Bayern 2 - Notizbuch


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EU-Maßnahmen gegen Antiziganismus Gespräch mit Romeo Franz

Vor zehn Jahren hat die Europäische Union eine Rahmenstrategie für nationale Strategien zur Integration der Roma beschlossen, die ein entschlossenes Handeln der EU-Mitgliedstaaten gegen die Ausgrenzung von Menschen mit Romno-Hintergrund einfordert. Und heute? Wie geht es den Sinti und Roma in Europa? Konnte ihre Situation verbessert werden? Der EU-Abgeordnete Romeo Franz zieht eine eher negative Bilanz.

Von: Justina Schreiber

Stand: 09.09.2020

Demonstranten stehen auf einer Straße und halten Banner. Aufschrift: "Wir sind keine Eu-Bürger-Innen zweiter Klasse" und "Gemeinsam Antiziganismus bekämpfen" | Bild: picture-alliance/dpa

"Wenn die Kinder zur Schule gehen, wenn du eine Wohnung suchst, einen Job suchst, wenn ich mich von Anfang an schon oute, dass ich Mensch mit Roma-Hintergrund bin, kann ich mich von diesem Job oder dieser Ausbildungsstelle gedanklich schon mal verabschieden."

Romeo Franz

Der grüne EU-Parlamentsabgeordnete Romeo Franz spricht aus eigener Erfahrung. Er gehört zur Gruppe der Menschen mit Romno-Hintergrund, wie die korrekte Formulierung für Sinti und Roma heute lautet.

"Selbst wenn ich der Bundespräsident wäre, ich würde immer noch diskriminiert werden, wenn man wüsste, dass ich ein Mensch mit Roma-Hintergrund, dass ich Sinto bin."

Romeo Franz

Europas größte Minderheit führt immer noch ein Schattendasein, obwohl die EU vor zehn Jahren beschlossen hat, Schritte zur Integration zu unternehmen. Es gibt eine Hauptursache für das Scheitern der Rahmenstrategie, sagt Romeo Franz:

"Von Beginn an wurden die betroffenen Menschen von Antiziganismus - und ich spreche hier von der Basis - in dieser Sache nicht mit einbezogen in der Lösungskonzeption."

Romeo Franz

Die Ausgrenzung funktioniert also nach wie vor. Da nützt es auch nichts, dass die Firma Knorr jetzt ihre "Zigeunersauce" in "Paprikasauce Ungarische Art" umbenannt hat. Der Antiziganismus, die Diskriminierung von Sinti und Roma, ist immer noch weit verbreitet. Mehr als 50 Prozent der Deutschen haben Vorbehalte. In Italien blicken sogar 80 Prozent der Bevölkerung auf die "Zigeuner" herab. Wie auch in osteuropäischen Ländern. Die betroffenen Menschen bekommen die Vorurteile am eigenen Leib, an den eigenen Lebensbedingungen zu spüren. Der grüne EU-Parlamentarier war in Rumänien unterwegs.

"Ich habe da eine kleine Community in einer Straße gesehen, das sind ungefähr 250 Menschen in einer Situation, die man sich nicht vorstellen kann: behinderte Kinder nackt im Dreck, angebissen von Ratten und Wanzen. Ich habe die Kinder gesehen, die gar nicht in der Lage waren, in die Schule zu gehen, weil sie einfach nackt waren, weil sie total krank waren"

. Romeo Franz

Mit Hilfe einer engagierten Nürnberger Kirchengemeinde kümmerte sich Romeo Franz darum, dass die Menschen dort jetzt wenigstens ein Waschhaus mit sanitären Einrichtungen haben. Die EU-Mittel waren hier wie auch andernorts nicht angekommen. Romeo Franz empfiehlt eine bessere Kontrolle:

"Wo diese Gelder hinwandern. Ich spreche da das Thema Korruption in Osteuropa an. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, dass wir wissen wo Romani People draufsteht, das muss auch dort hingehen zu den Menschen, zu den Betroffenen und darf nicht irgendwo in andere Kanäle fließen. Man darf nicht mit dem Label Roma Geld machen, ohne dass die betroffenen Menschen etwas davon haben, was leider sehr oft passiert."

Romeo Franz

Hinzu kam der bürokratische Aufwand, der es den vor Ort arbeitenden Vereinen schwermachte, Mittel zu beantragen. Auch fehlten Informationen, wieviel Geld für Inklusionsanstrengungen überhaupt bereitsteht.

"Oder es war ein Eigenanteil nötig, den, wie wir alle wissen, ehrenamtliche NGOs kaum aufbringen können."

Romeo Franz

Kein Wunder, dass sich Menschen mit Romno-Hintergrund immer noch als Menschen zweiter Klasse erleben. Bis heute scheint kaum jemand zu wissen, wie vielfältig die Gruppe der Betroffenen ist.

"Also es gibt bei weitem mehr als Sinti und Roma unter den Menschen mit Romani-Hintergrund, zum Beispiel die Kalé oder die Manouche, die fühlten sich kaum angesprochen."

Romeo Franz

So liefen die Strategien der EU teilweise ins Leere. Romeo Franz kann nachvollziehen, dass nicht alle Sinti, Roma, Kalé oder Manouche gleich "hier" geschrien haben.

"Weil ich sage: ich bin Deutscher, meine Familie lebt seit 600 Jahren in Deutschland, muss ich jetzt tatsächlich ein Integrationsprojekt machen für mich?"

Romeo Franz

Er verlangt deshalb:

"Dass die Kommission, das Europäische Parlament, dass der Rat und die Nationalstaaten sich tatsächlich einen Ruck geben und sagen: ja, wir wollen einen Erfolg haben und die Fehler der Vergangenheit aus diesen Fehlern lernen."

Romeo Franz

Das heißt: den Antiziganismus offen bekämpfen, Vorurteile aufdecken und mit staatlichen Direktiven klare Ansagen machen. Baden-Württemberg zum Beispiel hat als einziges Bundesland einen offiziellen Rat für die Angelegenheiten der Sinti und Roma etabliert. Das ist ein ermutigendes Signal, findet Romeo Franz, dem weitere Taten folgen sollten.


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