Bayern 2 - Notizbuch


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Frauenbewegungen in der Türkei Erdogan nutzt konservative Frauen als Aushängeschild

Dr. Charlotte Binder forscht an der Universität Bremen zu den Frauenbewegungen in der Türkei. Im Gespräch mit Notizbuch-Moderator Matthias Knappe erklärt sie: Die feministischen Bewegungen werden von der Regierung Erdogans an den Rand gedrängt, konservativ-religiöse als Aushängeschild in die Welt geschickt.

Stand: 30.08.2018

Matthias Knappe: Sind die Frauen emanzipiert  in der Türkei?

Dr. Charlotte Binder: Das ist schwierig das so pauschal zu beantworten. Das ist ein großes Land, mit 80 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Wenn man die Lebensbedingungen betrachtet, merkt man, dass sie sehr unterschiedlich sind. Es gibt Frauen, die radikalere Forderungen als die Mehrheitsgesellschaft der Türkei formulieren und auch umsetzen und leben. Und es gibt Frauen, die traditionelle Rollen erfüllen. Aber wenn wir uns die Statistiken zum Thema Geschlechtergerechtigkeit, bzw. –ungerechtigkeit anschauen, dann sehen wir dass die Türkei auf Platz 131 von 144 Ländern des Gender Gap Index 2017 des World Economic Forum steht.

Das ist niederschmetternd.

Das ist niederschmetternd! Zum Vergleich, Deutschland steht auf Platz 12. In der Türkei liegt die Entgeltungleichheit bei 35%, nur 32% der Frauen sind legal beschäftigt, 2017 sind nur 14,6% im Parlament Frauen; 35% sind von häuslicher Gewalt betroffen und auch ein ganz gravierendes Thema sind die Frauenmorde, die seit Jahrzehnten ansteigen. 2017 sind 290 Frauen und 22 Kinder sind getötet worden, meistens von nahestehenden Männern.

Die Türkei ist ein großes Land, die Frauenbewegung ist vielfältig. Wie vernetzt sind die verschiedenen Initiativen und Gruppen in der Türkei?

Wir haben die Bündnismöglichkeiten von diesen verschiedenen Strömungen in vier Städten, bzw. Regionen angeschaut. Wir konnten 12 Bündnisse feststellen, die zu verschiedenen Anlässen zusammengearbeitet haben. Im Vergleich zu den 2000er Jahren, in denen konservativreligiöse Akteure noch Teil dieser Koalition waren, konnten wir das für die Jahre 2014 bis 2015 nicht mehr feststellen.

Wie geht der Staatspräsident Erdogan mit diesen Bewegungen um?

Es wird versucht von staatlicher Seite sich diese Frauenbewegung einzuverleiben, zu besetzen, indem z.B. Organisationen gegründet werden wie KADEM. Das ist ein Verein, der vermeintlich unabhängig religiöskonservative Frauen als NGO organisiert. Die Tochter von Erdogan ist Teil des Vorstands von KADEM. Hier wird nun klar, dass da versucht wird Einfluss auszuüben auf die Frauenbewegungen. Und das sind auch diese Frauenorganisationen, die religiöskonservativ und regierungsnah sind, die in Verhandlungen geschickt werden, wenn es um internationale Verträge und Konferenzen mit anderen Frauenbewegungen weltweit geht. Also hier sieht man, dass versucht wird die Feministinnen an den Rand zu drängen.

Ein kurzer Blick in die Zukunft: Wie wird sich die Türkei in der Hinsicht weiterentwickeln?

Ich habe viele negative Dinge gesagt, aber ich bin trotzdem sehr hoffnungsvoll. 2017 gehen 40 000 Aktivistinnen auf die Straße, anlässlich des 8. März, des internationalen Frauentags. Das war soviel wie nie zuvor. Und 2018 gab es eine Neugründung von einer großen Koalition mit 200 Gruppen, die dazu aufrufen: "Wir lassen uns unsere Rechte nicht aus den Händen nehmen vom Staatspräsidenten."


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