Bayern 2 - Notizbuch


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Das Kind steht im Mittelpunkt Die Kinderärztin Emmi Pikler

"Lasst mir Zeit" unter diesem Motto begann die pädagogisch visionäre Arbeit der Kinderärztin Emmi Pikler, die Kleinkindern selbst im Waisenhaus durch motorische Selbständigkeit große geistige Entfaltung ermöglichte.

Von: Kathrin Hasselbeck

Stand: 05.02.2016

Kinderbeine auf Balancierbrett | Bild: picture-alliance/dpa

1902 kam Emmi Pikler in Wien zur Welt, wo sie auch zwanzig Jahre später Kindermedizin studierte. Dort lernte sie bei Professor Clemens von Pirquet, nicht die Krankheit in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Kind. Ähnlich sah es ihr Professor in Kinderchirurgie: Friedrich Franz Salzer wollte erreichen, dass Kinder nicht weinten, während sie verbunden wurden.

"Er war imstande, bei einem Kind mit Verdacht auf akute Blinddarmentzündung so lange mit ihm zu sprechen, bis der Bauch ganz weich war und er gut durchtasten konnte, ob es wirklich eine Blinddarmentzündung war. Dadurch hat er weit weniger operiert."

Emmi Pikler

1927 promovierte Emmi Pikler. Von 1935 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie in Budapest als Familienärztin. Eine schwierige Zeit für sie als Jüdin, zumal ihr Mann politischer Gefangener war. Doch schon in diesen ersten Jahren gab sie den Eltern ihrer kleinen Patienten zwei Ratschläge, die sich bereits bei ihrer eigenen Tochter bewährt hatten:

  • Ermöglichen Sie Ihrem Baby eine freie Bewegung und warten Sie seine Entwicklung geduldig ab!
  • Lassen Sie ihm Zeit!

Waschen, wickeln, füttern - aber bitte mit Aufmerksamkeit

Kinderärztin Emmi Pikler - eine Pionierin ud Visionärin für die Arbeit mit Kindern

1946 übernimmt Emmi Pikler das Budapester Säuglingsheim, dessen Name sich aus der Straße ableitet, in der es steht, und das es durch sie zu Weltruhm bringen wird: das Lóczy.
Ihre Pädagogik ruht auf zwei Säulen. Zunächst bekommt jedes Kind wertschätzende, achtsame Zuwendung – nämlich während der Pflege. Zu dieser Zeit war es völlig normal, dass Waisenkinder in den Heimen abstumpften, an Hospitalismus oder anderen Persönlichkeitsstörungen erkrankten. Der Grund: keine menschliche Zuwendung. Zwar wurden die Säuglinge versorgt: gewickelt, gefüttert, gewaschen – aber ohne Aufmerksamkeit. Die Zeit gab es nicht her, beziehungsweise ging man nicht davon aus, dass das bei so kleinen, nicht-kommunikativen Wesen schon nicht nötig wäre.

"Die Art und Weise der Pflege bekommt Gewicht. Es ist von Bedeutung, wie der Erwachsene dem Kind sein Essen reicht, was für eine Zusammenarbeit zwischen dem Kind und der Pflegerin während des Fütterns, des Badens, des Wickelns und des An- und Ausziehens entsteht. Es ist unser Bestreben, dass weder die Kinder einer Gruppe noch die dazugehörigen Pflegerinnen ausgewechselt werden."

Emmi Pikler

Raum für selbständige Bewegung und Bewegungsentwicklung

Im Lóczy entsprach die Anzahl der Pflegerinnen dem, was in Ungarn üblich war. Sie hatten also auch nicht mehr Zeit als Kolleginnen in anderen Heimen. Der geniale Einfall von Emmi Pikler war aber, dass sie den Kindern die benötigte Aufmerksamkeit im Rahmen der Pflege zukommen ließ. Denn nur wenn diese Basis einer liebevollen Zuwendung gegeben ist, kommt auch die zweite Säule der Pädagogik Emmi Piklers zum Tragen: Raum für selbständige Bewegung und Bewegungsentwicklung.

Die Babys liegen in riesige Laufställen mit festem Untergrund und haben mindestens einen Quadratmeter Platz. Außerdem liegen Gegenstände und Spielsachen herum zum selbständigen Untersuchen. Und das funktioniert: In Ruhe und Konzentration bewegen sich die Säuglinge und studieren die Dinge, die sie sich greifen.

"Der Säugling lernt im Laufe seiner Bewegungsentwicklung nicht nur, sich auf den Bauch zu drehen, nicht nur das Rollen, Kriechen, Sitzen, Stehen oder Gehen, sondern er lernt auch das Lernen. Er lernt, sich selbständig mit etwas zu beschäftigen, an etwas Interesse zu finden, zu probieren, zu experimentieren. Er lernt Schwierigkeiten zu überwinden."

Emmi Pikler

Emmi Piklers Leitspruch: Lasst den Kindern Zeit!

Kindern Zeit in der Entwicklung geben - und dabei spielend die Welt entdecken lassen war die Grundidee von Emmi Pikler

Emmi Pikler beobachtete von 1946 bis 1969 über 700 Kinder bei der Bewegungsentwicklung. Sie ließ Filme und Fotos davon machen, und dokumentierte jeden kleinsten Zwischenschritt. Dadurch fand sie heraus, dass alle Kinder dieselben Entwicklungsschritte durchlaufen, nur eben nicht immer zur selben Zeit. Beispielsweise stand ein Junge im Lóczy schon mit acht Monaten auf, während ein anderer im selben Alter sich gerade mal vom Rücken auf den Bauch drehte. Als die beiden zwei Jahre alt waren, konnte man jedoch keinen Entwicklungsunterschied mehr feststellen. Der - nach heutigen Begriffen - "entwicklungsverzögerte" Junge war kein bisschen auffällig.

"Unserer Ansicht nach sind die Krampfhaftigkeit und Ungeschicklichkeit, denen man bei Kindern mit langsamer Bewegungsentwicklung begegnet, Resultate des Helfens und Drängens, zu dem die Erwachsenen sich bei diesen Kindern veranlasst fühlen, um ihre Entwicklung zu beschleunigen."

Emmi Pikler

Deshalb heißt das bekannteste Lehrbuch von Emmi Pikler auch: "Lasst mir Zeit."


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