Bayern 2 - Notizbuch


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Pionier bei der Inklusion in Kita und Schule 50 Jahre Aktion Sonnenschein in München

Schon lange vor der UN-Behindertenrechtskonvention und dem Schulprofil „Inklusion“ war es im Montessori-Zentrum der Aktion Sonnenschein in München ganz selbstverständlich, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam zur Schule gehen.

Stand: 11.07.2018

Die Türen der Klassenzimmer sind offen. Die Schüler können sich frei bewegen und selbst entscheiden, wie sie den Unterricht gestalten. Zwei Mädchen sitzen auf einem Teppich und puzzeln die Deutschland-Karte, daneben spannt ein Junge Gummibänder auf einem Nagelbrett zu geometrischen Formen. Ein anderer macht Mathe-Übungen. „Freiarbeit ist das Kernstück der Montessori-Pädagogik und geht davon aus, dass Schüler in sich selber die Fähigkeit und das Bedürfnis haben, ihrer eigenen Entwicklung entsprechend arbeiten zu können“, erklärt die Lehrerin Anne Schöttler-Vogel.

Vier Klassenzimmer und ein „Dorfplatz“

Um Schülerinnen und Schüler mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf zusammenzubringen, hat man sich an der Montessori-Schule der Aktion Sonnenschein ein besonderes Konzept ausgedacht: Alle Klassenzimmer einer Jahrgangsstufe sind zu sogenannten Bildungsdörfern rund um einen Gemeinschaftsraum angeordnet, ein „Dorfplatz“, sagt Schulleiter Heribert Riedhammer: „Es gibt ja so ein afrikanisches Sprichwort, dass Kinder besser von einem ganzen Dorf erzogen werden.“ Um die 60 Schüler mit und ohne Behinderung verteilen sich auf vier Klassen – bis zu 18 Schüler lernen in einem Zimmer. In einer Klasse pro Bildungsdorf gibt es nur Schüler mit Förderbedarf, die anderen sind gemischt. Die Klassenleiterinnen und -leiter werden von weiteren Fachkräften wie Erziehern oder Sonderpädagogen unterstützt.

"Egal welches Lerntempo man braucht, oder wenn man etwas nicht versteht: Das wird alles erklärt und man kommt immer mit."

Schülerin aus der achten Klasse der Aktion Sonnenschein

„Wir zwingen niemanden, mit einem anderen zusammenzuarbeiten, wir bieten Gelegenheiten“, sagt die Sonderpädagogin Anne Schöttler-Vogel. In vielen Klassen können sich Schülerinnen und Schüler freiwillig als sogenannte „Lern-Paten“ melden. Sie helfen dann in der Freiarbeit einem Mitschüler mit sonderpädagogischen Förderbedarf bei seinen Übungen.  Einmal pro Woche  findet ein Kooperationstag statt. Dann arbeiten alle Kinder aus einem Bildungsdorf zusammen.

Lernen ohne Noten

Jedes Kind soll individuell gefördert werden, ohne Leistungsdruck und ohne Noten. Ein offizielles Ziffernzeugnis gibt es erst in der neunten Klasse, wenn es mit den Bewerbungen losgeht. Bis dahin bekommen die Schüler Wortgutachten. „Wir merken vor allem bei Schülern, die neu zu uns kommen, dass das eine große Entlastung ist“, sagt Schulleiter Heribert Riedhammer. Für viele Schüler ist der fehlende Notendruck tatsächlich eine Entlastung: „Wenn ich Noten hätte könnte ich nicht lernen“, sagt ein Fünftklässler. Andere haben keine Scheu vor den Ziffern: „Ich habe mir nach einer Probe oft vom Lehrer sagen lassen, was ich für eine Note bekommen hätte“, erzählt eine Siebtklässlerin.

"Wenn heute immer von Inklusion gesprochen wird – das wird von der Aktion Sonnenschein seit 50 Jahren praktiziert."

Walter Hasselkus, Vorstandsvorsitzender der Aktion Sonnenschein.

Heute ist Inklusion an vielen Schulen Normalität. Zur Gründungszeit der Aktion Sonnenschein war das anders: Als Theodor Hellbrügge 1968 den ersten Kindergarten für Kinder mit und ohne Behinderung gründete, musste er sich gegen politischen Widerstand durchsetzen. Walter Hasselkus, Vorstandsvorsitzender der Aktion Sonnenschein: „Das war geradezu revolutionär, das gab es in Bayern nicht, das gab es in Deutschland nicht. Aber man hat sich aufgrund der Durchsetzungskraft von Professor Hellbrügge bereit erklärt, das mal zu versuchen.“ Die Nachfrage der Eltern war da. Trotzdem blieb das Montessori-Zentrum bis 1996 ein Schulversuch und bekam erst dann den Status eines privaten sonderpädagogischen Förderzentrums, für Schüler mit und ohne Behinderung.

50 Jahre gelebte Inklusion

Heute gehen circa 600 Schülerinnen und Schüler auf die Montessori-Schule der Aktion Sonnenschein. Die Hälfte von ihnen hat einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Neben der Schule betreibt die Aktion Sonnenschein einen Montessori-Kindergarten, eine heilpädagogische Tagesstätte und eine Berufsschulstufe für Jugendliche mit Handicap. Eltern bezahlen monatlich 250 Euro für den Schulbesuch ihres Kindes, ab dem zweiten Kind bekommen sie Ermäßigungen. Für Familien, die sich die Schule nicht leisten können gibt es einen Fonds, für den die Stiftung Aktion Sonnenschein in Benefizveranstaltungen Spenden sammelt.

Benefiz-Golfturnier

Am 21. Juli 2018 veranstaltet die Aktion Sonnenschein ein Benefiz-Golfturnier auf dem Gut Schluifeld in Wörthsee. Die Anmeldegebühr für den ganzen Tag mit Abendprogramm beträgt 125 Euro pro Person.  Anmeldungen sind möglich unter der Telefonnummer 089 / 724 052 58.


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