabe ist es, da deeskalierend zu wirken."

Gabriela Grossmann-Adams, Schulpsychologin

Appell an die Politik: "Sorgt für ein humaneres Menschenbild"

Auch die Lehrkräfte könnten in dieser Hinsicht öfter etwas achtsamer sein, stimmt die Schulleiterin, die lieber anonym bleiben möchte, dieser Aussage zu und fordert mehr Empathie in der Kommunikation. Aber das gelte auch für Andere:

"An die Politik würde ich mir wünschen, dass wieder ein menschlicheres Gesellschaftsbild entsteht – wo jeder jeden respektiert und auch alle Berufe als gleichwertig gelten. Sonst führt das zu Aggressionen oder Kränkungen, die letztendlich die Ursache von Gewalt sind – egal, ob von Kindern, Jugendlichen oder Eltern."

Schulleiterin, anonym


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