Bayern 2 - Notizbuch


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Immer noch ein Tabu? Angehörige von Euthanasie-Opfern auf Spurensuche

Über 200.000 Menschen, psychisch Kranke und Menschen mit Behinderung, kamen im Rahmen der sogenannten Euthanasie ums Leben. Ein bundesweiter Gedenktag soll am 18. Januar 2020 erstmalig an diese Patientenmorde erinnern. Am kommenden Samstag werden deshalb Joseph Held und Babette Fleischmann öffentlich an ihre Großmütter erinnern, die vor 80 Jahren verschleppt und vergast wurden.

Von: Sabine März-Lerch

Stand: 14.01.2020

Dass die Nazis während des Dritten Reiches Tausende psychisch und körperlich Kranke ermordeten, galt lange als Tabu. Bis heute wissen viele Familien nicht, dass Angehörige betroffen waren. Einige Nachfahren vernetzen sich jetzt.

Jedes Jahr, spätestens zu Allerheiligen, kommt Babette Fleischmann zum Münchner Westfriedhof, an das Grab ihrer Urgroßeltern und ihrer Großmutter Grete. Was sie als Kind nicht wusste: Vor der Beisetzung ihrer leiblichen Großmutter hatte die Familie die Urne mit der Asche per Post in einem Schuhkarton zugestellt bekommen. Der Absender: eine Heil- und Pflegeanstalt in Brandenburg an der Havel.

Niemand zweifelte an Gretes Tod in Brandenburg

Dabei war Grete (eigentlich: Margarethe Krucker) über viele Jahre in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar bei München untergebracht – 30-jährig dort eingewiesen, kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes. Das war im Juli 1925. Im September kam sie wegen Schizophrenie ins Schwabinger Krankenhaus. Ein Jahr später wurde sie, wie Fleischmann erzählt, als "geisteskrank und anstaltsbedürftig", wie es im Bericht heißt, in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing überführt. Im Jahr 1940 wurde der Familie eine Sterbeurkunde geschickt, ausgestellt vom Standesamt in Brandenburg an der Havel. An einem Magengeschwür und einer Bauchfellentzündung sei die psychisch kranke (mittlerweile 45-jährige) Frau gestorben. Babette Fleischmann besitzt das Dokument noch heute. Damals habe niemand diese Angaben in Frage gestellt.

Bis die Enkelin Babette Fleischmann das eigentliche Schicksal aus Akten herausliest, dauert es Jahrzehnte. Fleischmann selbst kommt 1946 zur Welt – sechs Jahre nach dem Mord an ihrer Großmutter. Vieles aus der damaligen Zeit könne sie sich sowieso nur zusammenreimen. Schließlich hat ihre Mutter ihr weder über den Tod der Großmutter noch über deren Erkrankung viel erzählt. Als Kind habe sie sich damit zufrieden gegeben.

Medizinischer Schatten des NS-Regimes reichte bis in die 1970er

Doch heute weiß sie, dass es in unzähligen anderen Familien eben solche Geschichten gab und dass dort ebenfalls nichts erzählt wurde. Psychische Erkrankungen waren tabuisiert und stigmatisiert. Sie selbst wird mit der weiteren Geschichte ihrer Großmutter erst konfrontiert, als Babette und Michael Fleischmann 1969 heiraten und sich Kinder wünschen; als es in der Familie Andeutungen und Gemunkel gibt – "Euthanasie, Geisteskrankheit, Vergasung". Die beiden jungen Leute beschlossen damals, bei einer Ärztin im Max-Planck-Institut nach Akten zur Krankheit der Großmutter zu fragen. "Jetzt müssen wir mal schauen wegen der Krankheit, wie weit geht das weiter, die Schizophrenie in der Familie", haben sich Fleischmann und ihr Mann damals gesagt. "Wie weit ist das vererblich?"

Wie weit der Schatten der nationalsozialistischen Ideologie, das erbbiologische Paradigma, damit noch bis in die 70er-Jahre reichte, war den beiden jungen Leuten nicht klar. Auch nicht, wer die Psychiaterin war, die ihnen in einem Arztzimmer des Max-Planck-Institutes gegenüber saß. Sie nämlich war die Tochter jenes Ernst Rüdin, Direktor der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie, der Vorgänger-Einrichtung des Max-Planck-Instituts. Ernst Rüdin war im Juli 1933 Mitverfasser des Kommentars zum "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" und schuf damit die geistige Grundlage für die Patientenmorde im Rahmen der sogenannten "Euthanasie".

Tausende psychisch und körperlich Kranke wurden ermordet

"Die sagte uns dort damals, dass von meiner Großmutter keinerlei Krankenakten vorhanden sind und dass man da nichts Genaueres nachforschen kann", erzählt Fleischmann. Inzwischen bewahrt sie ein ganzes Dossier zu ihrer Großmutter auf – die Papiere lagen 1969 doch noch im Keller des Max-Planck-Instituts. Als die Eheleute sich zum damaligen Zeitpunkt mit der Großmutter beschäftigen, wird ihnen langsam klar, dass Margarethe Krucker im Rahmen der sogenannten T4-Aktion ermordet worden sein muss.

Diese später so bezeichnete Aktion der Nazis gegen das – ein NS-Begriff – "unwerte Leben", also psychisch Kranke und Menschen mit Behinderung, fand unter der zentralen Verwaltung einer Behörde in der Berliner Tiergartenstraße 4 – deshalb "T4" – statt. Zwischen Januar 1940 und August 1941 wurden 70.000 Menschen aus verschiedenen Psychiatrie- und Pflege-Einrichtungen in eine der Vernichtungsanstalten abtransportiert: Hadamar, Grafeneck, Sonnenstein, Brandenburg, Bernburg und Hartheim.

Nazis täuschten Angehörige der Ermordeten systematisch

So war auch Margarethe Krucker aus der Anstalt Eglfing-Haar weggebracht worden, um mit Gas getötet zu werden. Erst weitere 30 Jahre später, Anfang der 2000er-Jahre, mittlerweile im Ruhestand, beschließt Babette Fleischmann mit ihrem Mann, sich in Brandenburg sozusagen von der Großmutter zu verabschieden. "Dann hat mein Mann an die Stelle geschrieben in Brandenburg, und dieser Herr war sehr nett und hat uns relativ schnell zurück geschrieben, dass sie keinerlei Unterlagen haben, aber dass es ersichtlich war, dass sie nach Hartheim gekommen ist und dass sie nicht in Brandenburg vergast worden ist, sondern in Hartheim", so Fleischmann. "Da haben wir dann gewusst, dass das alles nicht gestimmt hat." Der Totenschein aus Brandenburg hatte nur der Irreführung gedient.

Systematisch und zahlreich täuschten die Nationalsozialisten die Familien über den letzten Verbleib ihrer Angehörigen. Sie tauschten die Papiere mit entfernten Anstalten aus, verschickten eine nur angeblich persönliche Asche, fälschten mittels eigens eingerichteter Geheimstandesämter Papiere und Todesurkunden. Auch verschleierten sie die Sterbedaten, wäre es doch auffällig gewesen, wenn im Bereich einer Ortschaft und eines einzelnen Standesamts die zum Teil Hunderten an einem Tag ermordeten Menschen dasselbe Todesdatum gehabt hätten.

Angehörige haben sich in vergangenen Jahren vernetzt

Nachdem Babette Fleischmann erfahren hatte, dass ihre Großmutter in Hartheim bei Linz getötet worden war, hat sie die Tötungsanstalt besucht. Und vor kurzem noch einmal gemeinsam mit der Münchner Angehörigengruppe, in der sich seit 2015 viele Menschen zusammengefunden haben, die das Schicksal eines ermordeten Familienangehörigen aufrollen möchten. "Es war erschütternd, wenn man da durch geht", erzählt sie. "Und dann kommt irgendwann die Räumlichkeit mit der Vergasung und dann die Räumlichkeit, wo die Leichname alle gestapelt und verbrannt worden sind. Und dann (...) am Schloss muss eine Grube gewesen sein, wo die Asche rein gekommen ist. (...) Also die Asche, die in der Urne war, das ist sicher nicht die meiner Großmutter gewesen."

Man müsse auch nach nun 80 Jahren mit den Schicksalen der Ermordeten nach außen gehen, so Babette Fleischmann, und sich – wie mit der Angehörigengruppe – als Betroffene zeigen. Im persönlichen wie im gesellschaftlichen Interesse. Dazu gehöre es auch, zum Beispiel einen allgemeinen Gedenktag zu fordern. Nicht mehr über das zu reden, was damals passiert ist, wäre für die Menschen, die damals getötet wurden, ein erneutes Unrecht, findet sie. Durch ihre persönliche Beschäftigung habe sie Großmutter Grete zu einem neuen Platz verholfen: "Ich kann sie am Leben erhalten sozusagen. ich kann jetzt sagen, sie ist in der Familie präsent (...). Ich glaube auch, so lang man an einen Menschen denkt, lebt der noch. Aber wenn dann mal keiner mehr drüber redet, dann ist er wirklich tot."

Jüngere Generation hat weniger Berührungsängste

Enkeln und Enkelinnen, Nichten und Neffen – denjenigen, die eine oder mehrere Generationen jünger als ihre getöteten Verwandten sind, fällt es leichter, an das Unrecht zu rühren, das ihren Verwandten geschehen ist. Wer dagegen als kleines Kind Bruder oder Schwester durch die NS-Euthanasie verloren hat, hat oftmals größere Hemmungen, das Thema aufzugreifen – so die Erfahrung der Historikerin Dr. Sibylle von Tiedemann. "Bei der Enkelgeneration ist es eher so, dass sie vielleicht manchmal abwarten, bis jemand, für den das Thema zu schmerzhaft war, gestorben ist, weil sie spürten, wenn ich jetzt genau nachfrage, dann ist es zu belastend für die Mutter oder den Vater, die vielleicht als Kind Waise, Halbwaise geworden sind. Und da ist oft ein Impuls, wenn diejenigen, die man meint, schützen zu müssen, gestorben sind, wenn das wegfällt, dass sie sagen, jetzt will ich es aber genau wissen."

Dr. Sibylle von Tiedemann leitet die Münchner Gruppe der Angehörigen von NS-Euthanasie-Opfern. Zusammen mit Prof. Michael von Cranach, der als Psychiater in den 1980er-Jahren maßgeblich daran beteiligt war, die NS-Krankenmorde aufzudecken. Beide sehen einen notwendigen weiteren Prozess darin, dass man heute ganz individuell einzelner Opfer gedenke, nachdem sich in einer ersten Phase Psychiater und in einer zweiten Phase Historiker der Aufarbeitung der Euthanasiegeschichte angenommen hatten.

Angehörigengruppe kann bei Aufarbeitung helfen

Allerdings kämpfe man hier sehr stark mit Tabus, die in den Familien herrschen. Über viele Jahre spürten die Betroffenen oft nur diffus, dass in der Familie noch etwas im Raum stehe, das aber nicht angesprochen werden dürfe.

"Die Familie trifft sich, aber man darf über bestimmte Personen nicht reden, weil es irgendwie vielleicht die einen schmerzt, die anderen wollen sich gar nicht mit beschäftigen", so von Tiedemann. "Und das hat auch was sehr Befreiendes, wenn man drüber spricht. Und da ist auch die Angehörigengruppe ein ganz guter Impulsgeber (...). Man sieht, die Welt geht nicht unter, wenn man über das Tabu psychische Erkrankung, über das Tabu Nationalsozialismus spricht." Die Angehörigengruppe könne heute helfen bei der Recherche, dabei, wirklich gesicherte Auskünfte zu bekommen, Dokumente lesbar zu machen, und das Bewusstsein zu entwickeln, dass es sich nicht um ein individuelles Problem, sondern um ein Unrecht handelt.

Von Tiedemann fordert Gedenktag für Euthanasie-Opfer

"Dass das ein Verbrechen war, dem sich auch die Nachfolgeinstitutionen der Täter stellen, dessen aber auch die Stadtgesellschaft gedenkt und auch daran teilnimmt, das ist, denke ich, für die Angehörigen sehr wichtig", meint die Historikerin. "Euthanasie"-Opfer sind bis jetzt nicht im Bundesentschädigungsgesetz gleichgestellt. Sie gelten nicht als rassisch, politisch oder aufgrund einer religiösen Zugehörigkeit verfolgt.

Deshalb fordert von Tiedemann einen bundesweiten Gedenktag. Diese Forderung ist Teil der Hartheim-Deklaration, die die Angehörigengruppe im Rahmen einer Reise an den historischen Ort diskutiert und unterzeichnet hat. Ein solcher Gedenktag könne Anerkennung und Signal für Gemeinsamkeit sein. Denn, so Sibylle von Tiedemann: "Auch wenn jeder achte Deutsche in seinem erweiterten Familienkreis ein Opfer hat, kennt man sich ja untereinander nicht."


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