Bayern 2 - Nachtstudio


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Pop oder was (3/3) Einmal Jenseits und zurück

Entschleunigung, endlose Dehnung, Langsamkeit sind nicht unbedingt Attribute, die der Musik zugeordnet werden. Jens Balzer über Klänge, die wie Geister aus fernen Welten klingen und Künstler, die unsichtbar bleiben wollen.

Von: Balzer, Jens

Stand: 31.07.2017

Granatenartige Erschütterungen, endlos zerdehnte Stimmen und zähflüssige Langsamkeit prägen das 35 minütige Musikstück "U Smile 800% slower". Weil es wie Gesang aus einer Geisterwelt klingt, steht es Pate für das Musikgenre "Witch House". Entstanden ist es auf denkbar einfache Art: Justin Biebers "U Smile", der erste große Hit des kanadischen Teenie-Popstars, wurde durch eine Tonbearbeitungssoftware geschleust, die nur eines tat: ihn 8-fach zu verlangsamen.
Ein handelsübliches Soundprogramm genügt also, um einen neuen Musikstil zu erschaffen. Folglich gab es rasch viele Nachfolger. Zum Remix von Scooters "Posse" gibt es auch ein Video, das ebenso wie die Musik in Zeitlupe abläuft.
Zäh wie Sirup - oder wie der in den 90ern in Texas so beliebte, weil berauschende, codeinhaltige Hustensaft - sind diese Remixe, die für eine kurze Zeit der heißeste Scheiß in der Popmusik waren.

Entmenschlichung als Rettung

Langsamkeit wurde zur Widerstandsgeste: gegen das überhitzte Tempo des Mainstreams, gegen hektischen Gitarrenrock, gegen hastige Popsongs, gegen eine konzeptlose Zeit, in der niemand mehr für Musik bezahlen will. Die Musik zelebriert die zähe Langsamkeit, zwingt den Hörer, das Warten auf einen Höhepunkt, der nie kommen wird, zu genießen und lässt ihn eine neue Form der Zeitlichkeit erleben. Bands wie Salem oder Sunn O))) spielen Stücke ohne Ende, ohne musikalisches Zentrum, aber mit endlosen Schleifen, Kreiseln und verschiedenen Intensitäten, bei denen der Bass fast bis in die tiefsten Körperschichten vordringt.
Das ist nicht Musik, die schnell knallt und dann wieder weg ist, sondern sie brummt sich in die Eingeweide. Musik, die nicht nur gehört, sondern auch erlebt wird. Witch-House-Künstler sind keine Stars, die sich im Internet und auf der Bühne inszenieren, sondern unsichtbare Wesen, ähnlich geisterhaft wie ihre Musik. Sie tragen Masken und dunkle Gewänder, drehen pixelige, unscharfe Videos, die den Eindruck bestätigen, dass hier entkörperlichte Nicht-Subjekte am Werk sind. Ihr ganzer Auftritt zelebriert den Widerstand gegen die Ich-Schwemme im Internet.

Do-it-Yourself als feministische Selbstermächtigung

Etwa Anfang dieses Jahrzehnts legten die Songs wieder an Geschwindigkeit zu. Hellere Stimmen übertönen jetzt die ganz tiefen Frequenzen, und ehemalige Witch-House-KünstlerInnen, wie zum Beispiel die Kanadierin Grimes, suchen nach einer neuen musikalischen Sprache. Denn Moden und Trends wechseln schnell, und wer unangepasst und gleichzeitig dennoch auf dem Markt existent sein will, muss seine Strategie ständig ändern. Eines bleibt aber: Frau macht lieber alles selbst. Keine große Band steht hinter ihr, die Vielfalt der Sounds ergibt sich aus der elektronischen Bearbeitung von Stimme, Atem, Melodie – es entsteht ein Chor aus nur einer Stimme.
Die Souveränität als Künstlerin erwächst daraus, auf keinen (männlichen) Produzenten angewiesen zu sein. Diese Künstlerinnen sind solo! Das Alles-selbst-machen ist ein politisches Statement. Deswegen wird die Technik nicht als seelenloses Spielzeug verstanden, die ihre Nutzer immer beherrschen wird. Die Technik ermöglicht es, direkter als je das mitzuteilen, worum es geht. Auch wenn die Künstler eher alleine ihre musikalischen Wege zurücklegen, einsam muss trotzdem niemand sein: Denn im Internet ist man niemals allein!

"Jeder neue Versuch, die Sphäre des Digitalen zum Medium eines subjektiven Ausdrucks zu machen, erzeugt ihr Anderes: neue Formen des Nicht-Ich, der Entsubjektivierung. Am Anfang sind es Zombies und Geister, am Ende ist der Avatar an ihre Stelle getreten. Und der Mensch, der die Avatare erschafft, ist darüber selber zum Geist geworden. Aber was heißt das? Dass es am Ende eben doch wieder um den Menschen geht. Die Geister - das sind wir selbst. Der letzte nicht verfügbare Rest, der sich der universalen Beherrschung durch die Technik entzieht – das sind die Menschen selbst, ihre Wünsche, ihre Lust, ihr Begehren – und die Kunst, in der sie alldem Ausdruck zu verleihen versuchen. Das ist die Metaphysik 2.0."

Jens Balzer

Holly Herndon machte aus dieser Tatsache einen Song und teilte darin der NSA die Botschaft mit, dass sie um die geheimdienstliche Überwachung weiß. Außerdem geht es um die Liebe zu einem unsichtbaren Anderen, der in ihr Innerstes kriecht und ein Teil von ihrem Ich wird. Der Geist ist in ihr! Die NSA ist in ihr. Es ist aber kein klassischer Protestsong gegen Überwachung und Kontrolle, sondern Herndon tut so, als genieße sie den schwebenden Zustand zwischen Selbstbestimmtheit und Überwachung. Gut und Böse sind nicht mehr so klar getrennt – ein kluges Statement zur allgegenwärtigen Überwachung, der jeder mit seinem Smartphone zuarbeitet.

Die neuesten Entwicklungen nehmen "800% slower" zum Anlass, genau das Gegenteil von extremer Verlangsamung zu tun: schneller werden! Avatare nehmen den Platz von "echten“ Künstlern ein. "QT“ etwa von den englischen Produzenten Samuel Long und A.G. Cook, die hyperbeschleunigte Musik mit quietschenden Stimmen schaffen, deren Künstlichkeit in Ohren und - im Musikvideo - Augen schmerzt. Kein Echtes, nirgendwo. Was im Witch House dunkel und bassig war, ist jetzt grell und schrill. Nicht Geister und Zombies, sondern Avatare dienen als Leitbilder und geben die Möglichkeit, völlig neue Identitäten zu erfinden. Neue Ichs, entsubjektivierte Gestalten, jenseitige technische Wesen.

Einmal Jenseits und zurück


Zombies in der Popmusik
Von Jens Balzer

Mit Bibiana Beglau, Berenike Beschle, Bijan Zamani
Regie: Martin Zeyn
BR 2016, 57'29


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