Bayern 2 - Notizbuch


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Chlorhühnchen und Hormonfleisch Gefahr für unsere Gesundheit?

Die EU und die Vereinigten Staaten diskutieren seit gut einem halben Jahr, wie die dann größte Freihandelszone der Welt mit insgesamt 800 Millionen Bürgern ausgestaltet sein soll. Was die einen als Chance für die deutsche Wirtschaft sehen, betrachten andere als Gefahr für die Verbraucher. Sie befürchten trotz vieler Beteuerungen, die europäischen Lebensmittelstandards sollten nicht abgesenkt werden, dass Hormonfleisch und Chlorhühnchen aus den USA in deutschen Lebensmittelregalen landen.

Von: Norbert Haberger

Stand: 09.03.2015

Verschiedene Fleischsorten; im Hintergrund ineinander verlaufende Flaggen der USA und er EU: Chlorhühnchen und Hormonfleisch aus den USA - Ist unsere Gesundheit in Gefahr? | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Chlorhühnchen und Hormonfleisch - nicht zuletzt stehen diese Begriffe stellvertretend für TTIP. Doch was ist ein Chlorhühnchen, und geht Gefahr von Hormonfleisch aus? Wie ist die Situation in der Bundesrepublik?

Das sogenannte Chlorhühnchen

Schwimmer im Hallenbad nehmen mehr Chlor auf als beim Verzehr von rund zehn Chlorhühnchen.

Ein Becken mit eiskaltem Wasser, das mit Chlor versetzt ist. Ja, das kennt man. Vom Schwimmbad. In den USA werden aber auch geschlachtete Hühnchen in chlordioxidhaltiges Wasser getaucht. Damit sollen Krankheitserreger wie Salmonellen oder Campylobacter abgetötet werden. Der Unterschied zum Schwimmbad? Das Desinfektionsbad für die US-Hendl enthält eine niedrigere Chlorkonzentration. Jeder Schwimmer im Hallenbad nimmt mehr Chlor auf als beim Verzehr von rund zehn Chlorhühnchen. Lebensmittelexperten sehen deshalb keine Gefahr.

"Das Chlorhühnchen ist nach unserer Auffassung nicht gesundheitsschädlich für den Verbraucher."

Prof. Lüppo Ellerbroek, Fachmann für Lebensmittelsicherheit am Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin

Mit seiner Einschätzung, das Chlorhühnchen sei nicht gesundheitsschädlich für den Verbraucher, folgt Prof. Lüppo Ellerbroek der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde, abgekürzt EFSA. Die EFSA hat in zahlreichen Gutachten festgestellt, dass von Chlorrückständen am Fleisch keine Gefahren für den Verbraucher resultieren. Prof. Ellerbroek geht sogar noch einen Schritt weiter.

"Das deutsche Huhn ist auf keinen Fall gesünder als das Chlorhuhn. Wir haben in Deutschland ein deutliches Problem mit krankmachenden Keimen wie Salmonellen und Campylobacter auf dem Geflügel. Das lässt sich nicht verheimlichen und das zeigen auch die Daten, die wir in Deutschland erheben."

Prof. Lüppo Ellerbroek

Zusammen mit anderen Wissenschaftlern spricht sich Lüppo von Ellerbroek deshalb dafür aus, dass geschlachtete Hühnchen auch in Deutschland in einem Chlor-Bad desinfiziert werden.

Anderen Chemikalien könnten Tür und Tor geöffnet werden

Nicht alle Experten hierzulande schließen sich dieser Meinung an. Prof. Manfred Gareis vom Lehrstuhl für Lebensmittelsicherheit der Uni München zum Beispiel sieht das Chlor-Verfahren zur Keimabtötung skeptisch.

"Es ist natürlich legitim über solche Verfahren nachzudenken, weil wir haben eben das Problem gerade im Geflügelfleischbereich mit bestimmten bakteriellen Erregern: Salmonellen und vor allem Campylobacter. Aber ich glaube nicht, dass es gerechtfertigt ist, diese Verfahren am Ende der Produktionskette einzuführen."

Prof. Manfred Gareis, Ludwig-Maximilians-Universität München

Die Zulassung von Chlor könnte anderen Chemikalien Tür und Tor öffnen.

Prof. Manfred Gareis befürchtet, dass mit der Zulassung von Chlor auch Tür und Tor für andere Chemikalien geöffnet würden. Dann werden demnächst vielleicht auch die Schlachtkörper von Schweinen und Rindern in ein Chemikalienbad getaucht. Auch weitere risikobehaftete Verfahren wären denkbar.

Ob ein Chlor-Bad wirklich alle Keime komplett vom Menschen fernhält, ist übrigens fraglich. Laut US-Behörden verursachen Salmonellen in den USA jedes Jahr rund 1,2 Millionen Krankenfälle. Das Chlorhühnchen ist gleichwohl zu einem Schlagwort geworden. Einerseits für die Gegner des TTIP-Abkommens, andererseits aber auch für eine grundsätzliche Frage: Kann man allein mit Chemikalien absolute Sicherheit in Lebensmittel bekommen?

Aktueller Stand:

Momentan ist das 'Chlor-Bad' EU-weit verboten. Früher wurden sie auch in Deutschland in ein Eis-Bad getaucht, allerdings ohne Chlor.

Hormonfleisch - so manchen schmeckt es besser

Ein männliches Rind, also ein Stier, hat in den USA ein seltsames Schicksal. Zuerst wird er kastriert, also zum Ochsen gemacht, und dann bekommt er Hormone verabreicht, damit er schneller wächst. Ein Cocktail aus männlichen und weiblichen Sexualhormonen wird ihm in Gestalt eines kleinen pelletförmigen Chips am Ohr unter die Haut implantiert. Der Chip gibt dann die Wirkstoffe über mehrere Monate hinweg kontinuierlich in den Körper ab. Diese Methode ist in den USA gang und gäbe.

"Der Einsatz ist in den USA sehr, sehr verbreitet. Das ist dort das Standardmittel in der Rinderhaltung, vor allem in der intensiven Rinderhaltung. Und man kann davon ausgehen, dass mindestens drei Viertel aller Rinder in den USA mit Hormonen gemästet werden."

Markus Wolter, WWF Deutschland

Rindermast in den USA, das findet nicht in einem Stallgebäude statt. Die ersten Monate ihres Lebens verbringen die Tiere meistens noch 'glücklich' auf der Weide. Die letzten Monate allerdings sind sie in sogenannten Feedlots. Das sind eingezäunte Bereiche um einen riesigen Futtertrog, in denen Tausende von Rindern mit Soja, Mais und Getreide intensiv auf Gewicht getrimmt werden. US-Rindermäster sind von dieser Methode überzeugt. Durch die Hormone brauchen die Ochsen weniger Futter, um Gewicht zuzulegen, und das Fleisch ist angeblich besser, weil es weniger Fett enthält. Die Rindermäster haben scheint's keine Bedenken, dass im Fleisch der implantierten Tiere Hormone zurückbleiben.

"Es gibt Forschungen, in denen das Fleisch von behandelten und unbehandelten Ochsen analysiert wurde. Man hat lediglich einen Unterschied von sieben Zehntel Nanogramm festgestellt, eine sehr kleine Menge. Das ist ein Unterschied wie zwischen einem Grashalm und einem Fußballfeld."

Robin Miller, Mäster aus Texas

Prof. Michael Pfaffl vom Zentralinstitut für Ernährungs- und Lebensmittelforschung an der TU München widerspricht.

"Ja, das sagen die Amerikaner, aber so ist es nicht. Da lief 1999 eine große Studie hier bei uns am Lehrstuhl, und da konnten wir also ganz klar feststellen, dass fünffach höhere Hormonwerte, wenn man so als Schnitt über den ganzen Körper geht, auftreten."

Prof. Michael Pfaffl, TU München

Kinder haben einen empfindlichen Organismus.

Für Menschen in einem bestimmten Lebensabschnitt könne ein hormonbelastetes Steak durchaus gravierende Auswirkungen haben, so Prof. Michael Pfaffl von der TU München; der Wissenschaftler spricht von Menschen, die eine "niedrige endogene Hormonproduktion" haben.

"... sprich Kinder bis zur Pubertät oder aber auch Frauen nach der Menopause, da nimmt ja auch der Östrogenspiegel ab. Die sind besonders empfänglich oder sensitiv für solche hormonbehandelten Lebensmittel."

Prof. Michael Pfaffl, TU München

Fleisch - ein Stück Lebenskraft oder Doping mit Steaks?

Hormonfleisch - sind wir dann alle gedopt?

Dass tatsächlich manchmal zu viele Hormone im Rindfleisch sind, nicht nur in den USA, zeigte ein Vorfall während der Junioren-Fußball WM 2011 in Mexiko. Dort wurden 109 Sportler positiv auf Clenbuteron, getestet. Das Kälberwachstumshormon steht auf der Dopingliste. Die jungen Fußballer hatten allerdings nicht absichtlich gedopt. Sie waren nur in derselben Kantine beim Steakessen. Die Deutsche Mannschaft hatte ihren eigenen Koch dabei und war dopingfrei.

Viele ungeklärte Fragen

Was zusätzlich aufgenommene Hormone im Menschen alles bewirken, ist letztlich immer noch nicht genau erforscht. Darauf weist Markus Wolter vom WWF Deutschland hin.

"Wir haben so viele ungeklärte Fragen, was das Thema Wachstumshormone (...) angeht, wie zum Beispiel der Frage der Vorverlegung der Pubertät oder was Fruchtbarkeitsstörung bei Frauen angeht. Da gibt es durchaus Hinweise darauf, dass das mit dem Rindfleischkonsum zusammenhängt,von Tieren, die mit diesen Hormonen behandelt worden sind."

Markus Wolter, WWF Deutschland

Aktueller Stand:

Die Methode der Rindermast mit künstliche Hormonen ist in der EU verboten.


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