Bayern 2 - Nachtstudio


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Alles Theater (2/4) - Zukunft des Theaters Die neue Stadt und ihr altes Theater

Die deutsche Theaterlandschaft ist in der Welt einzigartig: feste Häuser, feste Ensembles, Repertoirebetrieb. Aber sie hat an künstlerischer Relevanz und gesellschaftlicher Akzeptanz verloren. Eine Reform des Systems ist dringend notwendig, meint Tobi Müller und blickt auf die Debatte um die Zukunft des deutschen Stadttheaters.

Von: Tobi Müller

Stand: 19.07.2017

Berlin: Symptom tiefer Verunsicherung

Ganz Berlin und die halbe Gelehrtenrepublik erzittern gerade, weil ein belgischer Kunstkurator – Chris Dercon – ein deutsches Sprechtheater – die Berliner Volksbühne – übernimmt. Der Streit ist deshalb so heftig, weil es um die Zukunft eines ganzen Systems geht. Berlin ist nur Symptom für die tiefe Verunsicherung der deutschen Theaterlandschaft. Denn im Kern arbeitet dieses System an der Erhaltung des Apparats, hat seinen künstlerischen Mut verloren, produziert immer mehr vom Gleichen, schottet sich ab. Derweil verändern sich die Städte. In jeder deutschen Großstadt werden viele Sprachen gesprochen – in den billigen wie in den teuren Vierteln – auch die Eliten werden international.

"Warum ist es so einfach geworden, die Theater anzugreifen? Relevanzverlust. Den wir schon eine ganze Weile beobachten, weswegen sich die Theater in der Defensive befinden. Aus dieser Defensive haben sie mit Formen reagiert, die anstrengend waren für die Mitarbeiter in den Theater. Mit einer ungeheuren Zunahme an Produktionen, die nicht unbedingt besser wurden. Mit ängstlicher Routine, die sich breit machte."

Barbara Burckhardt, Theaterkritikerin

Wachstum statt Wandel

Die Theater haben inzwischen gegengesteuert. Sie beschäftigen sich mit Migranten und Geflüchteten, erproben Stadtraumprojekte und Kooperationen. Das ist richtig, aber noch keine Innovation. Der künstlerische Kern der Häuser bleibt meist stabil, es kommen nur immer mehr äußere Schichten hinzu. Das ist nicht Wandel, sondern Wachstum. Und Wachstum statt Wandel heißt: mehr Geld, mehr Veranstaltungen, mehr Arbeit für die Schauspieler. Aber weniger Zeit zum Nachdenken, weniger Kunst. Weniger neue jedenfalls.

Dortmund: Theaterlabor der digitalen Moderne

Die Arbeit von Schausspielleiter Kay Voges in Dortmund ist Beispiel für den Versuch einer Veränderung abseits der Metropolen. Sein Theater kooperiert mit Aktivistengruppen, die lieber im Stadtraum arbeiten als auf der Guckkastenbühne. Voges’ eigene Inszenierungen neigen zur Installation und gehen spielerisch mit Fragen der Digitalisierung um.

"Wir definieren uns hier in Dortmund als ein Theaterlabor für die digitale Moderne. Was bedeutet: Zu erzählen in einer Welt, die mit tausenden Links im Netz erzählt wird."

Kay Voges, Schauspielleiter am Theater Dortmund

München: Globalisierung im Theater

An den Münchner Kammerspielen versucht Matthias Lilienthal, Ensemble, Stadttheater und internationale Produktionen zu verbinden. Und überschreitet dabei ungeniert die Genregrenzen. Der Ungar David Marton inszeniert Musiktheater, der Japaner Toshiki Okada choreographiert Kammerspielschauspieler und das Kollektiv She She Pop zeigt Performance.

"In den neuen Münchner Kammerspielen ist anders, dass es ein fröhliches Patchwork ist aus Ensemble, Repertoire, Freien Gruppen, internationaler Zusammenarbeit und allen möglichen Mischungen dazwischen. Ich habe einen durch und durch positiven Begriff von Globalisierung, und mich interessiert der Austausch einer Lebenswelt von Tokio und München, von Beirut und München, von Paris und München."

Matthias Lilienthal, Intendant der Münchner Kammerspiele

Das Neue als Niveauverlust

Aber die Durchdringung von Stadttheater und Freier Szene, die Orientierung an Produktionshäusern und die damit verbundenen neuen ästhetischen Ausdrucksformen stoßen nicht immer auf Begeisterung. Es gibt auch die Angst vor darstellerischem Niveauverlust und vor einer Erosion gewachsener Ensembles und künstlerischer Zusammenhänge. In Berlin genauso wie in München:

"Sobald man in diesem tollen Bühnenrahmen, in diesem Jugendstilrahmen der Kammerspiele dann das macht, was ich eine 'Pipifax-Performance' nenne, ist das spürbar wie eine Verletzung."

Christine Dössel, Theaterkritikerin

Theater im Wandel

Das deutsche Stadttheater ist eine einzigartige Manufaktur, aber gleichzeitig laufen diese wunderbar störrischen Räume vielerorts Gefahr, ein Rückzugsgefecht aufzuführen. Es braucht eine starke Kunst, nicht nur eine starke Lobby. Und es braucht Köpfe, die den Wandel durchsetzen. München und Berlin sind die Städte, in denen sich entscheidet, ob das deutsche Stadttheater den rasenden Stillstand überwindet. Ob das alte Haus auch in den neuen Städten ein Platz für viele sein wird.

Zum Autor
Tobi Müller, Kulturjournalist, Moderator, Autor. Aufgewachsen in der Nähe von Olten (Schweiz), lebt und arbeitet seit 2009 in Berlin. Publikationen zu Pop und Theater, Theatertexte sowie Leitung von Gesprächsformaten.

Die neue Stadt und ihr altes Theater

Von Tobi Müller
Mit Caroline Ebner, Heiko Ruprecht, Sebastian Weber
Regie: Martin Zeyn
BR 2016, 58’35


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