Bayern 2 - Notizbuch


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Summe vieler Urteile Das Selbstwertgefühl

Der Selbstwert spiegelt wider, wie wir über uns selbst nachdenken, zu welchem Urteil wir dabei kommen.

Von: Sabine März-Lerch

Stand: 10.03.2019

Ein Mann steht in selbstzufriedener Pose vor seinem Oldtimer-Auto. | Bild: picture-alliance/dpa

Bin ich im Vergleich zu anderen in einer bestimmten Eigenschaft besser oder schlechter…, bin ich kreativ oder fehlen mir die Einfälle…, habe ich eine Situation souverän gelöst oder zögerlich gehandelt…, bin ich leistungsfähig oder fühle ich mich schwach?

"Der Selbstwert ist die Summe aller Urteile, die ich über mich selbst bilde. Nicht nur meiner aktuellen Urteile, sondern der Bewertungen über mein ganzes Leben gesehen. Sicher sind auch unbewusste Anteile dabei, fast alle Menschen gehen auch von Annahmen aus, ohne, dass sie darübertatsächlich nachgedacht haben."

Prof. Reinhart Schüppel

Erfahrungen in Kindertagen

Für die Bildung des Selbstwertes sind zwei Phasen im Leben wichtig. Schon in der ersten Phase, der Kindheit, wird die Richtung zum starken oder schwachen Selbstwert eingeschlagen.

"Wenn mir als Kind von Eltern oder Geschwistern immer eine bestimmte Rückmeldung gegeben wird, dann komme ich zur Überzeugung, entweder, dass ich ganz gut angenommen bin, oder, dass ich keinem was rechtmachen kann. Dass ich selber dafür sorgen muss, dass es den anderen gut geht - oder dass die dafür sorgen müssen, dass es mir gut geht. Da werden schon basale Grundannahmen festgelegt."

Prof. Reinhart Schüppel

Weil diese Grundannahmen sehr früh angelegt sind, wird der Mensch sie zunächst nicht mehr verlernen. So, wie man auch Laufen oder Fahrradfahren nicht mehr verlernt. Diese Spiegelungen aus den Kindertagen beeinflussen auch später hartnäckig unser Selbstwertgefühl.

"Die zweite Phase ist die Jugend und frühe Erwachsenenzeit, da gehe ich raus ins große Leben und löse mich von der Familie ab. Und da machen dann viele erstaunlicherweise die gleiche Erfahrung in der Schule oder in der Jugendgruppe, wie vorher in der Familie: 'Ich bin der Typus Dienstleister oder der Typus kleiner König'."

Prof. Reinhart Schüppel

Selbstwert ist nicht statisch

"Manchmal machen die Menschen aber ganz neue Erfahrungen und stellen fest, dass sie etwas gut können, meinetwegen einen Sport oder ein Instrument: 'Mensch ich bin doch viel mehr wert, als meine Eltern oder Geschwister mir zugetraut haben!'."

Prof. Reinhart Schüppel

Mit dem Ende der zweiten Phase - dem jungen Erwachsenenalter -, also mit ca. 25 Jahren, ist die Reifung des Gehirns mit seinen Nervenzellen und Synapsen weitgehend abgeschlossen. Man nimmt an, dass man ab dieser Zeit mit einem bestimmten Selbstwert durchs Leben geht. Trotzdem ändert sich das Selbstwertgefühl noch, aber nur, wenn es dafür einen wichtigen Grund gibt, ins Negative wie ins Positive. So wird z.B. ein Mensch, der ein geringes Selbstwertgefühl hat, vielleicht von seinem Partner sehr geliebt werden, und damit sich selbst aufwerten können.

"Oder jemand, der ein hohes Selbstwertgefühl hat, hat eine berufliche Schwierigkeit nach der andern. Der resigniert dann eventuell und sagt 'Na ja, so toll, wie ich mir das vorgestellt habe, bin ich vielleicht doch nicht'."

Prof. Reinhart Schüppel


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